Wie ich mein Kind enttäuschte – zweimal

Als Eltern das Kind enttäuschen

Da stehe ich nun. Wölkchen im Arm und Wirbelwind neben mir. Verzweifelt hämmere ich gegen die Kirchentür. Nochmal. Und nochmal. Aber niemand öffnet. Auch Wirbelwind schlägt mit ihren zarten Händen dagegen. Es passiert nichts. Verzweiflung macht sich in mir breit. Und Wut. Wut auf die Kirche, weil die Tür abgeschlossen war. Wut auf die Ärztin, die 15 Minuten zuvor mit einer Seelenruhe auf Wirbelwind schaute, während ich ihr verklickerte, dass wir eigentlich JETZT SOFORT losmüssten. Hier noch die Wirbelsäule inspizieren, dort noch den Puls messen. Nur gut, dass sie meinen nicht gemessen hat. Denn ja: ich hatte Puls. Und welchen.

Rückblick

6:55 – Der Wecker klingelt. Ich wecke die Kinder, wir frühstücken und ziehen uns an.

7:45 – Ohne größere Vorkommnisse stehen wir pünktlich an der Wohnungstür und ziehen uns die Schuhe an. Yeah, wir werden rechtzeitig in der Arztpraxis sein. Alles wird gut, wir werden es schaffen. Ich bin zuversichtlich.

8:00 – Wir betreten die Arztpraxis. Wirbelwind hat einen Termin für die U9. Wenn wir gleich als erstes drankommen, könnten wir es noch zum Kita-Ausflug schaffen. 8:55 müssen wir an der Kirche sein. Das heißt wir müssten 8:45 Uhr die Praxis verlassen. Die erste Hoffnung zerstreut sich bereits, als ich sehe, dass bereits zwei Mütter mit Kindern vor mir darauf warten, dass sich die Türen öffnen.

Wölkchen heult. Sie denkt, dass sie heute wieder eine Impfung bekommt und ihr die Ärztin weh tut. Alles Erklären hilft nichts. Sie weint und weint und weint. Als wir endlich an der Reihe sind uns anzumelden, erkläre ich der Schwester, dass wir gerne 8:45 Uhr hier fertig sein müssten. Sie verkneift sich ein hysterisches Lachen. Mit hochgezogenen Augenbrauen erklärt sie mir stattdessen, dass die Untersuchung alleine schon bestimmt eine halbe Stunde dauert. Außerdem braucht sie noch eine Urinprobe von Wirbelwind. Ich schnappe mir Schlüssel und Becher und wir hetzen auf die Toilette. Wirbelwind pinkelt mir auf die Hand, Wölkchen weint. Es ist ein Spaß. Der Becher geht zurück an die Schwester und ich setze mich mit den Kindern in den Wartebereich. Wölkchen fängt tatsächlich an zu spielen. Zumindest so lange, bis wir aufgerufen werden und ich sie wieder heulend hochnehmen muss.

Wir werden in einen Untersuchungsraum gesteckt, in welchem uns bereits eine freundliche und äußerst gemächlich vorgehende Schwester empfängt. Ihre Ruhe bringt mich fast zur Verzweiflung. In Zeitlupe holt sie ihre Materialien aus dem Schrank. Innerlich brodelnd, nach außen geduldig lächelnd schaue ich mir die Untersuchung an.

8:35 – Mein Blick fällt auf die Uhr und ich bekomme leichte Panik. Auf dem Zettel der Schwester fehlen noch viele, viele Punkte. Bitte nicht. Bitte lass mich nicht schon wieder einen Ausflug von Wirbelwind verpassen.

Blick noch weiter zurück

Ihr wollt wissen, was da geschah? Nun gut…

Bereits vor ein paar Wochen hatte die Kita einen Ausflug gemacht, damals in ein Theaterstück. Ich hatte die Zeit falsch im Kopf und war schlichtweg zu spät im Kindergarten. Wirbelwind starrte in den dunklen Gruppenraum. Ihre Gruppe war bereits losgegangen. Anstatt hinterher zu fahren und zu versuchen die Kinder im Theater einzuholen, gab ich den traurigen Wirbelwind in der Nachbargruppe ab und fuhr auf Arbeit. Schuldgefühle deluxe.

