Tischmanieren – oder: vom Stillsitzen, Aufessen und Nichtreden.

Tischmanieren. Was ist das? Ich erinnere mich nicht daran, dass ich als Kind Tischmanieren beigebracht bekommen habe. Im Ernst: niemand hat zu mir gesagt: „Kleine Wiebke, die Ellenbogen gehören nicht auf den Tisch“. Oder „Mit Essen spielt man nicht“. Ich durfte so am Tisch sitzen und essen wie ich wollte. Na gut, dass keiner eingegriffen hat, kann auch daran liegen, dass ich von Natur aus ein braves Mädchen war, wirklich!

Ab wann sollte man Tischmanieren beibringen?

Aber vielleicht liegt darin auch das „Problem“, dass ich jetzt, wo ich ein eigenes Kind habe, nicht das Bedürfnis verspüre Ihr diese Manieren beizubringen. Klar möchte ich, dass sie ruhig da sitzt, fein isst und nicht kleckert. Aber sie ist doch noch nicht einmal zwei Jahre alt! Klar möchte ich nicht die ganze Sauerei weg machen, wenn sie mal wieder in ihrem Stuhl aufgestanden ist und dabei Joghurt und Trinkbecher umgeworfen hat. Aber muss ich deshalb gleich schimpfen und sie zum Sitzenbleiben zwingen?

Bei mir persönlich sind drei Jahre die magische Grenze. Davor, im Kleinkindalter, ist aus meiner Sicht noch vieles erlaubt, weil Kinder einfach vieles noch nicht verstehen, oder sie sind motorisch noch nicht so versiert wirklich
kleckerfrei zu essen. Warum also schimpfen oder immer wieder ihnen die Fehler aufzeigen, die sie selber doch noch gar nicht ändern können, selbst wenn sie wöllten.

OK ein paar Sachen bringen wir ihr auch jetzt schon bei. Dazu später mehr.

Wie sollte man Tischmanieren beibringen?

Das ist ein Punkt, der mich schon frustriert. Papa und ich, wir sind uns nämlich in vielen Fragen der Erziehung (und somit auch in Fragen der Tischmanieren) nicht sehr einig. Er ist deutlich strenger. Und wo ich noch gewähren lasse, da greift er bereits ein. Dann spielen sich am Esstisch Szenen ab wie: Wirbelwind kniet auf ihrem Stuhl, anstatt zu sitzen. Sie stellt sich gerne auf ihr Trittbrett, um an die Wurst oder den Käse zu kommen. Ich lasse sie gewähren. Doch der Papa befielt ihr sich wieder hinzusetzen. Ich halte nichts von dieser fordernden Art. Ich versuche es eher argumentativ. Und wenn ich es nicht begründen kann, dann verlange ich es auch nicht. So wie das stille Sitzenbleiben. Was ist so schlimm daran, wenn sie nach der Wurst greift? Das tun wir Eltern doch auch? Sie tut es uns doch nur gleich. Wie soll sie da das Verbot verstehen?

Es ist natürlich für das Kind nicht schön, wenn es Regeln über zwei verschiedene Arten und Weisen vermittelt bekommt. Am Ende läuft es darauf hinaus, dass sie meine Nähe und damit meine Entscheidung sucht, wenn sie etwas möchte, weil sie weiß, dass ich nachgiebiger bin.

Hier hat sie sich kurzerhand auf Papas Stuhl gesetzt. Warum nicht?

Und noch wichtiger: welche Tischmanieren sollte man beibringen?

Wie gesagt, ich bringe Regeln bei, die ich selber für sinnvoll erachte und nicht nur genannt werden, weil man es selber schon so beigebracht bekommen hat. Spätestens, wenn die „Warum?“-Phase kommt, sollte ich es ja begründen können. Eine Antwort wie „Weil ich es sage“ finde ich gaaanz furchtbar.

Ellenbogen auf dem Tisch stören mich beispielsweise nicht. Oder das Reden beim Essen. Klar sollte das Essen nicht gerade aus dem Mund fallen. „Ab 200g wirds undeutlich“ hat eine andere Mutter einmal zu ihr gesagt, als sie mit dem Apfel im Mund losreden wollte und die Überreste nur so aus ihrem Mund sprudelten. Das kann sie später lernen.

Aber etwas versuche ich ihr doch zu vermitteln: „Was man sich genommen hat, muss man auch aufessen“ (eine der wenigen Regeln aus meiner Kindheit). Doch es hilft nichts: auf ihrem Teller türmen sich angeknabberte Wurst-, Brot- und Obststückchen. Sobald sie es in der Hand hat, verliert es seinen Reiz. Daran müssen wir echt noch arbeiten. Schade um die Lebensmittel.

