Wann entwickelt sich beim Kind das Schamgefühl?

Entwicklung des Schamgefühls beim Kind

Letztens stand unser Wirbelwind in ihrem Zimmer. Sie war nackig und sollte sich Anziehsachen heraussuchen, damit wir sie fertig machen konnten. Sie hielt einen Schlüpfer in ihrer Hand und meinte im ernsten Ton: „Ich möchte mich alleine anziehen. Ihr sollt nicht meine Mumu sehen“. Das war neu. Bislang sprang sie ohne darüber nachzudenken vor uns herum. Woher kam das? Was hat sich geändert? Meinte sie es ernst, oder war es nur ein abgeguckter Spruch aus dem Kindergarten?

Diese Situation und andere bewegten mich dazu, einmal das Thema des Schamgefühls näher zu betrachten.

Was ist ein Schamgefühl?

Auf Wikipedia wird Schamgefühl wie folgt umschrieben:

Scham ist ein Gefühl der Verlegenheit oder der Bloßstellung, das durch Verletzung der Intimsphäre auftreten kann oder auf dem Bewusstsein beruhen kann, durch unehrenhafte, unanständige oder erfolglose Handlungen sozialen Erwartungen oder Normen nicht entsprochen zu haben.

Gerade die oben beschriebene Nacktheit ist ein typisches Schamgefühl in der Gesellschaft. Es gehört zu einem sozialen, einem moralischen Empfinden.

Wie entsteht Scham?

Tja wie entsteht diese Scham? Aus meiner Sicht spielen – wie bei so vielen Dingen auch – sowohl die genetischen Anlagen als auch die Umweltfaktoren eine Rolle.

Genetische Voraussetzungen – kognitive Entwicklung

Zunächst einmal muss das Kind kognitiv so weit gereift sein, dass es fähig dazu ist, sich in andere Menschen hineinzuversetzen, um eine Außenperspektive einnehmen zu können. Denn nur dann kann man sich wirklich für etwas schämen, was man gemacht hat. Nur dann kann es sein Handeln von Außen betrachten und im Hinblick auf gesellschaftliche Normen bewerten. Es kann überlegen, was die anderen Personen jetzt wohl gerade von ihm denken, wenn es sich so oder so verhält. Und dann ist es auch fähig sich zu schämen für eben dieses gezeigte und soeben bewertete Verhalten. Ob daraus wirklich Scham entsteht und wie sie nach Außen hin gezeigt wird, ist dann wiederum eine Frage der Persönlichkeit und des sozialen Umfeldes.

Nehmen wir einmal Wirbelwind. Sie ist nun 4 1/2 Jahre alt. Ohne darüber nachzudenken präsentiert sie uns ihren Körper, wenn wir sie morgens und abends eincremen. Schamgefühl Fehlanzeige. Das hängt wohl auch damit zusammen, dass Ihr Empathieempfinden und damit ihre Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen, noch in der Entwicklung ist. Hier lässt sie sich etwas mehr Zeit, als andere Kinder, die auch schon mit drei Jahren so weit entwickelt sein können, wie sie es jetzt ist. Aber das ist in Ordnung. Jedes Kind hat sein eigenes Tempo.

Umweltfaktoren und sozialer Einfluss

Neben den Voraussetzungen, die jedes Kind als „Grundausstattung“ mitbringt, spielen aus meiner Sicht die Umweltfaktoren, spricht der soziale Einfluss, eine wesentliche Rolle. Das zeigt auch die Eingangs gemachte Begriffsbezeichnung, der Scham als „Soziale Angst“, als „moralisches Empfinden“. Scham ist etwas, das nur im Zusammenspiel mit anderen Personen entsteht, eben weil wir darüber nachdenken, was andere von uns und unserem Handeln halten könnten. Wenn wir alleine sind, haben wir kein Problem damit nackig durch das Bad zu hüpfen. Im Freibad ziehen wir einen Badeanzug an.

Und wie ist es bei Wirbelwind? Trotz aller Freizügigkeit stand Wirbelwind, wie im Anfangsbeispiel beschrieben, nun in ihrem Zimmer und zeigte dieses Schamgefühl. Es war aus meiner Sicht jedoch kein Wunsch, der aus einer Scham heraus erwachsen ist, sondern ein Spruch, den sie im Kindergarten aufgenommen hat. Es war nachgeplappert, ohne reelle Verlegenheit auf Grund ihrer Nackheit zu empfinden. Das zeigte sie uns ein paar Sekunden später 😉 Das ist dann diese Umwelt, die meinem Wirbelwind einredet, dass man sich nicht komplett nackig anderen Leuten präsentieren soll.

