Mondgeschichte

„Guck mal, ein Mond!“

Wirbelwind hält plötzlich inne, das Brötchen in ihrer Hand ist auf einmal nebensächlich. Sie starrt in den sich verdunkelnden Himmel und schaut fasziniert auf die leuchtende Sichel. „Der Mond ist da!“
Völlig außer sich vor Freude hockt sie sich hin und macht es sich auf dem Gehweg bequem, bereit, den Mond die ganze Nacht lang zu betrachten.

In einem Anflug von Besserwisserei erkläre ich ihr, dass der Mond heute sehr klein ist, manchmal aber auch sehr groß und rund sein kann. Dazu mache ich Bewegungen mit meinen Armen, die einmal einen Kreis und einmal eine Sichel nachahmen.

Wirbelwind tut es mir sofort gleich. Dank winziger Ärmchen und Brötchen in der Hand wirkt es arg unbeholfen und gleichzeitig so liebenswert. Diese Faszination für so banale Dinge, die wir Erwachsene gar nicht mehr bemerken. Es ist ein Geschenk, auch und gerade für uns Eltern. Und so starren nicht nur Wirbelwind, sondern auch ich auf die leuchtende Sichel am Himmel, als wäre es ein Jahrhundertkomet.

Wir sind auf dem Weg zum Spielplatz. Vor einer halben Ewigkeit hatte ich sie aus dem Kindergarten abgeholt, gefolgt von einem kleinen Fußmarsch zum Getränkehändler und Bäcker. Nun steuern wir den Spielplatz an, aber dank Winterzeit wird es bereits dämmrig. Viel Zeit bleibt uns nicht mehr. Aber dafür umso mehr Zeit zum Träumen.
Als Wirbelwind nach geraumer Zeit immer noch auf dem Gehweg hockt und in den Himmel starrt, frage ich nach, ob sie dort jetzt hocken bleiben wolle. Ohne den Blick vom Himmel abzuwenden antwortet sie benommen „Ja“. „Dann schaffen wir den Spielplatz aber nicht mehr, dann ist es zu dunkel“. Das leuchtet ein, noch mehr als der Mond, und so erhebt sie sich und watschelt mir hinterher. Zehn Meter später schaut sie zum Haus zurück, über dem der Mond eben noch zu sehen war. „Oh, Mond ist weg!“ sagte sie enttäuscht. Ich zeige ihr, dass der Mond nicht weg ist, sondern nun über einem anderen Haus zu sehen ist. Leicht irritiert schaut sie zurück zur alten Beobachtungsstelle, dann wieder zum aktuellen Mond-Standort und ruft „Oh, noch ein Mond“.

Ich glaub die Sache mit dem Sonnensystem erkläre ich ihr ein anderes Mal. Ein wenig möchte ich die Faszination noch bewahren, bevor sie beginnt solche Dinge als selbstverständlich anzusehen. Denn auch ich möchte noch ein wenig länger träumen…

 

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Mondgeschichte - ein Kind staunt

5 Comments

  1. 29 Oktober 2014 at 8:35 am

    Was für ein schöner Text. Ein wunderschöner Text, Wiebke.

  2. 29 Oktober 2014 at 8:43 am

    Ach liebe Wiebke, diese Szene könnte auch bei uns stattgefunden haben. Mir wäre es aber nicht gelungen dass in so tolle Worte zu fassen. Unsere Maus ist derzeit auch fasziniert vom Mond und immer sehr begeistert, wenn sie ihn am Himmel entdeckt. Sie erklärt mir dann immer ganz stolz, dass die Sonne schlafen gegangen ist, weil es so anstrengend war den ganzen Tag zu scheinen, deshalb kommt jetzt der Mond und die Sterne. Und morgens geht dann der Mons schlafen. Ist das nicht zauberhaft? Ich könnte ihr den ganzen Tag zuhören, wenn sie solche süßen Geschichten erfindet.
    Übrigens kann ich Dir einen tollen Tipp für ein Mondbuch geben: http://www.amazon.de/Papa-bitte-mich-Mond-Himmel/dp/3806742200
    Die Geschichte ist einfach zauberhaft und erklärt so ganz nebenbei auch, dass der Mond mal rund und mal schmal ist. Unsere Maus liebt diese Geschichte. Erwartet jetzt aber auch, dass ihr Papa ihr auch den Mond vom Himmel holt 🙂 Wir haben sie als kleine Episode auf der Raupe Nimmersatt-DVD kennengelernt und sind selbst hin und weg…Ganz liebe Grüße und danke für den zauberhaften Text (den ich gern selbst geschrieben hätte 🙂 ), Anna

    • 29 Oktober 2014 at 12:42 pm

      Liebe Anna, vielen Dank für den Buchtipp. Das ist eine schöne Idee, gerade jetzt, wo sie so fasziniert davon ist, darüber auch ein Buch zu besorgen! Und schön, dass Dir der Text gefällt. Natürlich hättest Du ihn auch schreiben können, da bin ich mir sicher! :-* Wiebke

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