Ich sehe dich nicht.

Ich sehe dich nicht.

Kennt Ihr diesen Moment, in dem Euch etwas schlagartig klar wird? Wenn Ihr merkt, dass die ganze Zeit vor Euch mit einem roten Tuch herumgewedelt wurde und Ihr es einfach nicht gesehen habt? Kennt Ihr das? Manchmal bedarf es nur eines Gespräches, einer Geste oder (in meinem Fall) eines Youtube-Videos, um die Augen zu öffnen. Und manchmal kann es ganz arg weh tun, zu sehen, was man die ganze Zeit nicht gesehen hat…

Ich sehe dich nicht.

Du rufst mich, aber ich höre dich nicht.
Du kuschelst dich an mich, aber ich gehe weg.
Du flehst mich an dich zu umsorgen, aber ich mache nichts.
Du sagst, ich solle neben Dir sitzen, aber ich tue es nicht.

Ich höre dich, aber ich verstehe dich nicht. Denke, du meinst es nicht so, wie du es sagst. Ich schaue dich an und sehe in dir ein Kind, das ich sehen möchte. Ich sehe nicht das Kind, das du bist.

Und dann passiert es.

Ich sehe nicht, wie du mir deine Hilferufe entgegen schreist. Ich kann dich zwar hören, aber nicht verstehen. Denn du bist doch schon so groß.
Ich sehe nicht, wie du nach meiner Zuneigung kämpfst. Ich kann es erahnen, aber ich spüre es kaum. Denn Du bist ja nicht der Kuscheltyp, denke ich.
Ich sehe nicht, wie du verzweifelt nach einem Anker greifst. Du zeigst es, aber ich schaue weg.

Zu deiner Schwester.

Ich sage Dir, wie groß du doch schon bist. Dass du das alleine können musst, dass du Rücksicht nehmen und zurückstecken musst. Denn du bist die Große. Aber du bist erst fünf. FÜNF Jahre. Ja, du bist die „Größere“, aber eigentlich bist du selbst noch so klein.

Und ich sehe es nicht.

Das Band zwischen uns

Es fällt mir schwer die Nähe zu dir zuzulassen. Ich selber blockiere innerlich, ohne zu wissen warum. Irgendwas in unserer gemeinsamen Zeit hat das Band zum Bröckeln gebracht. Irgendwas liegt da zwischen uns, dass ich mich nicht auf dich so einlassen kann, wie du es brauchst. Irgendwas versperrt mir die Sicht auf dieses wunderbare Wesen vor mir.

Jahrelang sah ich das selbstständige Kind, das als Baby nicht getragen werden wollte, das mit 1 ½ Jahren selbstständig ein- und durchschlief und das viel auf den eigenen Beinen stand. Ein Kind, das mit drei Jahren Verständnis dafür hatte, dass nun eine kleine Schwester in unser Leben getreten ist, das versteht, dass die Mutter ab sofort seltener für sie da ist. Ein Kind, das begreift, dass es nun nur noch die zweite Geige spielt.

Aber ist das so? Verstehst du das? Mit drei, mit vier, mit fünf Jahren?

Was du brauchst

Heute weiß ich, die Antwort auf die Fragen lautet NEIN.

Nein, du verstehst es nicht. Warum solltest du auch. Warum solltest du verstehen, dass Mama plötzlich (noch) weniger für dich da ist. Warum solltest du verstehen, dass ich mit deiner Schwester Dinge tue, die ich mit dir nie gemacht habe? Was für eine Botschaft sende ich dir aus, wenn ich immer erst deiner Schwester den Vortritt lasse?

Nur noch ein paar Monate, dann ist sie so alt wie du damals, als du meine Exklusivrechte verloren hattest und ich dir so viel Verständnis abverlangte. Würde ich das Gleiche von deiner Schwester verlangen, jetzt wo sie das Alter erreicht? Würde ich? Wahrscheinlich nicht. Denn sie ist doch so klein und du bist so groß. Denke ich.

Und das ist unfair, so dermaßen unfair. Und diese Ungerechtigkeit, die ich Dir angetan habe, schnürt mir gerade den Hals zu. Du kannst nichts dafür, dass du die Größere von meinen Kindern bist. Du hast es verdient genauso gesehen zu werden, wie deine Schwester, und dies auch zu spüren. Du hast es verdient als mein Wirbelwind gesehen zu werden, mit eigenen Gefühlen, Gedanken und Wünschen. Nicht nur als große Schwester, die funktionieren muss.

Du hast es verdient, dass ich mit dir kuschele, wenn du meine Nähe suchst. Du hast es verdient, dass ich mich zu dir setzte, wenn du es willst. Du hast es verdient, dass ich dir zuhöre, wenn du mit mir sprichst. Und du hast es verdient, dass ich dir den Halt gebe, den du brauchst. Immer. Zu jeder Zeit.

Und daher sage ich Dir heute mit einem dicken Kloß im Hals: Ich werde dich sehen. Von nun an, Tag für Tag. Das verspreche ich dir.

 

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Ich sehe dich nicht - eine Mutter öffnet die Augen - Verflixter Alltag Blog

8 Comments

  1. Meta
    Antworten
    11 Januar 2018 at 10:57 pm

    So wahr! Danke!

  2. Sonja
    Antworten
    12 Januar 2018 at 7:43 am

    Liebe Wiebke!

    Hut ab! So ehrliche Worte. Es ist einfach so, dass wir die kleinen/großen Dinge im Leben oft übersehen, überhören. Doch sich dessen bewusst zu werden und bewusster darauf einzugehen, dass finde ich so wichtig.
    Wir sind alle nur Menschen 😉
    Ich wünsche dir viel Feingefühl zu spüren was dein Schatz braucht und was du ihr geben kannst.
    Alles Liebe Sonja

  3. 24 Januar 2018 at 10:13 pm

    Danke.
    Kommt mir bekannt vor. Leider.
    Ich arbeite Tag für Tag an mir besser hinzusehen und zu -hören.

  4. Franziska
    Antworten
    25 Januar 2018 at 12:28 pm

    Ich sitze gerade hier und weine. Genau so geht es mir. Mein Großer ist im Dezember 3 Jahre alt geworden und die kleine ist jetzt 10 Monate. Ständig lobt man den Großen für seine Selbstständigkeit und verlangt soviel von ihm. Wenn er abends weint, weil ich die Kleine ins Bett schaffe und immer wieder zu ihr muss, weil sie nicht einschlafen kann, schimpfe ich mit dem Großen weil er nicht mal kurz warten kann. Aber du hast recht! Er ist ja auch noch klein!
    Schon kurz vor der Geburt der Kleinen, wurde mir bewusst, dass das alles irgendwie unfair ist. Der Große muss mit 28 Monaten plötzlich seine Mama teilen und die Kleine wird mich niemals so voll und ganz für sich haben, wie es der Große hatte. Mama sein kostet soviel Kraft! Und manchmal ist es emotional viel anstrengender als körperlich!

    Du hast mich zum Nachdenken angeregt!

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