Die Gesellschaft, in der wir leben, zeigt uns also, wie viel Nackheit noch in Ordnung ist, und wo die Schamgrenzen liegen. Je nachdem, in welcher Gesellschaft wir leben und welche Bezugspersonen (und ihre Schamgrenzen) wir als Vorbilder haben, entwickeln wir eben unsere Schamgrenzen unterschiedlich stark aus. Ja, auch wir Eltern und gerade wir Eltern leben tagtäglich die Scham vor.

Bei uns zu Hause versuche ich diese fast komplett abzustellen. Die Kinder dürfen mir beim Duschen zusehen und beim Toilettengang um mich herumschawänzeln. Sie dürfen alle Fragen stellen, die sie wollen, auch wenn es dann passiert, dass die Schwiegermutter bestens über meine Regel informiert ist \o/. Ich kannte es von zu Hause anders und wollte es definitiv nicht so wiederholen. Vielleicht – ja mit Sicherheit – ist unser Verhalten zu Hause auch ein Grund, warum Wirbelwinds Schamgefühl noch so rudimentär ausgeprägt ist, während andere Kinder im Kindergarten bereits ganz andere Befindlichkeiten vorleben.

Warum empfinden wir Scham?

Sicherlich, wir empfinden Scham, weil wir es von anderen vorgelebt bekommen. Doch irgendjemand muss doch mal den Anfang gemacht haben, oder?

Oder ist Schamgefühl gar etwas, dass sich von ganz alleine bildet? Etwas, auf dass wir gar keinen Einfluss haben, maximal in der Stärke, aber nicht in der Frage ob ja oder nein? Diese Frage schoss mir in den Kopf, als Wölkchen letztens vor mir stand. 19 Monate ist sie alt und definitiv noch nicht alt genug, um echtes Schamgefühl zu entwickeln (im Sinne von „Perspektivenwechsel“): Ich sitze in der Badewanne und sie schaut mir zu. Ich bespritze sie mit Wasser und sie dreht sich weg, legt ihr Kinn auf die Brust, lächelt verlegen und zieht sie Arme ein. Sie strahlt mit ihrem gesamten Körper ein Verlegenheitsgefühl aus. Ist das Scham? Ist Scham vielleicht doch angeboren? Woher hat sie das?

Warum ist Scham überhaupt wichtig? Warum hat sich dies irgendwie „durchgesetzt?“. Ist Scham gar ein notwendiger menschlicher Zug, um uns als soziales Wesen zu stärken und damit das Miteinander aufrecht zu erhalten? Der Gedanke scheint gar nicht so abwegig, wenn man bedenkt, dass Scham eine positive Eigenschaft ist: sie teilt uns mit, wo unsere Grenzen liegen und wo wir in ähnlichen Situationen vielleicht zukünftig anders reagieren sollten. Scham stellt damit einen wichtigen Punkt im sozialen Miteinander dar. Sie macht uns aufmerksam für die Gedanken anderer. Sie macht uns sozialer. Denn Scham hilft uns, soziale Normen einzuhalten und uns in eine Gruppe einzufügen. Und nur in der Gruppe waren (und sind) wir Menschen überlebensfähig.

Das ist auch für mich eine spannende Erkenntnis, die es mir zukünftig erleichtert, Schamgefühl, sowohl meinem eigenen, als auch dem meiner Kinder, offener gegenüber zu treten.

Wann haben Eure Kinder das erste Mal Schamgefühl gezeigt?

Eure Wiebke

 

Bild: Pixabay.com

2 Comments

  1. 19 Januar 2017 at 9:26 pm

    Hallo Wiebke, meine Kinder sind ja schon etwas älter, über 6 und 4, aber richtiges Schamgefühl ist hier noch nicht angekommen. Das mag natürlich auch an dem geschützten Familienrahmen liegen. Es beginnt gerade nur, dass sie entsetzt aufschreien, wenn sie einen nackten Hintern sehen, „iiiiiih, ich hab Deinen Popo gesehen“, vielleicht Vorläufer, aber noch mehr darüber lachend als schamhaft. Es bleibt wie immer spannend.
    Viele Grüße, Svenja

  2. 19 Januar 2017 at 10:22 pm

    Hallo Wiebke,

    Unser Größter wird in ein paar Tagen 7 Jahre alt.
    Ehrlich gesagt, würde ich mir etwas mehr Schamgefühl von seiner Seite wünschen. Da wird der nackte Hintern gerne in die Kamera gehalten und ungeniert wild gepieselt.

    Ich bin da eher das verklemmte Pflänzchen. Scheine es aber im geschützten Familienrahmen – wie du es beschreibst – gut kaschieren zu können, denn bei den Kindern ist davon bisher nichts angekommen.

    Ich bin gespannt, ob andere Eltern berichten, dass ihre Kinder früher ihre Nacktheit schamhaft empfinden.

    Viele Grüße
    Mama Maus

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