Die Sache mit der Empathie

Empathie bei Kindern Entwicklung

Bild: Pixabay.com

 

Wirbelwind ist nun vier Jahre alt. Ein Alter, in welchem man erwartet, dass das Kind eine ausgebildete Empathiefähigkeit besitzt. Zumindest wird dies gemeinhin so angenommen. Wenn ich Wirbelwind jedoch mit anderen Kindern in ihrem Alter (oder gar jüngeren Kindern) vergleiche, habe ich das Gefühl, dass hier noch Luft nach oben ist. Wie komme ich darauf und woran mache ich das fest? Warum zweifle ich immer wieder an ihrer Empathiefähigkeit? Das möchte ich in diesem Blogpost erläutern.

Was ist Empathie?

Zunächst stellt sich (mir) natürlich erst einmal die Frage, was Empathie überhaupt ist.
Empathie ist nicht von Beginn an da. Wenn ein Baby auf die Welt kommt, weiß es noch nicht einmal, dass es eine eigenständige Person ist. Erst in der Autonomiephase lernen Kinder, dass sie eigenständige Wesen sind. Die Unterscheidung zwischen dem Selbst und Anderen ist die Grundvoraussetzung für Empathie.
Im zweiten und dritten Lebensjahr lernen sie auf Gefühle anderer zu reagieren. Jedoch gehen sie zunächst davon aus, dass andere Personen die gleichen Bedürfnisse haben, wie sie selbst. Wenn wir Erwachsenen traurig sind, denken sie beispielsweise, dass wir uns ebenfalls mit einem Nuckel und einem Schmusetuch trösten lassen. Ein richtiges Empathievermögen stellt das jedoch noch nicht dar, da die Kleinen noch nicht gelernt haben, dass Bedürfnisse bei anderen Personen von den eigenen Bedürfnissen abweichen können.
Nach Abschluss der Autonomiephase, mit etwa vier Jahren, sollte das Empathievermögen weitgehend entwickelt sein. Das heißt sie können sich nun in die Gefühls- und Gedankenwelt einer anderen Person hineinversetzen. Dazu zählt auch die Fähigkeit, Körpersprache richtig zu entschlüsseln.

Keine Empathiefähigkeit bei Wirbelwind?

So weit so gut. Aber wie sieht es bei Wirbelwind aus? Sie schien in der Vergangenheit in ihrem Verhalten eine sehr geringe Empathiefähigkeit zu zeigen und ließ mich mit riesigen Fragezeichen im Gesicht zurück. Ich möchte es an zwei Szenen verdeutlichen:Szene 1: Wirbelwind ist fast drei Jahre alt, Wölkchen gerade geboren. Ich heule in bester Baby-blues-Manier beim Abendbrot. Wirbelwind isst unbeirrt weiter. Sie scheint es so überhaupt nicht zu wundern, dass ich traurig bin.

Szene 2: Wirbelwind ist vier Jahre alt. Ich möchte mich hinsetzen, um Wirbelwind etwas vorzulesen und stoße mich heftig an einem Fensterbrett. Ich renne fluchend aus dem Zimmer, um die Stelle zu kühlen. Wirbelwind ruft mir unbeirrt hinterher, was denn nun mit dem Vorlesen sei. Da mich ihre kühle Reaktion irritiert hatte, erklärte ich, dass mich das überrascht hatte. Ich fragte, welche Reaktion sie sich von mir wünschen würde, wenn sie sich stößt. Sie konnte es mir nicht beantworten. „Ich weiß es nicht“, waren ihre Worte.

Immer wieder habe ich ihr meine Gefühle oder mein Befinden erläutert in der Hoffnung, sie würde es verstehen. Aber immer wieder hatte ich das Gefühl, dass sie, wenn ich nur lang genug erklärte, einfach abnickt, anstatt tatsächlich meinen Erklärungen zu folgen. Wenn ich traurig war, wenn ich wütend war, wenn ich glücklich war, in den Momenten habe ich meine Gefühle erklärt. Doch es schien nicht bei ihr anzukommen. Vielmehr zeigte sie statt Verständnis eher freches Grinsen oder einen leeren Blick. In jedem Fall fehlte eine Reaktion im Sinne von: Mama, ich habe dich verstanden.
Oder wenn sie mit Wölkchen spielt und diese sich wegdreht oder bereits meckernd quiekt, dann macht Wirbelwind einfach weiter. Dabei ist es so offensichtlich, dass Wölkchen keine Lust mehr auf das Spiel hat, zumindest aus meiner Perspektive. Aber aus ihrer Sicht anscheinend nicht.