Eine zweite Regel, die wir ihr vermitteln ist „Messer gehören nicht in den Mund“. Sie darf schon ein Kinderplastemesser benutzen, schmiert sich damit beispielsweise selber das Marmeladenbrot, allerdings nur
unter meiner Aufsicht. Und wenn das Messer so voll Marmelade trieft, da ist der Drang schon groß es sich doch einfach in den Mund zu stecken. Also heißt es „Nein, Messer gehören nicht in den Mund“. Aber ich kann es begründen: sie soll sich ja später bei den echten Messern nicht die Zunge aufritzen. Und das angesabberte Ding dann wieder in die Marmelade? Also ich weiß nicht…

Und eine dritte Regel schließlich heißt „Beim Essen wird sich hingesetzt“ bzw. alternativ „Nicht mit dem Essen herumlaufen„. Da unser Wirbelwind auch unterwegs gerne mal einen Apfel, eine Banane oder auch (oje ich geb`s zu) einen Keks nascht, muss sie sich dazu hinsetzen. Schließlich soll sie das Essen nicht in der Gegend herumstreuen oder sich sogar daran verschlucken, wenn sie gleichzeitig auf dem Trampolin herumturnt.

Wer erzieht hier wen?

Dass sie Regeln gut verstehen und umsetzen kann, zeigt uns unser Wirbelwind auch jetzt schon. Im Kindergarten werden die Tischmanieren viel stärker eingefordert, als bei uns zu Hause. Das ist auch notwendig, wenn zwei Erzieher 15 Kleinkinder bändigen müssen. Da muss stillgesessen werden, alles hat seine Ordnung und jeder muss die Regeln einhalten. Und es funktioniert, weil es alle Kinder machen. Sie schauen sich eben auch viel ab, gerade von den Gleichaltrigen. Und so kommt es, dass unser Kindergarten-erzogenes Kind an unserem Esstisch gerne mal zeigt, wo es langgeht. Einmal hat sie auf meine Ellenbogen geklopft, die mir als Kopfstütze dienten. Ich zog beschämt die Arme zurück und verfrachtete meine Hände auf dem Schoß. Sie schien zufrieden. Ein anderes Mal wollte ich etwas von ihrem Teller nehmen. Sie wies mich sofort zurück, rief „Naaaain“. Und es stimmt ja: man soll schön auf seinem eigenen Teller bleiben.

Wir können also alle noch etwas voneinander lernen: der Papa mehr Nachsicht zu geben, Wirbelwind sorgsamer mit den Lebensmitteln umzugehen und Mama auch mal auf das eigene Kind zu hören. Denn auch die haben ab und an Recht.

Dieser Beitrag knüpft an den Post von Mia vom Blog „Mamamia“ an, die dazu aufgerufen hat eigene Post zu diesem Thema zu verfassen. Und hier ist er 😉 Wer also selber seinen Senf zu dem Thema abgeben möchte, kann dies gerne tun.

5 Comments

  1. 14 Mai 2014 at 1:18 pm

    Super geschrieben liebe Wiebke! Bei uns ist es übrigens auch so, dass der Papa strenger ist und ich da mal eben locker flockig drüber hinweg schaue. 🙂

    • 14 Mai 2014 at 6:58 pm

      Das ist ja interessant. Ob das anderen Familien auch so geht? Wäre ja mal spannend zu erfahren… Lieben Gruß, Wiebke
      (und übrigens: Dein Buch ist angekommen und ich werde auf JEDEN Fall dieses Wochenende etwas Backen und auch über das Ergebnis berichten!)

  2. 14 Mai 2014 at 8:01 pm

    Liebe Wiebke, unsere Lütte ist ja nun noch lütter, aber DASS es bald Tischregeln geben muss, das ist sicher: Im Moment ist sie nur gehend. Kommt zur Küchentür, holt sich ein Stück Banane ab, rennt im Kreis, kommt zur Küchentür, holt sich ein Stück Banane ab, rennt im Kreis… BLOSS NICHT auf den Stuhl! Ich wünsche mir, dass sich das bald ändert, denn gemütlich ist anders… Einen schönen Abend! Anne

    • 14 Mai 2014 at 8:16 pm

      Ja, die Kleinen haben eben sehr viel Energie. So ein paar Tischmanieren sind da auf jeden Fall sinnvoll. Bin mal gespannt, wie unsere Kinder in drei Jahren (mehr oder weniger) artig am Tisch sitzen 😉

  3. 20 Dezember 2017 at 7:34 am

    Es ist ein wichtiges Thema, ich habe mich schon mehrmals damit befasst. Ich denke wichtig ist, dass man weiss, dass Kinder weniger lang still sitzen und nicht alles, was sie auf den Teller nehmen auch aufessen. Trotzdem sind gewisse Rahmenbedingungen am Tisch wichtig!
    Du findest meine Tipps zum Familientisch hier: https://missbroccoli.com/tipps-am-familientisch-kleinkind/
    Würde mich freuen, wenn du mal vorbeischaust 🙂
    liebe Grüsse
    Moana

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