Intimsphäre

Intimität. Das war für mich früher ein selbstverständliches Gut. 
Ich wollte meine Ruhe? Dann habe ich mich in mein Zimmer verkrümelt und war allein. 
Ich musste auf die Toilette? Nichts einfacher als das. Einmal hinüber laufen, hingesetzt und los ging es. Ich musste nicht einmal die Tür schließen und blieb dennoch allein. 
Ich wollte in Ruhe ein Bad nehmen? Rein in die Wanne, Wasser aufgedreht und Entspannung pur. 
Und nun? Nun sieht es irgendwie anders aus.

Ich will meine Ruhe? Dann muss ich bis 20 Uhr warten, wenn das Kind schläft. Und dann krabbel ich weiter um den Tisch herum, um das Kind kläffenderweise zu jagen.
Ich muss auf Toilette? Kein Problem. Und Ich muss mir keine Gedanken um das Abwischen machen, das erledigt mein Kind. Einmal Klopapier abreißen, an den Po der Mama halten und dabei ganz geschäftig gucken. Ist ja auch ne ernste Sache, so eine Körperpflege. Und anbei können wir den Schlüpfer der Mutter auch noch genaustens inspizieren.
Ich will in Ruhe ein Bad nehmen? Wie Baden. Das gibt es nicht. Vielleicht Duschen. Aber auch da ruft so ein kleines Stimmchen aus dem Hintergrund immer „zusammen duschen“. Wenn man das Stimmchen irgendwie schafft zu ignorieren und sich alleine hinter die Duschwand manövriert hat, klopft es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ein paar Sekunden später lautstark gegen die Duschwand. „Bumm. Bumm“ Und dann sind zwei Patschehand-Abdrücke durch das Milchglas zu bewundern, und vielleicht noch ein Mund, der die Wand ableckt. Dann wandern die Hände zum Ende der Duschwand und „Kuckuck“ schaut ein süßer, kleiner, verschmitzt lachender Kopf herein und bewundert meine Nacktheit.
Aber das Überaschende: es stört mich nicht. Klar muss sie jetzt nicht gerade zusehen, wie ich meinem monatlichen Besuch auf der Toilette begrüße. Aber diese fehlende Distanz, der fehlende Respekt vor dem Abstand des Kindes zur Mutter, die intimen Momente der Einfachheit und Ungezwungenheit sind so erfrischend. Ich muss mich nicht verstellen. Meine Haare müssen nicht perfekt sitzen. Meine Augenringe dürfen um die Wette strahlen. Es interessiert sie nicht. Es interessiert sie nur meine Person, meine Aufmerksamkeit, meine Achtung, meine Hingabe.
Ich kann ich selbst sein, weil sie sie selbst ist und mich so akzeptiert wie ich bin. Ein tolles Gefühl! „Intimität“ bedeutet für mich heute also nicht mehr meine Privatsphäre zu haben, sondern auf mein Kind einzugehen, uns als Menschen wahrzunehmen, die Zweisamkeit zu erleben. Ich genieße die Intimität und ich hoffe, dass sie noch lange für uns selbstverständlich wird. Und dafür nehme ich auch in Kauf nie in Ruhe mal auf der Toilette sitzen zu können!

2 Comments

  1. 29 Mai 2014 at 6:13 pm

    Liebe Wiebke,
    du hast ja so Recht… und es so schön gesagt! Zwar bin ich erst vor ein paar Tagen auf dein Blog gestoßen, aber dafür gleich kleben geblieben und freue mich gleichermaßen auf das Durchstöbern älterer Posts wie auf neue!
    Herzliche Grüße
    Anne

    • 29 Mai 2014 at 7:00 pm

      Liebe Anne, das freut mich, dass dir der post und blog gefällt. Viel Spaß beim stöbern. Lieben Gruß, Wiebke

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