Fremdbestimmtheit ist nicht gleich Fremdbestimmtheit

Fremdbestimmtheit in der Mutterschaft

Letztens las ich zwischen Tür und Angel einen Beitrag von „das frühe Vogerl“ zum Thema Fremdbestimmtheit, speziell um die Fremdbestimmtheit, die so viele Frauen einklagen, seitdem sie Mutter sind. Und obwohl ich an diesem Tag viel zu erledigen hatte, Termine hatte, arbeitete, usw., ließ mich das Thema nicht mehr los. Es hatte in mir ein Gedankenkarussell zum Laufen gebracht.

Genau an diesem Tag nämlich, war ich äußerst eingespannt. Ich ging um 9 Uhr auf Arbeit und verließ sie um 14:30 Uhr. Dazwischen hatte ich gefühlt drei Minuten Pause, in denen ich hastig etwas Obst hinunter schlang. Anschließend traf ich mich mit einer Freundin und ihren Kindern im botanischen Garten (mit kleinem Tierpark), damit die Kinder einen schönen Nachmittag verbringen können, während ich mir einen abfror und am Liebsten in meinem warmen Wohnzimmer sitzen wollte. Abends ging ich zum Chor, wo ich Stücke singen musste, die ich im Leben nie angerührt hätte. Erschöpft fiel ich nachts ins Bett und dachte: „das war ein schöner Tag“. Ich war fremdbestimmt von vorne bis hinten. Aber es war ein schöner Tag. Insbesondere der Vormittag war dabei das Element, was mir besonders gefallen hatte: es war stressig, es war hektisch, es war rastlos. Aber ich fühlte mich gebraucht. Ich fühlte mich so lebendig.

Inwiefern fühlen wir uns fremdbestimmt?

Viele Mütter beklagen, dass sie, seitdem sie Kinder haben, nicht mehr in dem Maße ihren Hobbies nachgehen können. Sie müssen ihre eigenen Wünsche und Bedürfnisse zurückstecken, um den Kindern einen angemessenen Rahmen bieten zu können. Auch ich habe öfter darüber geschrieben, sogar bereits kurz nach Blogeröffnung vor fast 3 1/2 Jahren. Ja auch ich brauchte meinen Freiraum, meinen Abstand vom Mama-Sein. Ich brauchte einfach anderen Input, als Kinderbespaßung. Ich brauchte andere Personen um mich herum, die mir eine andere Bestätigung gaben, als es mein Kind tun konnte. Und so ist es auch heute noch. Ich liebe meine Kinder über alles. Doch erst mit etwas Abstand, mit Pausen zum Durchatmen und mit anspruchsvolleren Tätigkeiten konnte ich auch in meiner Mutterrolle aufgehen. Erst dann fühlte ich mich komplett.

Was bedeutet überhaupt „Fremdbestimmtheit“?

Die soziologische Sicht auf die Fremdbestimmtheit

Doch halten wir erst einmal inne und überlegen uns, was dieses „Fremdbestimmtheit“ überhaupt bedeuten soll. Aus soziologischer Sicht verstehe ich das frühe Vogerl sehr gut, die den Alltag mit ihren Kinder nicht fremdbestimmter wahrnimmt, als die tägliche Arbeit oder andere gesellschaftliche Zwänge. Denn unser gesamtes Leben, alle Entscheidungen, die wir treffen, sind in irgendeiner Weise fremdbestimmt. In jeder Rolle, die wir einnehmen, sei es als Elter, als Fußballspieler, als Chorsänger, als Mitarbeiter oder als Freund, in jeder Rolle werden Erwartungen an uns gestellt, denen wir zum größten Teil unbewusst versuchen Rechnung zu tragen. Wir versuchen uns anzupassen und zu funktionieren und merken es in den meisten Fällen nicht einmal. Aber ist es dann, wenn man es nicht merkt, auch gleich selbstbestimmt? Welche Entscheidungen, die wir in unserem leben treffen, sind WIRKLICH selbstbestimmt? Wann tun wir etwas, weil wir es wollen, ohne darüber nachzudenken, was andere davon halten könnten oder welche gesellschaftlichen Konsequenzen dies haben könnte?

Nehmen wir einmal folgendes Beispiel: Du hast einen freien Nachmittag. Deine Kinder sind noch im Kindergarten und Du kannst entscheiden, was Du tun möchtest. Du entschließt dich bei dem schönen Wetter in die Stadt zu gehen und ein Eis zu essen. Genüsslich leckst du an deiner einen Kugel und bist glücklich. Du fühlst dich frei.

