Brief an einen Vater mit seinem „Schreikind“

Schreikind Brief an einen Vater

Lieber, fremder Vater,

letztens trafen wir uns und kamen ins Gespräch. Du erzähltest voller Überzeugung und in einem entschuldigenden, machlosen Ton: „Wir haben nun mal ein Schreikind!“

Mit diesen Worten hast Du die Unterhaltung verlassen. Während Deine Schritte bereits nicht mehr zu vernehmen waren, hallten Deine Worte nach. Wie Flusen schwirren sie durch den Raum. Lästig, aber da. Genauso wie Dein schreiendes Kind. Und Du armer Vater musst nun eben damit Leben, dass Du ein Schreikind in die Welt gesetzt hast. Deine Worte machen deutlich, dass Du Dich in der Opferrolle siehst. Das Schreikind ist eben da. Es wacht morgens auf und schreit. Es läuft durch den Tag und schreit. Es legt sich schreiend zu Bett. Du kannst nichts dafür, das Kind ist einfach so. Man kann nichts dagegen machen. Das Kind schreit eben sehr gerne. Und da kann man als Eltern eben nur noch mit den Schultern zucken und dem brüllenden Kindlein zusehen. Denkst Du.

Aber stimmt das? Ist es so einfach? Können sich die Eltern so einfach der Verantwortung entziehen?

Wenn ich auf mein Bauchgefühl höre, dann vernehme ich ein lautes, rumpelndes „Naaaaaaaaaaiiiiiiiin!!!!!“. Und wenn ich dann über dieses Bauchgefühl nachdenke, dann wird dieses Nein noch viel stärker. Nein, lieber Vater, Du kannst Dich nicht so einfach aus der Verantwortung ziehen. Ein Schreikind wird erst zu einem Schreikind, wenn es keine andere Möglichkeit hat seinen Kummer der Umwelt mitzuteilen. Bei Babys ist Schreien noch ein häufiger Weg, um mit seinen Eltern zu kommunizieren, zumindest wenn man die frühen Signale übersieht. Aber nun ist Dein Kind fast vier Jahre alt. VIER! Es kann sprechen, sich und seine Bedürfnisse artikulieren (wenn es das gelernt hat) und Dir und dem Rest der Familie mitteilen, was es gerne hätte. Es muss nicht mehr schreien, zumindest dann nicht, wenn man ihm auch zuhört.

Hörst Du Deinem Kind zu? Nimmst Du es mitsamt seinen Bedürfnissen war? Hast Du Dein Kind einmal gefragt, WARUM es denn so oft schreit? Hast Du versucht es zu verstehen?

Ich kann diese Fragen nicht für Dich beantworten, auch wenn ich mir die Antworten denken kann. Ich hoffe sehr für Dich, dass Du zukünftig etwas genauer hinhörst. Auf das, was Dein Kind sagt. Auf das, was Dir Dein Kind hinter diesem Schreien mitteilen möchte. Denn dann wird es irgendwann ganz von alleine weniger. Davon bin ich überzeugt.

Eine besorgte Mutter

 

Nachtrag: Ich habe nach den ersten Reaktionen überlegt den Text wieder zu löschen, mich aber, auch im Sinne eines Diskurses, dazu entschlossen ihn stehen zu lassen. Ja, es ist auch für mich ein Lernprozess. Ich habe gelernt, dass ich nicht zu schnell urteilen sollte und schon gar nicht Mutmaßungen öffentlich teilen sollte. Ich  möchte mich bei allen Lesern, und besonders bei Eltern mit echten Schreikindern entschuldigen für meine Formulierung. Mir ist bewusst, dass es Kinder gibt, die sehr schnell ihren Gefühlen freien Lauf lassen und Eltern in diesem Fall unberechtigterweise die Schuld zugeschrieben wird. Ich  muss dazu aber auch sagen, dass die Gründe, die mich zu diesem Text bewegten, vielschichtig waren. Auch ist mir vom Vater mehr bekannt als das, was ich mit Euch geteilt habe. Daher sind für Euch meine Schlussfolgerungen nicht nachvollziehbar. Und ich sehe ein, dass sie viel zu allgemein gehalten waren. Ich werde daraus meine Schlüsse ziehen und ich verspreche Euch zukünftig lieber zweimal zu überlegen, ob ich mit dem Text jemanden verletzen könnte. Denn das habe ich getan, und das tut mir Leid. Dabei ist das bislang immer meine Devise gewesen und darauf war ich Stolz. Ich hoffe Ihr bleibt mir dennoch als Leser treu. Eure Wiebke

