Ist ein Eis wichtiger als der Wille der Mutter?

Gestern war ich mit den Kindern im schwedischen Möbelhaus. Einerseites wollte ich dort etwas kaufen, andererseits nutzen wir den Ausflug auch gerne, um die Zeit zu vertreiben und – gerade bei weniger schönem Wetter – eine Indoor-Beschäftigung zu haben. Oft haben wir das bereits gemacht. Gestern ereignete sich aber etwas, das mich nachdenklich gemacht hat.

Alles normal

Zunächst lief alles wie immer: Wir betraten das schwedische Möbelhaus und ich spendierte meinen Kindern einen Hotdog mit Getränk. Wir setzten uns ins Kino und besprachen die weitere Vorgehensweise. Die Kinder sprachen sich gegen das Bälleparadies aus und versicherten, mit mir einkaufen gehen zu wollen. Wir verabredeten, dass es dann hinterher noch ein Eis geben würde.

Wir starteten also und die Kinder durften zunächst eine ganze Weile in der Kinderabteilung spielen. Das war eigentlich ganz niedlich. Wirbelwind setzte sich mit einer Kasse an einen kleinen Tisch und Wölkchen sollte immer wieder neue Dinge bringen, die sie dann einkaufen und von Wirbelwind durch den Scanner gezogen werden musste. Biep. Biep. Machte es immer wieder, bevor Wirbelwind ihre kleine Schwester aufforderte „Du musst noch mehr einkaufen!“ Ein wahres Verkaufstalent, die Maus. Irgendwann, nach dem 20. Pandabären, merkte ich an, jetzt doch mal meinen Seifenspender kaufen gehen zu wollen. Sie kamen mit.

Kinder außer Rand und Band

Doch ab hier wurde es anstrengend. Immer wieder büchsten die Zwei in die Seitengänge aus und fassten alles an, was ihnen zwischen die Finger kam. Egal, wie oft ich sie bat, das bleiben zu lassen. Wir kämpften uns zum Seifenspender und schließlich weiter Richtung Kasse vor. Bei den Gartenmöbeln hielt ich kurz inne, weil ich ein Möbelstück probesitzen wollte. Wölkchen und Wirbelwind drehten am Rad. Besonders Wirbelwind stachelte immer wieder ihre kleine Schwester an, laute und wilde Sachen zu machen. Sie spielten Fangen, kugelten sich auf den Sitzmöbeln und am Ende rannte Wirbelwind hinter Wölkchen her, während sie diese so sehr an der Kapuze zog, dass ich schon einen Sturz oder Atemnot befürchtete. Es war das reinste Chaos. Immer wieder bat ich Wirbelwind, damit aufzuhören. Doch sie grinste nur verschmitzt und machte kurze Zeit später, wenn ich keinen Blickkontakt mehr hielt, weiter.

Ich war auf Hundertachzig. Ich rief beide Kinder zu mir und verkündete, dass ich solchen aufgedrehten Kindern nicht auch noch ein Eis kaufen würde. Kann man jetzt interpretieren, wie man möchte. Im Prinzip war es eine Form von Bestrafung, die ich da anwandt hatte. Und so wirklich stolz bin ich darauf auch nicht. Es hatte zumindest ein wenig Logik, weil Zucker in deren Zustand jetzt nicht gerade die richtige Wahl gewesen wäre. Mein Entschluss stand also fest: die Kinder bekamen kein Eis. Betröbbelt schauten sie mich an.

Eis vs. Gefallen

Und nun kommt der Moment, der mich so nachdenklich gemacht hat: Beide Kinder waren auf einmal die liebsten Kinder der Welt. Sie waren ruhig, machten keinen Unfug mehr und den ganzen restlichen Tag klappte alles wunderbar. Besonders Wirbelwind, die die treibende Kraft war, zeigte sich beinahe reuig. Und nun muss ich gestehen, dass mich das fast wütender macht, als das vorherige Verhalten. Mein Bitten hatte nicht gereicht, die Kinder wieder runter zu holen. Insbesondere Wirbelwind war es scheinbar egal, was ich von ihrem Verhalten dachte. Ob es mich traurig oder wütend machte, es war ihr gleichgültig! Für ein Eis hingegen, hätte sie ihr Verhalten angepasst.

Ist ein Eis wichtiger, als seiner Mutter einen Gefallen zu tun?

Ist es normal, dass bei Kindern solche Maßstäbe herrschen? Oder muss ich mir Gedanken machen, welche Bedeutung ich im Leben meines Kindes habe, wenn ich irgendwo hinter einer zuckrigen, kalten Masse lande? Oder hat Wirbelwind einfach nicht so sensible Fühler dafür, wo bei anderen die Grenzen sind? Bestrafungen hingegen, wie Eisverbot, zeigen ziemlich deutlich, dass gerade eine Grenze überschritten wurde.

