Und die Moral von der Geschicht… Märchen auf dem Prüfstand

Fragwuerdige Moral Maerchen

Wirbelwind liebt Märchen. Zunächst faszinierte sie Aschenputtel, nun darf ich täglich das Rumpelstilzchen vorlesen. Keine Ahnung, welchen Narren sie daran gefressen hat. Und jetzt, zur Vorweihnachtszeit findet man ja überall das Märchenthema. In Einkaufszentren werden Märchen als Theaterstück aufgeführt. Im Puppentheater laufen Märchen rauf und runter. Und überall sind auf Weihnachtsmärkten die Geschichten als bewegliche Puppen installiert. Märchen wohin man blickt. Kein Wunder, dass Kinder so darauf stehen, weil sie sich freuen die bekannten Geschichten wieder zu erkennen.

Doch wenn man etwas genauer hinsieht, dann besitzen die Geschichten zuweilen eine seltsame Moral. Und jenseits der üblichen Zauberei wundere ich mich immer wieder über seltsame Vorkommnisse. Von der Brutalität möchte ich hierbei gar nicht reden. Hier einmal ein Abriss gängiger Märchen und ihrer fragwürdigen Ideologien bzw. unlogischen Wendungen.

Märchen mit fragwürdiger Moral

Das Rumpelstilzchen

Die Geschichte: Ein Müller lügt dem König eiskalt ins Gesicht und schreibt seiner hübschen aber armen Tochter Fähigkeiten zu, die sie überhaupt nicht hat. Nun soll sie sich vor dem König beweisen, sprich Stroh zu Gold spinnen. Dank des Rumpelstilzchens gelingt es ihr auch. Doch der gierige König möchte mehr. Nur weil die Müllerstochter dem Rumpelstilzchen ihr erstes Kind verspricht, hilft es ihr erneut. Der König ist begeistert und heiratet, gierig wie er ist, diesen vermeintlichen Goldesel. Nach der Geburt des ersten Kindes fordert das Rumpelstilzchen seine „Bezahlung“ ein. Nur wenn die junge Königin den Namen errät, darf sie das Kind behalten, was ihr schlussendlich auch gelingt.

Und die Moral von der Geschicht: Bescheiden sein, lohnt sich nicht. Mit anderen Worten: Es ist egal, was für ein blödes, geldgieriges Arschloch Du bist. Wenn Du Macht hast, dann bekommst Du jede.

Das tapfere Schneiderlein

Die Geschichte: Irgendwie beginnt es ja ganz niedlich: Das narzistische Schneiderlein tötet sieben Fliegen auf einmal und denkt er hat eine Großtat vollbracht. Also fertigt es sich in seiner überschwänglichen Freude einen Gürtel mit dem Spruch „Siebene auf einen Streich“ an. Dann geht er in die Welt hinaus, um damit anzugeben. Ein König springt auch tatsächlich darauf an und bittet ihn, ihm zu helfen das Königreich von zwei Riesen zu befreien. Es gelingt dem Schneider auch tatsächlich mit einer List und er erhält zum Lohn die Prinzessin und das Königreich.

Und die Moral von der Geschicht: Zeige nie dein wahres Gesicht. Oder eben: Wenn Du maßlos übertreibst, angibst und Dein Umfeld belügst, bekommst Du Frau, Macht und Reichtum.

Der gestiefelte Kater

Die Geschichte: Ein Müllerssohn erbt von seinem Vater einen sprechenden Kater. Dieser möchte seinem armen Herrchen helfen. Frisch bestiefelt gibt dieser sich gegenüber dem König als Diener eines Grafens aus. Als der König mit seiner Kutsche in der Nähe ist, springt der Müllerssohn auf Befehl des Katers nackig in einen See, faselt was von Diebstahl und dass er ein Graf sei, und gelangt so in die königliche Kutsche und zu neuen Gewändern. Sie fahren durch das Land eines Zauberers, den die Katze mit einer List vernichtet. Dem König gaugeln sie vor, dass dem Müllterssohn dieses Land gehört und der König schenkt ihm sogleich beeindruckt seine Tochter.

Und die Moral von der Geschicht: Führe alle hinters Licht. Oder auch: Nur wer reich ist und damit andere imponieren kann, bekommt noch mehr Reichtum, Macht und die Frau obendrauf.

Der Froschkönig

Die Geschichte: Der eitlen Prinzessin fällt ihre geliebte goldene Kugel in einen Brunnen. Ein aufdringlicher Frosch holt sie heraus mit der Bedingung, er wolle bei der Prinzessin essen und schlafen. Sie rennt davon, doch der Frosch hüpft quakend hinterher und fordert sein Recht ein. Widerwillig lässt sie ihn von ihrem Teller essen und nimmt ihn mit in ihr Zimmer. Dort wirft sie ihn voller Ekel durch den Raum, und der Frosch verwandelt sich in einen hübschen Prinzen. Die Prinzessin ist entzückt und heiratet ihn sofort.

Und die Moral von der Geschicht: Hässliche Wesen will man nicht. Mit anderen Worten: Auf die äußeren Werte kommt es an. Wer hässlich ist hat Pech. Hübsche Männer hingegen werden sofort geheiratet.