Ist Ihre Empathiefähigkeit so gering, oder versteckt sie ihre Fähigkeiten nur so gut? Oder braucht sie einfach noch etwas länger, um sich zu entfalten?

Lichtblicke

Doch dann gibt es Lichtblicke, und sie werden von Tag zu Tag mehr. Momente, in denen ich doch merke, dass da etwas ist.

Beispielsweise zeigt sie empathische Reaktionen, wenn sie fragt „Warum weint das Kind?“. Zwar kann sie es noch nicht auf emotionaler Ebene verstehen, aber sie versucht es zumindest kognitiv zu verarbeiten. Ein Anfang.

Oder letztens, da haben wir für den Kindergarten Unterlagen kopiert und Wirbelwind durfte sie der Leiterin überreichen. Diese freute sich sehr über die paar Blätter. Wirbelwind rief erstaunt: „Sie hat sich richtig gefreut!“ Eine Leistung, die sie vor ein paar Monaten noch nicht bringen konnte: die Gefühlswelt Anderer zu bewerten.

Einmal, als vor dem Sandmann das Baumhaus kam und die Bilder gezeigt wurden, meinte sie: „Oh, das ist ein schönes Bild!“. Auch das war neu für mich.

Oder einmal, da waren wir auf dem Weg nach Hause und ein Mann mit Kinderwagen kreuzte unseren Weg. Sie meinte sofort „Psst, leise sein. Da ist ein Baby!“.

Und manchmal, da greift sie tatsächlich zu einer Puppe und spielt mit ihr. Selten, aber sie tut es. Dann versucht sie diese zu verarzten oder anderweitig zu umsorgen. Das wäre noch vor einem halben Jahr unvorstellbar gewesen und weist auf einen enormen Entwicklungsschritt hin.

Auch geht sie inzwischen bei Trickfilmen viel emotionaler mit. Ganz gespannt beobachtet sie das Geschehen und jubelt, wenn jemand etwas geschafft hat oder schaut entsetzt, wenn etwas Spannendes oder Trauriges passiert. Für mich ist das eindeutig ein Zeichen von Empathie.

Und vor ein paar Tagen, da habe ich eine Spritze beim Arzt bekommen. Wirbelwind schaute auf mein Pflaster, fragte mich aus, was denn da passiert war und meinte dann ganz ernst: „Das hat bestimmt weh getan! Hast Du da geweint?“

Wenn ich also ganz genau hinsehe, dann sehe ich einen sehr wohl empathischen Wirbelwind. Ein kleines Mädchen, das allmählich anfängt zu begreifen, dass andere Menschen auch Gefühle haben und dies zu verstehen versucht. Anders als bei anderen Kindern, scheint es sich ihr jedoch nicht so selbstverständlich zu erschließen, sondern ist mit viel Denkarbeit verbunden. Eine kognitive Leistung, die sie immer öfter zeigt.

Bin ich ein gutes Vorbild?

Sie kann es also, empathisch sein. Aber woran könnte es liegen, dass sie hier einen etwas längeren Anlauf benötigt? Ist es Veranlagung oder spielen da wir Eltern als Vorbild auch eine Rolle? Sicherlich ist beides der Fall.

Beim Thema Vorbild stellt sich mir sofort die Frage: Bin ich ein gutes Vorbild? Lebe ich Ihr denn empathisches Verhalten überhaupt vor?

Ich würde mich als sehr empathisch beschreiben, jedoch bin ich nicht der Typ, der seine Emotionen sofort auslebt, sondern erst einmal verarbeitet und bewertet. Viele halten mich wohl deshalb auf den ersten Blick kühl und distanziert. Weinanfälle, wie kurz nach der Geburt von Wölkchen, gibt es bei mir eher selten zu sehen.
Und auch mit dem Trösten habe ich es nicht so. Als Wirbelwind klein war, tröstete ich sie sofort bei jedem Wehwehchen. Je älter sie wurde, desto mehr dachte ich bei jedem Sturz oder Ratscher, dass sie einfach besser hätte aufpassen können. Getröstet habe ich nur kurz und verwies dann auf die nicht wirklich vorhandene Verletzung.
Wenn ich also so wenig empathisch reagiere, wie soll sie es denn lernen? Hier muss ich mir also selber an die Nase fassen und zugeben, dass auch bei mir noch Luft nach oben ist.

Es freut mich also, dass sich bei Wirbelwind etwas tut und sie sich weiter entwickelt und beginnt menschliche Emotionen zu verstehen. Und nun bin ich an der Reihe ihr dabei zu helfen, nicht nur indem ich es ihr erkläre, sondern auch vorlebe.