Bild: Pixabay.com

8 Comments

  1. Sawadee79
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    22 Januar 2017 at 3:30 pm

    Liebe Wiebke,
    ich lese deine Texte immer gern, aber bei diesem stehen mir die Haare zu Berge.
    Zu mir: Ich bin nach vier Jahren Kinderwunsch, der mich an meine physischen, psychischen und finanziellen Grenzen gebracht hat, Mutter eines Sohnes geworden. Für meinen Mann und mich war dieses Kind das größte Glück der Welt und wir würden alles, alles für diesen kleinen Mann tun. Nun – unser Sohn kam zur Welt und schrie. Und zwar permanent, ohne dass es irgendwelche vorangehende Zeichen gab, die wir hätten ignorieren können – kein suchendes Schmatzen, kein Meckern, wie man sich das immer so schön vorstellt, es ging von 0 auf 100. Wir trugen ihn stundenlang, auf dem Arm, im Tragetuch – er schrie. Ich gab ihm gefühlt nonstop die Brust – er schrie. Wir schuckelten ihn in der Federwiege, puckten ihn, und er schrie, schrie, schrie, in der Manduca, dem Kinderwagen, dem Babybay, im Fliegergriff, im Auto. Sicher hat es uns und ihm geholfen, auf seine Bedürfnisse einzugehen (Begrenzung, Reizreduzierung, Nähe und nuckeln …) – das Schreien konnten wir allenfalls abmildern, trotzdem schrie er wesentlich mehr als Gleichaltrige im Durchschnitt und wurde von anderen als extrem unruhiges Kind wahrgenommen. Da er trotz intensiver Begleitung ein schlechter Schläfer war, war er permanent überreizt und schon kleine Dinge konnte ihn dann völlig aus dem Gleichgewicht werfen. Wir holten uns auch Hilfe von Fachleuten, die uns bestätigten, dass wir alles richtig machten und dass es einfach sehr reizbare Kinder gebe, die Zeit bräuchten zum Ankommen … Unser Sohn brauchte lange Zeit. Er ist inzwischen ein sehr fröhliches Kind, aber wenn er Entwicklungsschübe hat, ist das wie eine Zeitreise in dunkle Babyzeiten. Als er etwa eineinhalb war, stand unsere „besorgte“ kinderlose Nachbarin vor der Tür und klärte uns auf, sie würde ihn ständig schreien hören (stimmte zu der Zeit) und wir sollten doch bitte mal auf seine Bedürfnisse eingehen. Zum Beispiel nachts schneller in sein Zimmer gehen – sehr lustig, denn er schlief in unserem Zimmer. (Und jeder mit Kindern kann sich vorstellen: man dreht sich nicht gemütlich auf die andere Seite, wenn das Kind neben einem brüllend aufwacht….) Ich murmelte dann entschuldigend etwas von „Schreikind“ … und fühlte mich dennoch wie die unfähigste Mutter der Welt, als die Nachbarn kurze Zeit später auszogen. Du, liebe Wiebke, gehst davon aus, dass der Vater sich als „Opfer“ fühlt? Wie kommst du denn darauf, wenn er dies doch offenbar in entschuldigendem Tonfall sagte, wie du schreibst? Ist es nicht wahrscheinlicher, dass er sich schämt, was andere wohl von ihm denken? Dass es ihm unangenehm ist, dass andere das Geschrei seiner Tochter aushalten müssen? Es ist schön, dass du besorgt bist – sicher hast du recht, ein vierjähriges Kind, das permanent, über Monate, viel schreit, ist nicht normal. Und sicher kann das auch Zeichen einer Vernachlässigung sein. Genauso gut könnte es Zeichen einer genetisch bedingten Entwicklungsstörung sein. Oder eines sehr ausgeprägten Temperaments, verstärkt vielleicht noch durch bestimmte Charakterzüge der Eltern. Du weißt es scheinbar nicht, du schreibst ja, es sei ein fremder Vater. Vielleicht solltest du daher auch etwas besorgt um die Eltern des Kindes sein, die dann wohl schon sehr lange ein extrem reizbares, vielleicht äußerst willensstarkes Kind, das häufig aneckt, tagtäglich begleiten. Die sich vielen Blicken und hinter vorgehaltener Hand geäußerten Bemerkungen ausgesetzt sehen.
    Liebe Wiebke, du schreibst immer voller Liebe und Verständnis über deine Kinder. Glaube mir doch bitte, dass es Kinder gibt, die schwerer tröstbar sind, die lauter schreien, die wütender werden, die schneller aus der Fassung geraten als viele andere. Und sehr viel davon ist Veranlagung – die Aufgabe, solchen extrem reizbaren, aufbrausenden kleinen Wesen beiseite zu stehen und ihnen beizubringen, ihre Impulse zu regulieren, ist manchmal unfassbar schwer. Unser Sohn ist gerade wieder ein Sonnenschein, er schafft es immer leichter, aus großer Wut auch wieder herauszufinden. Aber auch mit vier Jahren wird es mit Sicherheit Phasen geben, wo vielleicht irgendeine besorgte Mutter, die ich in einem Spieltreff kennenlerne, sich denkt: „Oje. Der arme Junge. Wenn die Eltern bloß mal auf seine Bedürfnisse achten würden. Dann müsste er nicht so schreien.“
    Liebe Wiebke, kennst du ein gutes Rezept, wie man ein von tapsigen Fingern zerbrochenes Knäckebrot wieder zusammenkleben kann (ein neues reichen gilt nicht, es muss genau DAS Knäckebrot sein)? Wenn ja, bitte teile es mir doch mit. Du würdest uns viel Wutgeschrei am Frühstückstisch ersparen. Herzlichen Dank!

