Ich sehe was, was Du nicht siehst

Mutterliebe

Kennt Ihr diese Momente, wenn sich eine fremde Person Deinem Kind nähert und einen oberflächlichen Kommentar ablässt wie: „Der ist ja süß!“ oder „Sie ist wohl müde?“. Diese Sätze können durch wahllos andere ersetzt werden. Doch sie haben alle eines gemeinsam. Sie sind von einer Person gesagt worden, die mein Kind so überhaupt nicht kennt. Sie kann nicht wissen, was gerade im Kind und in mir als Mutter und – noch wichtiger – zwischen Kind und Mutter vor sich geht. All diesen Fremden sei dieser Text gewidmet.

Lieber Fremder,

Du kennst mich nicht, ich kenne Dich nicht. Und noch viel wichtiger, Du kennst mein Kind nicht. Du siehst dieses kleine, fröhliche Energiebündel die Straße entlangstampfen und denkst vielleicht „was für ein süßer kleiner Fratz“. Vielleicht geht Dir auch etwas anderes durch den Kopf. Aber mit Sicherheit siehst Du nicht das, was ich sehe.

Du siehst einen Mund.

Ich sehe diese vollen Lippen, die sich beim Lachen so schön in die Breite ziehen. Ich sehe ein freches Grinsen, das mich anlacht, wenn sie genau das Gegenteil von dem macht, was ich gerade möchte. Ich sehe einen Mund, der sich ganz konzentriert zusammenzieht, wenn sie versucht das zuvor in Einzelteilen zerlegte Teelicht wieder zu einem Ganzen zusammenzufügen.

Du siehst zwei Augen.

Ich sehe den wachen Blick, der alle Ereignisse um sie herum mit großen Interesse verfolgt. Ich sehe darin ihre Angst, noch bevor sie sie mir mitteilt. Ich sehe darin ihre Neugier, noch bevor sie ihren Finger hebt und „da!“ ruft. Ich sehe ihr Vertrauen, wenn sie mich ansieht und sich schließlich in mich fallen lässt.

Du siehst eine Nase.

Ich sehe dieses Stupsnäschen, welches sie so niedlich rümpft, wenn sie glücklich ist. Ich sehe, wie sie damit an ihrer vollen Windel schnuppert, das Gesicht verzieht, laut lacht und mir das stinkige Ding Freude strahlend entgegen hält. Ich sehe wie sie an ihre Nase fasst, wenn ich sie danach frage. Und ich sehe auch, wie sie sich ein Taschentuch schnappt und energisch an ihr Riechorgan drückt, um „auszuschauben“.

Du siehst zwei Beine.

Ich sehe diese zwei kleinen Stampfer, die sich ihren Weg durch die Welt bahnen, die sich mitsamt dem daran hängenden Energiebündel auf dem Boden werfen, wenn es nicht bekommt, was es gerne hätte. Ich sehe muntere Beine, die eifrig losflitzen, wenn sie Papa kommen hört oder Beine, die kess an den Hochstuhl klopfen, wenn es Abendbrot gibt. Ich sehe zwei süße Beinchen, die plötzlich ganz ruhig sind, wenn sein Besitzer den Weg in meine Arme geschafft hat.

Zwei Perspektiven

Ich nehme es Dir nicht übel, dass Du nicht das siehst, was ich sehe. Auch wenn ich denke, dass Du da sehr viel verpasst. Aber ich sehe es in Deinen Kindern auch nicht. Und das ist in Ordnung. Denn Du hast all die Erfahrungen mit ihnen gemacht, sie in ihrem bislang kurzen Leben begleitet, beim Essen bespaßt und beim Spielen zugesehen. Du kennst Ihre Vorlieben, hast sie in Krankheiten gepflegt und tagein tagaus beim wachsen zugesehen. Du kennst sie in- und auswendig, so wie niemand anderes sonst. Genauso wie ich mein Kind.

Ich weiß, was sie denkt, wenn sie mich schelmisch oder traurig anschaut. Ich weiß, was sie fühlt, wenn sie einen fremden Raum betritt. Ich weiß, was sie will, wenn sie auch nur einen leisen Quiekton von sich gibt. Ich sehe nicht nur ein Kind, ich sehe ein wundervolles, komplexes Wesen, das mein Herz erweicht. Vor Freude, wenn es lacht, vor Schmerz, wenn es weint, ja auch vor Ärger, wenn es mir zu Nahe geht. Es ist ganz tief mit mir verbunden. So tief, dass ich es selber kaum zu fassen wage. So tief, dass ich es am liebsten die ganze Zeit ganz fest an mich drücken würde.

Sicherlich geht es Dir auch so. Aber das sehe ich nicht, so wie Du es bei mir nur erahnen kannst. Sei Dir dessen bewusst, ich bin es mir auch.

Eine liebende Mama

4 Comments

  1. 11 November 2016 at 8:52 pm

    So schön <3
    Eine ähnliche Idee mit dem Titel "Ich sehe Dich" schlummert in meinem Entwürfe-Ordner – mit den 25 anderen 😉 LG

    • 14 November 2016 at 7:19 pm

      Dann bin ich gespannt auf Deine Idee 😉
      Und pssst: bei mir sind es auch fast so viele Entwürfe 😛
      LG Wiebke

  2. 14 November 2016 at 8:01 pm

    Schööön!

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