Ade zur Kindergartenzeit

Ade zur Kindergartenzeit

„Ich bin so traurig, weil morgen mein letzter Tag im Kindergarten ist!“

Wir sitzen im Flur. Es ist Donnerstagabend und Wölkchen blickt mich traurig an. Wie so oft schafft sie es, ihre Gefühle klar zu artikulieren. Sechs Jahre ist sie inzwischen alt. Alt genug, um in die Schule zu gehen. Doch jeder neue Lebensabschnitt geht auch mit dem Ende eines anderen einher. Und so muss sich Wölkchen nun von ihrer Kindergartenzeit verabschieden.

Rückblick auf die Kindergartenzeit

Die ersten Jahre waren durchwachsen. Anfangs ging sie gar nicht gerne in den Kindergarten. Dann wurde es etwas besser, aber auch hier gab es Tage, wo sie am Liebsten gar nicht zur Gruppentür hinein gehen wollte. Erst nachdem wir letzten Sommer zur Kur waren und sie dort in einem Kindergarten war, der ihr so überhaupt nicht gefallen hat, weiß sie „ihren“ zu schätzen. Das letzte Jahr fühlte sie sich sehr wohl dort und genoss auch die Nähe zu ihrer Erzieherin, die auf Grund ihres Alters wie eine Oma für sie war.

Nun sitzt sie auf meinem Schoß und ist den Tränen nahe. Ihre Erinnerungen an die Kindergartenzeit werden schöne sein. Entschlossen steht sie auf und holt ihren Ordner hervor, in dem alle schönen Momente der letzten 5 Jahre festgehalten wurden. Wir verkrümeln uns auf das Sofa, kuscheln uns in eine Decke und schauen uns die Bilder und Geschichten an. Es ist ein schöner Trost zu wissen, dass die Erinnerungen nicht nur im Herzen, sondern auch in einem Ordner festgehalten sind, den man immer wieder herausholen kann. Wölkchens Laune wird besser. Wir beschließen der Erzieherin noch ein kleines Abschiedsgeschenk zu machen.

Abschied

Am nächsten Tag ist alles vorbereitet. Der letzte Tag. Wölkchen ist gut drauf. Allerdings ist sie komplett schwarz gekleidet. Zufall? Wölkchen sagt, sie hat es bewusst so ausgesucht.

Im Kindergarten stehen wir unschlüssig in der Tür zum Gruppenraum. Die Erzieherin kommt uns begrüßen. Wir überreichen das kleine Geschenk und uns stehen Tränen in den Augen. Die Erzieherin ist, wie ich, sehr nah am Wasser gebaut. Wir sind ein gutes Gespann, insbesondere jetzt. Sie bedankt sich auch bei uns für die schöne Zeit und drückt das Wölkchen herzlich. Ich habe sie gut aufgehoben gewusst die letzten Jahre. Und das ist viel wert.

Letzte Male

Schon seltsam, diese letzten Male. Viele letzte Male nimmt man als solche gar nicht so bewusst war. Das letzte Mal das Kind gefüttert, das letzte Mal den Po auf der Toilette abgewischt, das letzte Mal gemeinsam in einem Bett geschlafen … Vieles plätschert an uns vorbei, ohne dass wir bemerken, wie es geht, und oft auch ohne dass wir es vermissen. Und dann gibt es letzte Male, die man ganz bewusst bestreitet, wie diesen hier. Vielleicht ist es deshalb so schwer.

Die erste große Veränderung

Vor allem ist dieser Schritt aber so schwierig, weil die Veränderung so enorm ist. Eine Erzieherin meinte letztens zu mir: „Es ist die erste große Veränderung, die die Kinder durchmachen.“
Ja, das stimmt. Für viele Kinder ist das die erste bewusste Veränderung in ihrem Leben, in welchem sie aus ihrer gewohnten Umgebung gerissen, Bezugspersonen verabschiedet werden und eine neue Einrichtung mit all seinen unbekannten Regeln, Personen und Aufgaben betreten werden soll. „Transition“ heißt dieser Schritt, in welchem der Wechsel von einem System zu einem anderen erfolgt. System deshalb, weil nicht nur die Kinder eine Veränderung erfahren, sondern eben auch die Erziehungsberechtigten.
Heulend vor der Erzieherin zu stehen war für die Transition wohl weniger förderlich. Aber darüber hinaus versuchen wir mit einem feierlichen Schulanfang, vielen Gesprächen und schönen Erzählungen von der großen Schwester dem Wölkchen eine positive Sicht auf die Veränderungen zu geben.

Wie es klappen wird, das werden wir dann in einer Woche sehen, wenn wir den Schulanfang feiern. Nun darf Wölkchen erst einmal mit ihrer Schwester eine Woche auf dem Reiterhof sein. Es ist vielleicht ganz gut, wenn zwischen Kindergarten und Einschulung ein wenig Zeit liegt, um Abstand zu bekommen und noch einmal durchzuschnaufen.

Eure Wiebke

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