Eure Wiebke

 

P.S.: Das sind es übrigens, die Momente, in denen ich das Muttersein so toll finde. Denn meine Kinder lehren mich so Vieles auch über mich selbst. Sie sind das Spiegelbild meiner Seele, nur etwas frecher und aufgeweckter 😉

7 Comments

  1. 17 August 2016 at 7:45 am

    Liebe Wiebke,

    was für ein schöner Text! Dein Wirbelwind scheint es tolles Mädchen zu sein!

    Ich habe spontan ein paar Anmerkungen, ich hoffe, du nimmst es mir nicht übel.

    Zum vierten Geburtstag ist die Empathieentwicklung nicht abgeschlossen, eher beginnt sie da gerade erst richtig. Der Meilenstein des Perspektivenwechsels ist normalerweise mit 4 erreicht, welcher eine wichtige Voraussetzung für Empathie ist. Wenn also ein Kind die Sicht eines anderen einnehmen kann, dann kann es die Situation auch aus seiner Perspektive bewerten und vielleicht erkennen, was demjenigen jetzt gut tun würde.

    Es gibt aber noch andere Voraussetzungen für Enpathie, z.B. dass die Mimik und Gestik anderer auf Hinweise entschlüsselt werden können, was dieser fühlt. (Zusammengezogene Augenbrauen für Wut, Tränen für Trauer etc). Das kann dein Wirbelwind schon.

    Zusätzlich zu dieser Fähigkeit braucht Empathie, also das Hineinversetzen in andere, auch eigene Erfahrungen! Ein Kind kann nur empathisch reagieren, wenn es eine Situation selbst schon einmal durchgemacht hat, sich erinnert, welche Gefühle es dabei hatte und was ihm geholfen hat, diese Gefühle zu überwinden. Wirbelwind z.B. hat in ihrem Leben schon Spritzen bekommen und weiß also, dass diese weh tun, und man vielleicht deswegen weinen muss. Deshalb konnte sie, also du dein Spritzenpflaster hattest, empathisch reagieren. Eine für sie bekannte, nachvollziehbare Situation.

    Vielleicht aber hat sie sich noch nicht, wie du beim Vorlesen, so doll an der Kante gestoßen, dass sie vor Schmerzen nicht wusste, wohin mit sich (wie du in dem Moment). Vielleicht konnte sie deine Mimik in den Moment auch nicht richtig lesen, weil du ja aus dem Zimmer gerannt bist. Da ihr (vermutlich) eigene Referenzsituation und oder deine Mimik fehlte, konnnte sie (noch) nicht empatisch reagieren und konnte auch nicht auf deine Frage antworten, was sie sich denn in deiner Situation gewünscht hätte. Das ist weder schlimm noch seltsam, es passt genau zu ihrem Alter und ihrem Entwicklungsstand.

    Ab jetzt wird ihre Empathieentwicklung immer weiter voranschreiten und sie wird sich immer besser in andere hineinversetzen können. Das, was du machst, bietet ihr eine gute Grundlage dafür: Mimik bei anderen entschlüsseln, ihre eigenen und deine Gefühle benennen, besprechen, was ihr in schwierigen Situationen geholfen hat…

    Sie hat also nicht 'zu wenig' Empathie. Sie ist genau altersgerecht.

    LG, snowqueen

    • 17 August 2016 at 8:02 am

      Liebe snowqueen, was für ein wundervoller Kommentar. Habe ich mich eigentlich schon für ein Rezensionsexemplar für dein Buch angemeldet 😉
      Es ist für mich jetzt Vieles verständlicher. Alles was ich machen kann, ist Wirbelwind mit andern Kindern vergleichen. Nicht um sie zu bewerten, sondern um eben sicher zu gehen, dass eben auch alles in Ordnung ist. So sind Mütter nun mal, oder?
      Nochmals vielen Dank meine Liebe, <3
      Wiebke

  2. 17 August 2016 at 8:51 am

    Liebe Wiebke,

    danke für deinen schönen Text!

    Wie Snowqueen denke auch ich, dass dein Wirbelwind durchaus noch altersgerecht ist – auch ich versuche mich immer wieder daran zu erinnern, dass diese Altersangaben ja nur Mittelwerte sind, es also eine grosse Varianz in beide Richtungen gibt und dass das okay so ist.

    Und dann habe ich noch einen zweiten Gedanken und überwinde mich jetzt, ihn aufzuschreiben, in der Hoffnung, dich damit nicht zu verunsichern sondern im Gegenteil zu bestärken. Achtung, hier kommt der Gedanke: Was wäre, wenn Wirbelwind nicht ganz "neurotypisch" wäre?