Doch bist Du wirklich frei? Warum hast Du beispielsweise nur eine Kugel genommen? Vielleicht scheust Du die verdatterten Gesichter der Passanten, wenn Du gleich drei oder vier Kugeln in der Waffel hättest. Oder Du denkst an deine Figur, die ja der in Zeitschriften und Fernsehen postulierten Norm entsprechen sollte. Warum isst Du überhaupt ein Eis? Vielleicht weil Du in Deiner Kindheit „erlernt“ hast, dass man bei schönem Wetter ja Eis essen gehen könnte. Wenn Du als Kind mit Deinen Eltern bei so einem Wetter eher picknicken warst, dann hättest Du wohl genau das nun in diesem Moment getan. Und nicht das Eis gegessen.

Fremdbestimmtheit als Gefühl

Ich möchte damit zeigen, dass Entscheidungen, die vermeintlich individuell und selbstbestimmt sind, IMMER einen Hintergrund haben. Manchmal bewusst, aber in den meisten Fällen eben unbewusst. Unser Handeln ist nie wirklich selbstbestimmt. Der Unterschied liegt hierbei aus meiner Sicht also weniger in der Tatsache, wann unser Handeln selbst- oder fremdbestimmt IST, sondern wann wir es so FÜHLEN!

Fremdbestimmt bedeutet für mich demnach, dass wir das Gefühl haben, nicht die Freiheit zu haben, die wir gerne hätten. Das heißt die Wahrnehmung darüber, ob wir in unserem Handeln fremd- oder selbstbestimmt sind, ist immer subjektiv. Und genau hier ist das Hauptproblem dieses Begriffes: jeder empfindet seine Freiheiten, seine Möglichkeiten der Selbstbestimmung, ob die Person nun Kinder hat oder nicht, als anders. Manch einer fühlt sich frei, wenn er abends in einer lauen Sommernacht auf dem Balkon sitzen darf, der andere braucht dafür ein Flugticket und mindestens einen Ozean zwischen sich und dem Alltag. Und nicht immer können wir nachvollziehen, dass wir andere Freiheitstoleranzgrenzen besitzen, als andere. Wo der eine bereits jammert, zuckt der andere noch mit der Schulter. Das ist einfach so. Und dieses Thema wird genau aus diesem Grund immer für Diskussionen sorgen: weil es uns schwer fällt die verschiedenen Herangehensweisen anderer Eltern zu verstehen.

Wann fühlen wir uns gerade bei unseren Kindern so fremdbestimmt?

Und genau jetzt wird es für mich interessant: Wann fühlen wir uns fremdbestimmter? Warum nehmen wir die Fremdbestimmtheit in manchen Situationen als weniger schlimm war, in anderen aber eben schon? Interessant finde ich hierbei, dass viele (so meine Wahrnehmung) Arbeit als weniger fremdbestimmt empfinden, als den Alltag mit ihren Kindern. Woran könnte das liegen?

These 1: Die Wahrnehmung

Ich stelle jetzt mal eine These auf: Fremdbestimmtheit ist nicht gleich Fremdbestimmtheit. Ich habe es oben bereits angedeutet. Fremdbestimmheit, die in gesellschaftlichen Normen verankert ist und von uns verinnerlicht wurden, ist für uns selten offensichtlich. Wir haben unsere Kindheit über erlernt so und so zu funktionieren und uns anzupassen, die und die Regeln zu verfolgen. Es ist uns ins Fleisch und Blut übergegangen. Und nun, plötzlich, kommt dieser radikale Bruch. Wir werden Eltern. Die jahrelang erlernte Fremdbestimmtheit weicht einer ganz anderen, plötzlich vor uns stehenden Fremdbestimmtheit. Wir haben gelernt für Geld zu arbeiten, uns gesellschaftskonform zu kleiden, uns höflich zu verhalten. Doch wir haben nicht gelernt, Tag und Nacht für ein Kind verantwortlich zu sein. Wir haben nicht gelernt an unsere körperlichen Grenzen zu gehen und uns in unserem Verhalten einem anderen Wesen komplett unterzuordnen. NATÜRLICH fühlt sich das fremd an!