    • 22 Januar 2017 at 5:08 pm

      Liebe Leserin,
      ich danke Dir sehr für Deine ehrliche Rückmeldung und es tut mir Leid, dass ich Dich mit diesem Text getroffen habe, das war nicht meine Absicht.
      Ich muss dazu sagen, dass noch weitere Situationen diesen Text bildeten, die ich jedoch bewusst nicht genannt hatte, um die Anonymität zu wahren.
      Auch tut es mir Leid, dass Du mit Deinem Kind eine sehr anstrengende und kräftezehrende Zeit durchgemacht hast. Und ich bin mir sicher, dass Du alles getan hast, was in Deiner Macht stand. Bei dem oben genannten Vater weiß ich, dass das nicht der Fall war. Aber es ist schon richtig. Irgendwie ist es anmaßend, auf Grund der wenigen Informationen solche einen Test zu formulieren. Aber es war eben ein Gefühl, das sich bei mir gebildet hatte, und das hinaus wollte.
      Und nein, ich habe keine Rezept dazu, wie Du das zerbrochene Knäckebrot wieder heilen kannst. Natürlich nicht.
      Ganz lieben Gruß, Wiebke

    • Caro
      Antworten
      21 Januar 2021 at 9:53 am

      Das hast Du ganz ganz toll geschrieben. Könnte es nicht besser ausdrücken.

  2. 22 Januar 2017 at 11:09 pm

    Liebe Wiebke,

    ich will Dir jetzt auch noch was zu diesem Text schreiben, nachdem ich eine Nacht drüber geschlafen habe. Wir, die Leser, wissen nichts weiter über den Vater, das Kind und die Umstände als das, was Du schilderst. Du kennst noch mehr Fakten bzw. hast noch mehr Situationen erlebt, wie Du oben schreibst. Das bringt Dich zu Deiner Beurteilung und damit zur Tendenz Deines Textes. Für uns Außenstehende – und vor allem für Betroffene wie mich und die Vorrednerin – liest sich das sehr verurteilend. Die ganze Geschichte der Vorrednerin ist mit meiner identisch und ich kann Dir versichern, dass „ein Schreikind [nicht] erst zu einem Schreikind [wird], wenn es keine andere Möglichkeit hat seinen Kummer der Umwelt mitzuteilen“, wie Du schreibst. Ein Kleinkind in der Autonomiephase zu haben, kann sich auch anfühlen, wie ein Schreikind zu haben. Und selbst bei meinem knapp 6-Jährigen schimmern noch des öfteren die Schreibaby-Charakteristika durch. Pures Schreien ist zwar kein großes Thema mehr, aber das schlechte Ansprechen auf Beruhigungsversuche z.B. schon. Das war früher so und ist noch heute so, dass er öfter, länger und untröstlicher weint als andere Kinder in seinem Alter. Obwohl ich diejenige Mama war/bin, die mit Abstand am meisten, längsten und intensivsten tröstet. Einmal stieß er mit 2 Freunden mit dem Kopf zusammen. Alle 3 weinten. Die andere Mutter tröstete halbherzig, die Jungs hörten nach 30 Sek. auf zu weinen. Der Große weinte trotz intensiven Tröstens geschlagene 10 Minuten lautstark und unstillbar. Dann sage ich auch manchmal, dass es so schon von Anfang an war. Ich glaube, Du weißt das alles ja auch und hast einfach ein anderes Hintergrundwissen, was diesen beschriebenen Vater betrifft, als wir Leser. Aber gerade deshalb kommt es bei einigen von uns ungut an. Ich verstehe auch Deine Besorgnis und sehe viel Vernachlässigung bzw. Nichternstnehmen kindlicher Bedürfnisse bei anderen Eltern. Aber bitte wirf diesen Vater nicht mit anderen Schreikind-Eltern in einen Topf, die sich seit Jahren mit äußerstem Einfühlungsvermögen bemühen, ihrem Kind gerecht zu werden.
    Liebe Grüße!

