Ist meine Vierjährige bereits in der Zahnlückenpubertät?

Zahnlückenpubertät mit vier Jahren

„Menno“, meckert Wirbelwind heute bereits zum drölfzigsten Mal. „Aber ich WILL das!“, schmollt sie noch einmal nachdrücklich hinterher und verschränkt die Arme. Ihre Unterlippe schiebt sich auffällig weit nach vorne. Es ist ein Tag, wie jeder, in letzter Zeit. Etwa seit Beginn des fünften Lebensjahres zeigt Wirbelwind ein Verhalten, das an einen pubertierenden Teenager erinnert. Aber mit vier? Da haben wir nun endlich die Autonomiephase hinter uns (die bei uns zum Glück nicht so heftig ausfiel), da steht der nächste Entwicklungssprung vor der Tür?

Was passiert in der Zahnlückenpubertät?

Im Internet liest man von der „kleinen Pubertät“, der „6-Jahres-Krise“ oder auch der „Zahnlücken-Pubertät“, in der Kinder im Alter von 5 bis 7 Jahren stecken. Ja, das passt. Nicht vom Alter her, aber vom Begriff. Pubertierend wirkt Wirbelwind auf mich in jedem Fall. Was sie in der Autonomiephase verpasste, scheint sie nun umso früher mit der Zahnlücken-Pubertät nachzuholen. Und dass, wo doch noch kein Wackelzahn weit und breit zu sehen ist.

Doch was ist überhaupt eine Zahnlückenpubertät? Es gibt ein Buch mit dem ansprechenden Titel „Wackeln die Zähne, wackelt die Seele“. Ich habe es (noch) nicht gelesen. Aber auch verschiedene Internetseiten haben eine Meinung zu diesem Thema, die hier einmal grob wiedergegeben werden soll.

Die körperliche Entwicklung des Kindes schreitet weiter voran. Es wird größer, die Gliedmaßen länger und auch die Körperwahrnehmung verändert sich, was dazu führen kann, dass das Kind plötzlich wieder öfter hinfällt oder sich stößt. Die ersten Zähne fangen an zu wackeln, das macht manchen Kindern Angst, da ein Teil ihres Körpers ins Wanken gerät. Gleichzeitig werden die Ansprüche von der Umgebung größer, je älter auch das Kind wird. Der Schulanfang rückt in greifbare Nähe. Das ist eine große Umstellung. Der vertraute Kindergarten soll zurückgelassen und ein unbekannter Lebensabschnitt beschritten werden. Das steigert zusätzlich Unsicherheit und Angst.

Anzeichen bei Wirbelwind

Ich sehe schon Anzeichen bei Wirbelwind, die für eine beginnende Zahnlückenpubertät sprechen. Ich versuche es einmal zu erläutern:

Stimmungsschwankungen

Sie jammert viel, ist grundsätzlich gegen alles, was ich vorschlage und ist in ihrer Stimmung schwerer einzuschätzen. Eigentlich ist sie ein Sonnenschein, der viel lacht und schnell zu motivieren ist etwas zu unternehmen. Aber immer öfter sagt sie am Wochenende, dass sie nicht herausgehen möchte. Oder sie weint einfach so los, ohne dass wir einen ersichtlichen Grund nennen können. Wenn wir sie dann fragen, warum sie weint oder so schlechte Laune hat, dann kann sie es selber nicht beantworten.

Autonomie

War sie vor ein paar Monaten noch gerne bereit, ihre Kleidung auszuziehen, damit ich sie eincremen kann, wird dieses Prozedere inzwischen so lange wie möglich hinausgezogen und wenn, dann aber bitte im Zeitlupentempo vollbracht. So schnell, wie sie Spalier steht, wenn ich mit Gummibärchen winke, so langsam ist sie, wenn ich sie bitte etwas zu tun, was ihren Körper betrifft. Hier zelebriert sie ihre Autonomie. Andere Dinge tut sie weiterhin gerne, wie Tisch decken oder anderweitig im Haushalt helfen. Nur sie als Person darf es nicht betreffen. Auf die Toilette gehen, zum Beispiel, bevor wir das Haus verlassen. Oder – ganz aktuell – die Matschhose anziehen. Das geht zur Zeit gar nicht! Vielleicht erwerbe ich doch noch eine glitzernde Elsa-Schneehose, damit sie mir im Winter nicht erfrieren muss. Der Zweck heiligt die Mittel, oder?