Ungereimtheiten

Rotkäppchen

Rotkäppchen möchte seiner Oma ein paar Leckereien vorbei bringen. Der Wolf hat sie unterwegs getroffen. Anstatt sie sofort zu verschlingen, findet er es wohl witziger, es etwas umständlicher zu tun. Daher flitzt er zur Großmutter, um Rotkäppchen dort zu überraschen. Toll, wie umsichtig der böse Wolf nun ist, als er die Großmutter isst. Zunächst entkleidete er sie nämlich komplett, eher er sie mit Haut und Haar verschlingt. Denn nur so kann er sich im Anschluss ihre Kleider überziehen und Rotkäppchen täuschen. Nun ja, sie hat den Braten wohl schon gerochen, als sie zur Tür herein tritt. Aber warum sie nun nicht einfach wegrennt, sondern den verkleideten Wolf noch mit seltsamen Fragen löchert, muss man nicht verstehen. Es kommt, wie es kommen muss: der Wolf langt zu. Zum Glück nimmt alles ein gutes Ende, und der Jäger rettet die zwei. Nur gut, dass der kleine, zierliche Wolf die zwei Menschen ganz ohne zu Kauen verschlungen hat. Eine beachtliche Leistung. Wäre jetzt wohl auch nicht so appetitlich, wenn der Jäger nur noch die Einzelteile von Großmutter und Rotkäppchen aus dem Bauch geschnippelt hätte.

Aschenputtel

Das arme Aschenputtel schummelt sich auf den Ball des Prinzen und imponiert ihm mit seiner Schönheit. Als es den Ball verlässt, damit ihre Tarnung nicht auffliegt, verliert sie ihren Schuh. Soweit, so gut. Nun geht der Prinz mit dem Schuh hausieren und verkündet, dass er die Frau heiraten möchte, der der verlorene Schuh passt. Okay, er ist klein, aber die Gefahr, dass eine Wildfremde vielleicht zufälligerweise die gleiche Schuhgröße wie Aschenputtel hat, ist wohl nicht zu abwegig. Nun denn. Sein Risiko. Eklig wird es dann, als sich die Stiefschwestern Hacke und Ferse abschlagen, um in den Schuh zu passen. Dass das Blut darin dem Prinzen nicht gleich auffiel, kann ja gut möglich sein. Aber dann später dem echten Aschenputtel den blutverschmierten Schuh überzustülpen, das ist schon etwas pervers. Liebes Aschenputtel, hast Du Dir das gut überlegt?

Das war er, mein kleiner Märchenexkurs. In dem Sinne bleibt mir nur zu sagen: Augen auf bei der Märchenwahl. 😉

Was hat Euch denn bei Märchen aufgestoßen?

Eure Wiebke

3 Comments

  1. 16 Dezember 2016 at 9:56 am

    Eine herrlich amüsante Erörterung von Märchen-Klassikern 😀
    Und sicherlich kann man Märchen ob ihrer fragwürdigen Moral hinterfragen – aber muss man das? Wenn ich mich so an den Deutsch-Unterricht, gerade in der Mittelstufe erinnere, dann hab ich mich immer gefragt, warum man jedes Buch, jede Geschichte kurz und klein diskutieren und überlegen muss, was die eigentliche Botschaft des Autors ist. Kann der denn nicht einfach nur eine Geschichte erzählt haben? Man weiß es nicht, insbesondere nicht bei bereits verstorbenen Autoren.
    Und so sehe ich für meinen Teil Märchen einfach als Kinderklassiker. Ich freue mich oft über die „altertümliche Sprache“ und wie sie den Kindern alte, teils schon vergessene Wörter und Redewendungen näher bringt.
    Im Endeffekt liegt es doch immer an uns Eltern, welche „Message“ rüberkommt und meiner Meinung nach ist das alles entscheidende, was wir unseren Kindern vorleben. Und die Grenzen, die uns (Frauen) da noch immer gesteckt sind, machen für mich das wahre Problem aus. Ich erwähne da als Stichwort nur kurz mein Unwort des Mama-Lebens: „Vereinbarkeit“!
    Also lasst uns Mamas (und Papas) weiter unser Bestes geben – und dazu gehört ganz gewiss das Vorlesen 🙂
    Ich lasse Dir ganz liebe Grüsslies da :*

    • 16 Dezember 2016 at 11:40 am

      Liebe Schnuppismama, vielen Dank für Deinen lieben Kommentar. Mich haben die Bucherörterungen auch immer gestört und ich mir gedacht, der Autor hat diese ganzen Dinge, die wir nun hineininterpretieren, sicherlich überhaupt nicht gewollt.
      Ich finde Märchen auch allein schon wegen ihrer Sprache wirklich wundervoll. Wirbelwind bekommt auch ein Märchenbuch zu Weihnachten geschenkt. 😉 Aber dennoch frage ich mich, was für eine Botschaft bei den Kindern ankommt, wenn man es unkommentiert so stehen lässt. Du hast recht, wir Eltern sind dann eben angehalten, bestimmte Passagen in Märchen kindergerecht zu erklären bzw. zu kommentieren.
      Lieben Gruß, Wiebke

  2. Julia
    Antworten
    17 Dezember 2016 at 6:57 pm

    Liebe Wiebke,
    wenn man das mal so aufdröselt, wie du es gemacht hast, ist das schon heftig was die Moral angeht. Man weiß ja, dass Märchen auch brutal sein können, aber so aufgeschrieben wirkt es nochmal viel schlimmer 🙂
    Als Deutschlehrerin halte ich trotzdem daran fest, weil Märchen eben nicht nur furchtbar sind, sondern auch wichtig. Aber ich weiß was du meinst!

    Was mir persönlich aufstößt ist das Märchen „Hans mein Igel“ – darin kommt sogar eine Vergewaltigung vor!!

    Ich habe Märchen geliebt als Kind, aber man sollte sie natürlich schon altersentsprechend wählen.

    Viele Grüße. Julia

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