Hinterher machte ich mir riesige Vorwürfe. Warum hatte ich die Zeit falsch verstanden? Warum war ich nicht pünktlich im Kindergarten? Hätte ich meine Kollegin anrufen und sie bitten können, meine Termine zu übernehmen, damit ich Wirbelwind ins Theater bringen konnte? Und hätte ich sie noch rechtzeitig im Theater absetzen können? Fragen über Fragen. Vorwürfe über Vorwürfe.

Es wurde nicht besser, als ich Wirbelwind am Nachmittag abholte. Zwar war sie ganz zufrieden, weil sie auf diese Weise in der Nachbargruppe einen Geburtstag mit feiern konnte, allerdings hielt mir die Erzieherin vor, dass es doch so schade um die Eintrittskarte gewesen sei. Schade um die Eintrittskarte? Echt jetzt? Die paar Euro waren doch in dieser Situation das geringste Problem. Ich hätte das Zehnfache bezahlt, wenn ich die Zeit zurückdrehen und meinen Wirbelwind rechtzeitig im Kindergarten absetzten könnte.

Weiter beim Arzt

Nun sitze ich also beim Arzt und die Erinnerungen kommen wieder hoch. Nie wieder sollte das passieren, und nun starre ich verzweifelt auf die Uhr und schaue hilflos zu, wie diese Schwester in Allerseelenruhe einen Test nach dem anderen vollführt.

8:40 – Die Schwester ist fertig mit ihrem Teil der Untersuchung. Im ruhigen Ton (soweit das möglich war) erkläre ich ihr erneut, dass der Kindergarten einen Ausflug macht und es schön wäre, wenn es etwas schneller gehen würde. Die Schwester gibt der Ärztin Bescheid. Wir warten auf die Ärztin. Und warten. Und warten.

8:55 – Endlich kommt die Ärztin herein. Sie fragt, wie viel Zeit sie noch hätte. Ich erkläre ihr hilflos, dass wir eigentlich genau jetzt da sein müssten. Unbeirrt macht sie ihre Messungen, Untersuchungen, Anmerkungen und was sonst noch alles notwendig ist.

9:05 – Fertig. Ich schnappe mir U-Heft und Impfausweis und sprinte aus der Arztpraxis in Richtung Auto. Fünf Minuten später stehen wir an der Kirche, 15 Minuten nach der vereinbarten Treffzeit. Natürlich haben die Kinder längst angefangen. Während sie drinnen die Orgel bestaunen, stehe ich mit meinen Kindern verzweifelt davor. Niemand hört uns. Ich beschließe zum Kindergarten zurückzukehren und gebe die Kinder in Wölkchens Gruppe ab.

Was es mit mir macht

Wütend, enttäuscht und sauer erscheine ich auf Arbeit. Ich brauche meine Zeit, um runter zu kommen und das Erlebte zu verarbeiten. Auch später noch nagt es sehr an mir.

Doch warum? Was ist es, was mich so aufbringt?

Das erste ist wohl die Ohnmacht, die Hilflosigkeit, die Abhängigkeit von der Entscheidung anderer. Ich habe gerne die Kontrolle über die Dinge. Ich bin mir bewusst, dass das gerade mit Kinder utopisch ist. Dennoch ist es ein Anspruch, der aus meiner Sicht notwendig ist, um solche Dinge wie Pünktlichkeit zu gewährleisten.