Nachklang

Am Abend hatte ich noch mal ein kurzes Gespräch mit Wirbelwind geführt. Ich habe sie gefragt, warum sie im Möbelhaus so viel Blödsinn gemacht haben. Sie antwortete: „Wir wollten doch nur Spaß haben!“.

Ich erklärte ihr, dass sie selbstverständlich Spaß haben können. Aber wenn die anderen Leute um sie herum, die Mutter, die anderen Kunden, das Verhalten stört, ihr also die einzigen seid, die hier Spaß haben, dass das eben blöd ist. Dann habt ihr Spaß auf Kosten der anderen.

Wirbelwind entgegnete daraufhin: „Ach so. Das wusste ich nicht.“

Und nun weiß ich auch nicht. Für mich ist das so ein logischer Zusammenhang. Für mich ist es selbstverständlich, dass meine Späße, sobald andere darunter leiden, eben keine Späße mehr sind. Erwarte ich da zu viel Verständnis von einer Sechsjährigen? Und interpretiere ich – mal wieder – zu viel in ihr Verhalten hinein? Warum ist sie im Möbelhaus so ausgeflippt? Fehlte ihr Aufmerksamkeit von mir? Und wenn ja, warum hat die „Bestrafung“ funktioniert, aber nicht meine zuvor höfliche Bitte?

Wie würdet Ihr das Ganze von der Außenperspektive beurteilen?

Eure Wiebke

5 Comments

  1. Nachthaar
    Antworten
    22 Februar 2019 at 6:18 am

    Ich würde das nicht überinterpretieren. Sechsjährige sind halt noch Kinder, man sollte Ihnen beibringen Rücksicht auf andere zu nehmen, aber es klappt halt noch nicht immer. Was für uns Erwachsene logisch ist (sein sollte?), ist es für Kinder nicht unbedingt. Ich denke ihnen wäre nie der Gedanke gekommen, dass sich Erwachsene um sie herum davon gestört fühlen können.

    Vielleicht wäre es besser gewesen, sie speziell darauf hinzuweisen das sie gerade andere stören?
    Oder wie du dich fühlst?

    Und mal ehrlich, auch Erwachsene stören manchmal die Personen um sich herum ohne das zu merken. Ich war letztens in der Bahn mit einer Rentnergruppe auf Reisen, die waren auch extrem laut und das selbst zu merken.

    • 22 Februar 2019 at 4:11 pm

      Hallo, vielen Dank für Deine Rückmeldung. Ich weiß, ich interpretiere manchmal viel und schnell etwas in ein Verhalten hinein. Das kann ich einfach nicht abschalten 😉 Und wenn die Rentnergruppe meine Kinder gewesen wären, dann hätten die auch was von mir zu hören bekommen 😉
      Nun gut. Ich versuche da etwas gelassener zu sein.
      Viele Grüße, Wiebke

  2. Meta
    Antworten
    22 Februar 2019 at 7:43 am

    Ich denke, sie wollte wirklich ausgelassen Spaß haben und hat deine Warnzeichen nicht ganz so ernst und dringend empfunden. Aber als sie gemerkt hat, dass es dich so geärgert hat, dass du kein Eis kaufst, kam die Reue. Nicht wegen des Eises – sondern weil sie dich so sauer gemacht hat.

    Denn ich kenne Kinder Logiken, die, wenn es eh kein Eis mehr zu gewinnen gibt, erst wirklich aufdrehen.

    Sie hat sich dafür verschieden, dich nicht mehr zu ärgern u zu reizen 🙂

    • 22 Februar 2019 at 4:12 pm

      Vielen Dank für Deine Rückmeldung. Ja, so klingt es sehr plausibel. 😉
      LG Wiebke

  3. 9 April 2019 at 11:05 am

    Liebe Wiebke,

    meine zwei sind 6 Monate und dreieinhalb. Wir kämpfen zur Zeit jeden Tag den Süßigkeiten-Kampf und oft genug fühle ich mich wirklich schlecht, weil der Süßkram dann doch so oft als „Währung“ herhalten muss. Sei es als Belohnung („wenn wir jetzt ohne Theater, dann…“) oder eben als Bestrafung („Wenn du nichts davon isst, dann…“). Und ich kann das Gefühl so gut nachvollziehen, dass es doch nicht sein kann, dass ein Gummibärchen so viel mehr Macht hat, als die Wünsche der Mama. Ich denke man muss das ganze irgendwie aus der Sicht der Kinder sehen, die eben vor allem noch die kurzfristige Befriedigung der Bedürfnisse an allererster Stelle sehen. Eine glückliche Mama funktioniert ja auch oft. Aber so lecker wie ein Gummibärchen ist sie halt dann doch nicht. Meine Mutter sagt, bei meinem Bruder und mir war es früher genauso. Irgendwie sind wir aber trotzdem ganz gut geraten. Und Süßigkeiten essen wir auch nicht im Übermaß 😉.

    Toller Blog, macht Spaß zu lesen!
    Viele Grüße,
    Lina

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