Außerdem sucht sie ab und an das Weite. Dann geht sie in ihr Zimmer und schließt die Tür hinter sich mit den Worten, dass sie ein bisschen alleine sein möchte. Wie so`n Teenie. Dann setzt sie sich an ihren Tisch und malt. Irgendwann kommt sie von alleine wieder heraus. Oder Wölkchen klopft so energisch gegen die Tür, dass ich sie doch öffnen muss, bevor sie sie kurz und klein haut.

Auch in der Sprache nehmen Ausdrücke zu, die man eigentlich erst später erwartet. „Das war ja cool“, sagte sie letztens zu mir. „Cool“ – irgendwie klingt es witzig, aus dem Mund einer Vierjährigen. Mal sehen, wie lange noch 😉

Hilfsbedürftigkeit

Dann fällt sie wieder zurück und fordert Hilfe ein für Dinge, die sie eigentlich bereits alleine kann. Den Reißverschluss ihrer Jacke zumachen, beispielsweise. Diese Phase hatte sie direkt nach Wölkchens Geburt bereits schon einmal gehabt. Hier wurde mir geraten, sie auch Baby sein zu lassen und alles zu machen, was sie nicht selber machen möchte. Das hatte sich gelegt, keimt nun aber wieder auf. Wenn ich geduldig neben ihr stehe, dann schafft sie es irgendwann – oh Wunder – alleine. Wenn ich keine Geduld habe, dann heult sie, als hätte ich ihr gerade Internat angedroht. Ich habe das Gefühl, dass dieses Verhalten auch mit Wölkchen zu tun hat. Sie ist inzwischen fast 1 1/2 Jahre alt und kann vieles scheinbar selbst: das Glas halten, herumflitzen, herumalbern… Sie sind gute Spielkameraden füreinander. Aber dennoch muss ich beide eben doch unterschiedlich behandeln. In vielen offensichtlichen Situationen nehme ich Wölkchen in Schutz, weil sie vieles eben noch nicht versteht oder motorisch noch nicht so weit ist. Das stößt wohl Wirbelwind auf, die ihre eigenen Privilegien (länger aufbleiben, mit Filzstiften malen, Bonbons essen etc.) scheinbar nicht in der Gewichtung wahrnimmt. Gleichzeitig wird Wölkchen vielleicht zunehmend als Konkurrenz gesehen, weil sie eben inzwischen weniger Baby und mehr Kind ist?

Körperliche Entwicklung

Körperlich scheint sich ebenfalls etwas zu tun. Zähne wackeln, wie gesagt, noch nicht. Allerdings fällt sie viel hin oder stößt sich. Die blauen Flecken und wunden Knie nehmen zu. Ich wundere mich schon gar nicht mehr, wenn sie wieder berichtet, dass sie im Kindergarten hingefallen ist. Sicherlich steckt ein körperlicher Wachstumsschub dahinter.

Auch hat sich Ihr Selbstbild gewandelt. Manchmal stellt sie sich morgens nackig vor mich und bemerkt gackernd „hihi, meine Brust kitzelt!“.

Was kann man dagegen tun?

Gegen die Stimmungsschwankungen des Kindes kann man nichts tun. Auch Wirbelwind wird wohl einfach da durch müssen (und ich gehe davon aus, dass es noch heftiger wird). Aber eines ist ganz wichtig: wir sollten als Eltern anerkennen, dass die Kinder gerade eine schwierige Zeit durchmachen und mit Verständnis reagieren. So heißt es zumindest. In dem Sinne übe ich mich schon einmal im Ruhe bewahren…. Ohhhhmmmmmm.

Eure Wiebke

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