Und dann gesellen sich zur Ohnmacht noch die Vorwürfe als Mutter versagt zu haben. Wie damals schon beim verpassten Theaterbesuch, diesmal jedoch etwas abgemildert. Hätte ich etwas tun können, um Wirbelwind rechtzeitig in die Kirche zu bekommen? Hätte ich den Erziehern vorher sagen sollen, dass wir später kommen, damit die Tür für uns geöffnet bleibt? Hätte ich den Arzttermin abbrechen sollen?

Und eine Frage stellt sich mir noch: Ist es für Wirbelwind schlimm, dass das passierte, oder ist das nur mein Empfinden? Inwieweit projiziere ich meinen Frust, meine Enttäuschung und vielleicht auch meine Ängste Wirbelwind aus ihrer Gruppe auszuschließen, auf sie? Wie enttäuscht ist sie wirklich und was davon gehört eigentlich zu mir?

Fragen über Fragen, die ich wohl nicht beantworten kann. Nur eines steht fest: Sollten nochmal Termine von Arzt und Kindergarten miteinander kollidieren, dann sage ich einen davon gleich ab. Dann werden auch keine Hoffnungen enttäuscht und ich spare mir jede Menge Schweißperlen.

Nachklang

Als ich an diesem Nachmittag übrigens Wirbelwind abhole, kann ich es mir nicht verkneifen zu betonen, dass es nicht an mir, sondern am Arztbesuch liegt, dass ich zu spät an der Kirche war. Die Erzieherin betont, dass Wirbelwind schon sehr traurig war. Na prima, hat sie es wieder geschafft, mir ein schlechtes Gewissen einzureden.

Die Erzieherin übergibt mir das Eintrittsgeld, welches wir dank Wirbelwinds Abwesenheit gespart haben. Ich stecke es Wirbelwind zu. Sie darf sich etwas Schönes davon kaufen. Und ich verspreche ihr, dass sie bei meinem Chorauftritt auch einmal die Orgel bestaunen darf. Es ist ein kleiner Trost.

Eure Wiebke

3 Comments

  1. Lina
    Antworten
    25 Oktober 2017 at 12:32 am

    Ach Wiebke,
    Sonst nur Stille mitleserin, möchte ich jetzt doch mal meinen Senf dazugeben:
    1. Es ist zwar schade für Wirbelwind, dass sie die Ausflüge verpasst hat, aber meiner Meinung nach auch kein Weltuntergang (obwohl ich voll verstehen kann, dass du dich schlecht fühlst und es dir vorkommt, als hättest du sie enttäuscht). Ich finde gut, was du jetzt vorhast, nämlich wenn mehrere Termine zeitlich (zu) nah beieinander liegen, alle bis auf einen zu canceln, damit du nicht hetzen musst und keiner enttäuscht ist.
    2. Jetzt aber: was ist das bitte für ne (entschuldige) blöde Erzieherin?! Dieses „nochmal nachtreten“ wenn du dir sichtlich schon selbst totale Vorwürfe machst, finde ich extrem daneben (übrigens auch generell, nicht nur auf deine Situation bezogen). Da kann man sich so einen blöden Kommentar doch echt verkneifen! Statt zu betonen, dass dein Kind traurig war, vielleicht sagen „na, es war ja nicht der letzte Ausflug, das passiert halt mal“? Ich weiß nicht, ob die Erzieherin auch einen schlechten Tag hatte, keine Ahnung, ich will ihr natürlich nicht unterstellen, immer so zu reagieren, aber auf deine konkrete Situation bezogen finde ich ihr Verhalten sehr daneben. So, das musste mal raus. Wird schon alles 😉 Liebe Grüße, Lina

    • 25 Oktober 2017 at 8:33 pm

      Naja, die Erzieherin fällt des Öfteren durch ihre sehr direkte Art auf. Meist finde ich das sehr angenehm, in dieser Situation allerdings unangebracht. Danke für die Wünsche 😉 LG Wiebke

  2. Carola
    Antworten
    27 Oktober 2017 at 8:48 pm

    Bitte lösche die Adresse! Da hat mein Handy sich selbständig gemacht. Danke!
    Carola

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