Was eigene Kinder mit meinem Selbstwert machen

Selbstwert einer Mutter

Das Radio läuft. Es singt Whitney Houston „The greatest love“. Ich rufe Wirbelwind, weil ich weiß, dass sie das Lied sehr mag, wenn ich es ihr vorsinge. Sie schaut mich irritiert an und weiß nicht, was ich von ihr möchte.
„Du magst das Lied doch so!“
„Aber ich mag es lieber, wenn du es singst.“
„Aber Whitney Houston hat die bessere Stimme.“
„Ich finde deine Stimme viel schöner.“
Zack. Wieder so ein Moment, der zeigt, dass Schönheit nicht objektiv ist.

Rückblick

Ich war als Kind sehr schüchtern. Ich hasste dieses Wort. Ich empfand mich damals nicht als schüchtern. Es war eine Zuschreibung von anderen, weil ich immer sehr ruhig war (und es heute auch größtenteils noch bin). Das hatte aus meiner Sicht aber eher den Grund, weil ich viel und gerne beobachtet habe. Schüchternheit war für mich eine Schwäche. Wer schüchtern ist, ist nicht stark. Er schafft es nicht, aus sich herauszukommen und seinen Standpunkt zu vertreten. Deshalb war ich nicht schüchtern – in meinen Augen. Ich habe eben viel nachgedacht: über mögliche Reaktionen der anderen, wenn ich so oder so agiere, darüber, was andere von mir denken könnten.

Im Nachhinein gesehen passt das Wort schüchtern wohl doch ganz gut dazu. Denn das war die Konsequenz dieses ganzen Nachdenkens und Abwägens: ich kam nicht aus mir heraus. Viel Zeit habe ich in diesem Zusammenhang verwendet, darüber nachzudenken, wie ich mich verhalten muss und auszusehen habe, damit man mich mag. Denn das war für mich klar: ich werde nicht einfach so gemocht, ich muss dafür etwas tun: lieb sein, freundlich sein, nicht anecken, makellos aussehen.

Nun kann man überlegen, wo diese Gedanken herrühren. Jede eigene Kindheit hat so seine Tücken. Das hier zu vertiefen ginge zu weit. Die Gedanken waren eben da. Und sie haben mich mein Leben lang begleitet, tun sie immer noch. Auch heute handle ich zum größten Teil genau so: ich würde es am liebsten allen recht machen, Konflikte vermeiden und eine heile Welt haben. Ich versuche (scheinbare) Makel zu kaschieren und perfekt zu wirken – in jeglicher Hinsicht.

Ein Gedanke

Und dann schlich sich letztens ein Gedanke ein, der so einfach, aber in seiner Einfachheit eben dann doch für mich nicht greifbar war: Was, wenn ich einfach dafür geliebt werde, wer ich bin und wie ich bin. Mit allen Ecken und Kanten, mit allen „Makeln“. Einfach weil es mich selbst komplexer, interessanter und Ich-Selbst werden lässt? Eine Person mit allen Facetten, nicht nur den guten, schönen, perfekten, sondern eben auch mit den traurigen, wütenden und den Besonderheiten, die mich ausmachen. Eine Person, die sich in ihrer Gänze zeigt. Und trotzdem geliebt wird.

Perspektivwechsel

Grund für diesen Gedanken ist ein Perspektivwechsel, den ich seltsamerweise in meiner 10-jährigen Mutterschaft bislang noch nicht vorgenommen hatte: Ich habe meine Kinder betrachtet und mich gefragt: wird meine Liebe zu ihnen weniger, weil sie mal wütend oder traurig sind? Oder weil ihre Haare heute verwuschelt sind, weil die Hose ein Loch hat oder die Zähne etwas schief stehen?

Für Euch klingt es vielleicht übertrieben. Vielleicht könnt ihr die Gedanken auch nicht nachvollziehen. Denn genau das, habe ich mich mein Leben lang gefragt. Für mich war es nun ein Augenöffnen: Natürlich liebe ich meine Kinder so wie sie sind. Eben weil sie so sind, wie sie sind. Ich möchte nicht, dass sie irgendwie anders sind. Denn genau deshalb, weil sie sich so verhalten und so aussehen, sind sie doch meine geliebten Kinder. Ich liebe sie abgöttisch. Einfach so. Weil sie so sind, wie sie sind.

Und auch ich werde geliebt. So wie ich bin. Meine Kinder, mein Mann, kennen mich mit allen Facetten und sind immer noch bei mir 😉 Wie mich die Kinder mit ihrer rosaroten Brille betrachten, tut meiner Seele gut. Ich kann singen, und ich habe für sie die schönste Stimme. Ich kann lachen, und habe für sie das schönste Lachen. Ich kann sie küssen, und sie küssen mich zurück. Sie lieben mich – bedingungslos, so wie ich sie bedingungslos liebe. Und nicht nur den Kindern tut das gut, sondern auch mir.

Im Nachhinein merke ich, dass im Herzen dieses Gefühl bereits kurz nach der Geburt angekommen ist. Es war die Zeit als Mutter, die mich gestärkt und selbstbewusster hat werden lassen. Alte Verhaltensweisen sind dennoch nicht leicht abzulegen. Aber nun, nach 10 Jahren, vielleicht setzt nun langsam ein Prozess des Verstehens ein. Ein Prozess, der mich noch stärker und sicherer macht. Eine Sicherheit, die ich auch meinen Kindern weitertragen möchte. Damit sie sich später nicht immer wieder fragen müssen: was denken die anderen?

Drückt ihr mir die Daumen?

Eure Wiebke

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