„Wer zuerst oben ist!“ – oder: der ständige Wettbewerb

Wettbewerb unter Kindern

„Wer zuerst oben ist!“

Diesen Satz habe ich nicht aus Wirbelwinds Mund zum ersten Mal gehört, sondern aus dem Mund des Papas. „Wer zuerst oben ist“, sagt er, wenn Wirbelwind am untersten Treppenabsatz zu trödeln droht. Und schon ist gewiss, dass sie die 40 Stufen wie der Sausewind hinaufflitzt, um zu gewinnen. Es funktioniert. Das Kind ist oben. Aber gibt der Erfolg hier recht?

Wettbewerb – nein danke?

Ich sage dann immer zu meinem Mann, er solle das nicht sagen. Sonst guckt sie sich das ab. Aber zu spät. Nun macht sie es auch. Hier ist sicherlich nicht nur der Papa „Schuld“, auch im Kindergarten und auf dem Spielplatz ist ein regelrechter Wettkampf darüber ausgebrochen, wer zuerst an der nächsten Laterne, an der Ampel, am nächsten Stöckchen oder Steinchen ist. Der Satz ist noch nicht einmal vollendet, und schon rennt Wirbelwind los. Das ist manchmal amüsant, manchmal nützlich, aber immer öfter auch lästig. Und ich frage mich: ist das der Anfang vom Leistungsdruck? Ein Leistungsdruck, den die Eltern unbewusst ihren Kindern auf den Weg geben und welcher sich dann im Kindergarten von Kind zu Kind den ganzen Tag hindurchschlängelt, wie ein Geschwür, das nicht mehr zu stoppen ist?!

Letztens war Wirbelwind beim „Vorschulturnen“. Auch hier dasselbe Spiel: Die Kinder wurden in drei Gruppen aufgeteilt und es wurde geschaut, wer am schnellsten über die Bänke gerutscht ist. Was hier so spielerisch beginnt, kann irgendwann fatal enden. Denn wo ein Wettbewerb ist, gibt es nicht nur Gewinner, sondern auch Verlierer.
Manche mögen jetzt sagen: es ist gut, wenn man auch mal als Verlierer dasteht, denn nur so kann man lernen mit Niederlagen umzugehen. Und da stimme ich vollkommen zu. Die Frage ist nur, wie viel Niederlagen noch gut sind, und ab wann ein Kind daran zerbricht.

Wettbewerb von Klein auf

Und dann komme ich ins Grübeln und denke, dass meine Weste auch nicht die Reinste ist. Fangen wir nicht schon bei den Babys damit an? Mein Kind kann schon das Köpfen so schön heben. Es plappert so fein. Es kann an der Zahnbürste herumbeißen, ohne den Würgereflex auszulösen, es kann den Fuß in den Mund stecken, Dinge bewusst fallen lassen, es hat den ersten Zahn, es kann robben, krabbeln, laufen…
Insgeheim fangen wir doch bereits bei den Kleinsten an sie zu vergleichen. Und das nicht nur, um sicherzustellen, dass es sich prächtig entwickelt. Nein, wenn wir ganz ehrlich sind, sind wir doch auch stolz darauf, wenn unser Sprössling etwas eher als andere macht. Aber vielleicht können wir auch nicht anders. Wir haben es ja in unserer Kindheit so gelernt.
Eure Wiebke

4 Comments

  1. 8 Dezember 2015 at 10:11 am

    Liebe Wiebke, sehr schöner Text! Ich habe selber relativ schnell von dem "wer zuerst…" abgelassen, einfach weil ich zwei Kinder habe und dann logischerweise immer einer geheult hat. Manchmal muß es ja schnell gehen, aber es wäre schöner, nicht immer auf die letzte Sekunde zu planen und dann die Kinder unter Zeit-/Wettbewerbsdruck zu setzen, sondern Zeit für jeden und sein Tempo zu haben. Ein heheres Ziel, aber Dein Text erinnert daran, und das ist gut!

  2. 8 Dezember 2015 at 10:19 am

    Ich glaube Wettbewerb ist nichts schlechte, denn er treibt uns an besser zu werden. Aber wir müssen unseren Kindern vermitteln, dass Gewinnen nicht alles ist, fair und liebevoll auch mit Verlierern umzugehen und an dabei auch den Spaß nicht verlieren. Wenn wir das richtig, ehrlich und sensibel begleiten, dann denke ich kann es für alle ein großer Gewinn sein.

    Wir lernen, was wir gut können und was nicht. Das es ok ist auch etwas nicht zu können. Und das man mit Übung besser wird.
    Das sind Dinge, die uns in unserem gesamten Leben weiterhelfen….

    • 8 Dezember 2015 at 12:00 pm

      Aber genau das ist es ja. Brauchen wir Wettbewerb, um besser zu werden? Und was heißt dieses besser? Wäre unsere Welt nicht friedlicher, wenn sie nicht auf Wettbewerb aufbauen würde?
      Kleine Denkanstöße 😉

  3. 8 Dezember 2015 at 1:40 pm

    Ich denke es kommt darauf an mit welchem Ziel oder Wunsch man Wettbewerbe bestreitet. Um sein Können und seine Grenzen zu testen, oder um Lob und Anerkennung zu ernten, weil man der Beste ist. Ersteres halte ich für gut, man macht es direkt für sich selbst. Letzteres sehe ich kritisch, weil es fremdbestimmt ist. Ich glaube, dass Menschen, die aus diesen Motiven handeln keine glücklichen Menschen sind. Daher will ich das auf jeden Falll verhindern, dass meine Kinder so werden.

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