    Vorab dieses: Ich kenne euch nicht und eine "Ferndiagnose" steht mir absolut nicht zu! Daher lass mich meine folgenden Gedanken ganz allgemein halten.

    Die meisten von uns wünschen sich unbedingt, dass unsere Kinder sich "normal" entwickeln – alles andere macht uns erst einmal Angst. Aber ich glaube, wir können diese erste Angst überwinden. Ich kann nur für mich sprechen: Es hat meine Welt sehr bereichert, mich mit Autismus auseinanderzusetzen – ich kann die wunderbare @Fuchskind auf Twitter empfehlen! Dabei habe ich für mich zwei Dinge gelernt: 1. Autisten und andere Neurodiverse sind nicht bessere oder schlechtere Menschen; sie sind einfach nur ein wenig anders und bereichern durch diese Vielfalt unsere Welt. Und 2.: Es gibt nicht unbedingt Neurodiverse dort und Normalos hier – wir alle befinden uns auf einem Spektrum, das von normal bis neurodivers reicht; manche sind es mehr, andere weniger.

    Und jetzt wage ich doch eine kleine Interpretation aus dem, was du geschrieben hast: Ganz vielleicht nähert sich deine Wirbelwind dem Thema Empathie eher über die kognitive Ebene? Du schreibst im Text auch von der vielfältigen Unterstützung, die du ihr bei der Empathieentwicklung gibst – sowohl das Erklären als auch das Vorleben – und das finde ich wunderschön und genau richtig! Was Wirbelwind dann damit macht, ist wiederum ihre Sache. Und wenn du es zusätzlich immer wieder schaffst, sie in jedem Fall genau so anzunehmen wie sie ist (und dich weniger von Erwartungen an Normalität leiten zu lassen), gibst du ihr absolut alles, was sie und diese Welt brauchen.

    Ich wünsche dir viel Mut!
    Die Quatschmama

    • 17 August 2016 at 9:53 am

      Liebe Quatschmama. Vielen Dank für deinen ehrlichen Kommentar. Ich muss gestehen, auch ich hatte mich Anfang des Jahres mit dem Thema Autismus beschäftigt, weil ich versuchen wollte Wirbelwind zu verstehen. Interessant ist ja, dass man davon ausgeht, dass viel mehr Mädchen autistisch sind, als bekannt, eben weil sie im Alltag ihre Strategien haben, Empathie nachzuempfinden (eben kognitiv).
      Nun ist jedoch viel bei Wirbelwind passiert, sie hat die letzten Monate so eine starke Entwicklung gemacht, dass ich gespannt und optimistischer in die Zukunft schaue. Ich werde es im Auge behalten, möchte sie aber gleichzeitig nicht abstempeln. LG Wiebke

    • 17 August 2016 at 10:56 am

      Liebe Wiebke,
      danke für deine liebe Antwort. Ich bin erleichtert, dass du meine Zeilen positiv aufgefast hast.

      Wenn ich mir für uns alle noch etwas letztes wünschen darf: Dass wir nicht "optimistisch" mit "keine Diagnose" verkünpfen. Weil Neurodivers eben nicht "schlechter" bedeuten sollte. Für die Gesellschaft allgemein ist das zwar leider oft noch so – und ich denke, darunter leiden viele Neurodiverse viel viel mehr als unter ihrer Anderseitigkeit per se! – aber wir Eltern können für unsere Kinder ja einen anderen, geschützten Raum schaffen.

      Im Auge behalten und nicht abstempeln – ja, das gefällt mir sehr!

      Aber (und das meine ich jetzt wieder ganz allgemein) wenn irgend eine Form von Andersartigkeit wirklich evident wird; nehmen wir an, ein Kind sagt eines Tages von sich aus: "Ich habe ein anderes Geschlecht als mein Körper." Oder: "Ich bin anders als die meisten Kinder." Dann hilft es dem Kind sicherlich viel mehr, wenn wir diese Andersartigkeit nicht negieren und kleinreden, sondern sie zulassen, sie annehmen und positiv mit ihr umgehen. Was meinst du?

      Wenn ich nochmal auf die Autistin Fuchskind zurückkommen darf: Ihr autobiografischer Comic "Schattenspringer" trägt diesen Namen, weil ihre Mutter ihr in der Kindheit antwortete: "Du bist nicht anders, du musst dich nur etwas anpassen und ab und zu über deinen Schatten springen." (Siehe hier.) Ich will die Mutter nicht verurteilen! Doch ich denke, die junge Fuchskind hätte sich mehr angenommen gefühlt, wenn die Mutter ihre Andersartigkeit nicht negiert hätte.

      Liebe Grüsse
      die Quatschmama

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