These 2: Der Sinn

Und ich stelle eine weitere These auf, nämlich dass Fremdbestimmtheit für uns besser zu ertragen ist, wenn wir das Gefühl haben, dass es notwendig und sinnvoll ist. Irgendwie ist es auch verständlich, wenn man daraus schlussfolgert, dass Eltern in ihrer Erwerbsarbeit mehr Sinn sehen, als im Alltag mit dem Kind Windeln wechseln zu müssen oder den nächsten Wutanfall abzuwarten. Auf Arbeit sieht man, was man getan hat, sieht das Ergebnis seines Schaffens unmittelbar. In der täglichen „Arbeit“ mit seinem Kind ist das nicht so offensichtlich. Hier zeigt sich manchmal erst Jahre später, was wir richtig oder falsch gemacht haben. Klar, dass das in dem Moment nicht motiviert. Das soll nun nicht heißen, dass wir Eltern das Zusammenleben mit unseren Kindern für sinnlos erachten! Der Sinn erschließt sich aber eben meiner Meinung nach schwieriger und motiviert demnach weniger. Und was wir für sinnvoll und wichtig erachten, dass ist selbstveständlich auch gesellschaftlich geprägt 😉

These 3: Die Wahl

Und es macht einen Unterschied, ob wir die (gefühlte) Fremdbestimmtheit selbst wählen. Klar, werdet Ihr jetzt denken. Wir haben uns ja auch für unsere Kinder entschieden. Ja das stimmt. Aber im täglichen Miteinander entscheiden wir dann nicht mehr selber, wann uns unsere Kinder brauchen. Nein, das entscheiden sie ganz alleine. Auf Arbeit stellen wir irgendwann den PC aus. Da haben wir unsere vier, sechs oder acht Stunden am Tag, an denen wir sagen können: ok, das ziehe ich jetzt durch, und dann habe ich Feierabend. Dann kann ich wieder das machen, was ich möchte. Bei den Kindern ist es eben nicht so. Sie kennen keinen Feierabend. Sie lassen sich nicht abschließen, wie eine Bürotür oder herunterfahren, wie einen Computer. Das ist auch gut so. Aber es schlaucht eben auch. Weil wir als Eltern nicht einschätzen können, WANN wir denn mal Pause haben.

So, nun höre ich aber auf. Ich hoffe Ihr konnten meinen Ausführungen folgen.

Wie denkt Ihr darüber? Fühlt Ihr Euch durch Eure Kinder fremdbestimmt?

Eure Wiebke

P.S.: Ich erhebe in diesem Text, insbesondere im Abschnitt der soziologischen Sicht auf die Fremdbestimmtheit, keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Selbstverständlich ist das Thema viel komplexer, als hier dargestellt. Aber es handelt sich hier ja um einen Blog und keine Doktorarbeit ;-P

4 Comments

  1. 4 März 2017 at 9:24 pm

    Finde ich super, dass Du das so theoretisch und neutral/unparteiisch aufziehst. Ich denke, man hat an den Reaktionen (v.a. auf Twitter) völlig unterschiedlicher Mütter auf den Ursprungstext gesehen, dass sehr viele Mütter sich durch ihre Kinder fremdbestimmt fühlen und das kein so abwegiges oder seltenes Gefühl ist. Das hat mich beruhigt;-)
    Liebe Grüße

    • 5 März 2017 at 9:16 am

      Meine Liebe,
      das denke auch, dass dieses Gefühl weit verbreitet ist, sonst würde einen dieser Text nicht so „triggern“. Und ja das stimmt, es beruhigt doch auch 😉
      LG Wiebke

  2. 5 März 2017 at 8:03 pm

    Hallo Wiebke,
    Ich bin froh über deinen Text, mir ging es nämlich ähnlich mit dem Gedankenkarussell. Irgendwie fühlt man sich nach solchen Texten ja schon etwas angegriffen oder schuldig, wenn man sich genauso fühlt, wie es dort angeprangert wird. Danke, dass du das so schön analysiert hast. 😉
    Besonders interessant finde ich deine erste These. Ich frage mich, ob die Frauen in anderen Zeiten oder anderen Lebenswelten, die nur dazu erzogen wurden, Mütter und Ehefrauen zu sein, sich bei der Kindererziehung weniger fremdbestimmt gefühlt haben. So wie es uns bei der Arbeit geht. Und ob man sich wohl „umpolen“ kann.
    Liebe Grüße und schönen Sonntag noch,
    Martina

    • 5 März 2017 at 8:22 pm

      Liebe Martina,
      danke für Deine Rückmeldung. Freut mich, dass Du meinen Gedankengängen folgen konntest 😉 Ja ich denke schon, dass man früher, als man auf die Mutterrolle anders vorbereitet wurde, als heute, sich auch anders eingestellt hatte. Allerdings denke ich auch, dass die Veränderungen von „ohne Kind“ auf „Kind“ auch damals extrem waren und daher ähnlich empfunden wurden wie heute. Aber das lässt sich jetzt wohl nicht mehr nachweisen. 😉
      Also einen ganz lieben Gruß,
      Wiebke

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