    • 23 Januar 2017 at 8:43 am

      Oh meine Liebe. Ich weiß auch nicht, was mich da geritten hat. Du hast Recht, ich bewerte damit alle Eltern mit einem echten Schreiend, die wirklich alles tun, um ihr Kind zu verstehen. Das war nicht meine Absicht und mir beim Schreiben des Textes nicht bewusst. Erst durch die Reaktionen habe ich gemerkt, dass ich hier ordentlich daneben gegriffen habe. Es tut mir Leid. Ich lerne eben auch dazu. 🙁
      Ganz lieben Gruß, Wiebke

  3. 23 Januar 2017 at 6:30 am

    Alle Eltern wollen nur das Beste für ihr Kind. Aus diesem Satz eine solche Fülle von Interpretation abzuleiten ist schon etwas … naja, sind wie mal ehrlich: dreist.

    Du weißt doch gar nichts über diese Familie. Vielleicht hat der Gute einfach einen echt schlechten Tag gehabt. Oder er hat einfach tatsächlich eine schlechte Bildung zu seinem Kind – vielleicht aus Gründen für die er gar nichts kann. Es gibt auch Menschen, zB jene in der Entwicklungshilfe, die arbeiten Monate am Stück im Ländern ohne Infrastruktur – da du auch Väter drunter. Oder aber er hatte tatsächlich ein sehr schrei-freudiges Kind.

    Können wir einfach mal aufhören immer alles besser zu wissen? Er ist der Papa seines Kindes und kennt sich und die Familie samt Begleitumstände. Das macht ihn zum Experten und nicht uns. Alles was wir wissen müssen ist, dass er sein Bestes tut um sein Kind glücklich zu sehen.

    Dass es keine Schreikinder gibt halte ich für ein gefährliches Gerücht. Unser Baby kam in einem Krankenhaus mit Schrei-Ambulanz auf die Welt. Ich musste da öfters vorbei in dem ersten Tagen. Du solltest auch da nicht so schnell urteilen. Wir können sehr sehr froh sein, wenn dieser Kelch an uns und unseren sozialen Umfeld vorbeiging.

  4. Sawadee79
    Antworten
    24 Januar 2017 at 5:33 pm

    Liebe Wiebke, ich danke dir für deine Antwort auf meinen Kommentar! Und ja: Natürlich bleibe ich deinem Blog als Leserin treu 🙂
    (Und Frühlingskindermama, ich habe mich besonders gefreut, einen Kommentar von dir zu lesen. Du hast das, was ich ausdrücken wollte, nochmal wunderbar auf den Punkt gebracht und ich kann mich in dir als Mutter so sehr wiedererkennen – aber das schreibe ich dir dann mal auf deinem eigenen Blog 😉

  5. 18 September 2019 at 11:51 pm

    Jetzt ist der Artikel doch ein wenig in die Jahre gekommen, jedoch konnte ich mir einen Kommentar nicht verkneifen. Unser Sohn war bis zum 14 Monat ebenfalls ein Schreibaby und kann aus 24/7 Erfahrung sprechen, das dieses ganze Thema nicht so einfach ist wie Sie es hier schildern. Ich würde sogar im Gegenteil behaupten, das diese Eltern eine intensivere Bindung zum eigenen Kind aufbauen, weil sie es müssen. Es ist eben nicht das perfekte Familienglück eines wohligen Babies, das sich an der Welt erfreut, sondern eine permanente Auseinandersetzung, ein Kampf mit seinen eigenen Gefühlen und des seines Kindes. Man muss sich als Eltern damit arrangieren das sein eigenes Baby einen abweist obwohl man ihn die Nähe liebender Eltern schenken möchte.

    Wir haben es geschafft und können stolz darauf sein unserem Kind von Anfang an vertraut zu haben, dass er die Phase überwindet. Es hat uns viel Kraft, Gedanken und Gefühle gekostet. Und ich kann nur jeden mit einem Schreibaby empfehlen – hört nicht auf andere, macht keine Schlafprogramme, sondern investiert einfach extrem viel Zeit in euer Kind und entwickelt eure eigenen Strategien. Das Thema ist sehr komplex…

Ich freue mich über einen Kommentar

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