Erste Male

Erste Male - Zelten mit Kindern

Das erste Mal

Es ist warm. Ich kreise um diesen glatt-klebrigen Stoff herum. Bestimmt 15 Jahre lang lag er ungeachtet im Schrank, hat 3 Umzüge überstanden. Nicht genutzt aber dann doch irgendwie für so wichtig befunden, ihn zu behalten. Die Grashalme piksen an den Füßen. Es dämmert. Es wird Zeit. Hier eine Stange, dort eine Öse. Hier ein Hering, dort ein prüfender Blick. Nun noch ein kräftiger Ruck und… es steht. Ich kann es noch. Das Zelt wiegt sich sanft im lauen Wind. Schweißperlen bilden sich auf meiner Stirn. Ich inspiziere den Stoff. Er sieht gut aus, bis auf ein kleines Loch. Aber zum Glück soll es in der Nacht trocken bleiben. Ich hole die Matratzen und Schlafsäcke und lege sie hinein. Fertig. Es ist alles bereit. Bereit für mein erstes Mal mit Kindern. Bereit für das erste Mal für die Kinder: Zelten.

Vier und sieben Jahre mussten sie dafür werden, damit sie dieses erste Mal erleben durften. Mein erstes Zelten war deutlich eher. Dafür haben meine Kinder andere Dinge bereits gemacht, von denen ich damals nicht zu träumen gewagt habe: Reiten, das Meer sehen, im Hotel übernachten. Erste Male wandeln sich eben auch im Laufe der Zeit. Aber nicht nur von Generation zu Generation. …

Laute und leise „erste Male“

Auch die ersten Male in EINEM Leben werden ganz unterschiedlich gesehen. Zu Beginn sind es Meilensteine. Laut und eindringlich poltern sie daher. Der erste Spaziergang nach der Geburt wird zelebriert, das erste Lächeln mit einem Feuerwerk an Aufmerksamkeit gefeiert. Das erste Drehen, das erste Krabbeln, die ersten holprigen Trippelschritte. Wir sind als Eltern hautnah dabei und bejubeln jedes Ereignis. Laut. Kräftig. Freudig.

Doch dann wird es irgendwann weniger. Nein, nicht die Ereignisse, die ersten Male, werden weniger, sondern die Lautstärke unseres Jubels. Wir werden leiser. Vieles wird selbstverständlich. Manches Verschwommen. Und Einiges wird gar nicht mehr gesehen. Die erste feste Nahrung wurde noch als Video festgehalten. Der erste Zahn umständlich fotografiert. Aber wann hat das Kind den ersten Pfirsich verdrückt? Wann hat es das erste Mal zehn Stufen ohne sich festzuhalten geschafft? Wann hat es das erste Mal die Wäsche mit aufgehängt? Wann hat es seinen ersten Mückenstich bekommen? Wann hat es zum ersten Mal eine Socke alleine geschafft anzuziehen?

Leiser, unmerklicher. Weil es für uns irgendwann einfach nicht mehr so bedeutsam ist. Vielleicht. Und weil es einfach zu viel wird sich zu merken. Bestimmt. Nur ein paar erste Male bleiben laut. Die erste mündliche Liebesbekundung, der erste Wackelzahn, die Einschulung, der erste Liebesbrief … .

Und irgendwann, viel schneller als wir denken, werden die ersten Male zu letzten Malen, und bemerken es vielleicht nicht einmal. Weil sie im Fluss des Lebens eben manchmal untergehen. Weil wir gerade „Wichtigeres“ zu tun haben. Dabei müssen diese ersten Male nicht immer laut und polternd sein. Aber intensiv, das wäre doch schön.

Aufgewacht

Die Nacht war gut. Die Kinder haben geschlafen wie ein Stein. Verträumt öffnet Wölkchen morgens ihre Augen, streckt sich und schaut mich an. Ich gebe ihr einen Kuss und frage: „Wie war deine erste Nacht im Zelt?“. „Schön“, antwortet sie mit verschlafenen Lächeln im Gesicht.

Ich drücke sie ganz fest und freue mich schon jetzt auf das zweite Mal.

Eure Wiebke

 

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Erste Male im Leben eines Kindes

1 Comment

  1. 7 Juli 2019 at 9:23 am

    schön…

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