„Sie muss lernen in ihrem eigenen Bett zu schlafen!“

Familienbett_Wut_Eltern_Schlafen

Diesen Satz hörte ich letztens nicht, weil ich den Fernseher angelassen hatte und mir Trash-TV entgegen strahlte. Nein, ich hörte diesen Satz von meinem Mann. Völlig übermüdet lag er mitten in der Nacht auf dem harten Kinderzimmerfußboden neben Wölkchens Gitterbett und versuchte sie vergebens zum Schlafen zu bewegen. Seit zwei Stunden.

Was war passiert?

Rückblick. Ich habe den fatalen Fehler gemacht und bin auf der Couch eingeschlafen. Als Wirbelwind nachts auf die Toilette musste, sah sie das Licht, kam herein und wollte selbstverständlich nicht wieder gehen. Also versprach ich ihr, mit ihr zusammen im Gästebett zu schlafen und übergab das Babyfon samt Vollmacht über Wölkchens Schlaf dem Papa.

Es kam, wie es kommen musste: kurze Zeit später wurde Wölkchen wach. Kein Problem, der Papa ging hin, steckte ihr den Nuckel in den Mund und legte sich wieder hin. Nur war Wölkchen diese Nacht doch unruhiger drauf, als an manch anderer Nacht. Denn kurze Zeit später meldete sie sich erneut. Der Papa erschien, diesmal bereits gereizt, in der Tür, versorgte Wölkchen und verließ erneut den Raum. Das Spiel wiederholte sich erneut. Nun stand auch ich in der Tür, weil ich den Papa abfangen und ihn bitten wollte Wölkchen doch mit rüber zu nehmen. Sie scheint heute die Nähe zu brauchen. Doch Papa war bereits im Zimmer verschwunden. OK, dann also nicht. Ich legte mich wieder hin und hörte, wie Wölkchen immer wieder aufjaulte und der Papa, der immer noch im Zimmer war, entsprechend mies gelaunt zurück grunzte. Irgendwann wurde es mir zu bunt. Das arme Wölkchen wollte einfach nur in den Arm genommen werden. Abgesehen davon, dass ich so auch zu keinem Schlaf fand. Ich schlich mich zum Papa und flüsterte ihm ins Ohr, dass er sich zu Wirbelwind legen kann und ich Wölkchen mit zu mir ins Bett nehme. Und in diesem Moment grummelte er wütend diesen Satz: „Sie muss lernen in ihrem eigenen Bett zu schlafen!„.

Das hat gesessen.

Wir haben so oft darüber gesprochen. Und so oft hat er mir zugestimmt Wölkchen mit zu uns zu nehmen. Je älter sie wurde, desto mehr waren wir der Überzeugung, dass Wölkchen sehr nähebedürftig ist und eben unsere Nähe braucht. So oft hat er sie kommentarlos und selbstverständlich in unser Bett gelegt, wenn sie nicht mehr bei sich weiterschlafen wollte. So oft hat er sie stundenlang herumgetragen, ist bei Regen und Kälte vor die Tür gegangen, um ihr einen guten Schlaf in seiner Körpernähe im Tragetuch zu ermöglichen. So selbstverständlich hat er seinen Eltern gegenüber erklärt, dass wir keinen Kinderwagen brauchen, weil Wölkchen eh nur das Tragetuch mag. Und dann kommt dieser Satz, „Sie muss lernen in ihrem eigenen Bett zu schlafen!“.

Warum hat er das gesagt? Warum denkt er, dass Wölkchen lernen soll in ihrem eigenen Bett zu schlafen? Woher kommt der Sinneswandel? Was ist anders, als noch vor ein paar Monaten, als er ganz selbstverständlich ihr die Nähe zugestand, die sie brauchte? Zwei Gründe sind mir eingefallen, die auch mir selber nicht unfremd sind.

Warum das Kind im eigenen Bett schlafen soll…

1. Gesellschaftlich konform handeln

Zum Einen herrscht immer noch die gesellschaftliche Ansicht vor, dass Kinder in ihrem eigenen Bett zu schlafen haben. In meiner sozialen Blase gibt es glücklicherweise sehr viele Familien, die das Familienbett praktizieren. Dass das für uns nicht in Frage kommt, das habe ich ja bereits beschrieben. Dennoch ist es für mich inzwischen selbstverständlich meine Kinder, wenn sie es verlangen, mit zu mir ins Bett zu holen. Das liegt aber eben auch daran, dass ich in meinem Umfeld schon häufiger damit konfrontiert wurde. Bei Wirbelwind damals war das noch nicht so. Da war auch ich davon überzeugt, dass Babys in ihrem Bettchen zu schlafen haben. Jedes Mal, wenn ich sie mit zu mir nahm, weil sie unruhig schlief, hatte ich ein schlechtes Gewissen. Seltsame Gedanken schossen mir durch den Kopf:

„Die gewöhnt sich doch nachher dran und will dann immer hier schlafen.“

„Wenn das andere erfahren, dann gucken die mich doch blöd an.“

Erst als ich hinterher erfuhr, dass es ein „Familienbett“ gibt und viele Familien ihre Kinder ganz offiziell in ihrem Bett schlafen lassen, ohne dass es ihnen geschadet hat, wurde ich entspannter. Aber auch heute noch ertappe ich mich bei dem Gedanken, dass Wölkchendoch besser bei sich schlafen sollte und ich bin froh, wenn sie tatsächlich einmal eine Nacht bis zum Ende in ihrem Bettchen geschlafen hat. Dann klopfe ich mir innerlich auf die Schulter und beglückwünsche mich zu diesem Erfolg. Verrückt!

Auch mein Mann hatte eben diese Vorstellung, dass ein Kind in seinem Bett zu schlafen hat. Bei einem Baby machte er eine Ausnahme, weil ich ihm versicherte, dass das viele Familien so machen, dass Wölkchen nun einmal die Nähe braucht und der Erfolg gab uns recht. Doch nun, nun ist Wölkchen kein Baby mehr. Und auch er hat doch als Kind in seinem Bett geschlafen, genauso wie all seine Freunde und überhaupt alle Kinder, die er kennt. Seine Eltern würden sicherlich seltsam gucken, wenn sie erfahren würden, dass Wölkchen immer noch bei uns schläft. Also muss das doch bei Wölkchen klappen. So oder so ähnlich könnten seine Gedanken ausgesehen haben.

Ja, der gesellschaftliche Druck ist nicht zu verachten und die damit einhergehenden Erwartungen, die man an sich selber und seine Erziehung stellt. Ich nehme mich da nicht aus.

2. Wenn die eigene Erziehung uns wütend macht

Ein weiterer Punkt, fernab abstrakter gesellschaftlicher Erwartungen ist die konkrete eigene Erziehung. Oder klarer ausgedrückt: mein Mann hat es so von seinen Eltern gelernt. Er hat gelernt, dass man in seinem Bett zu schlafen hat. Vielleicht verbindet er sogar negative Erinnerungen damit. Vielleicht wollte er selber als Kind nicht in seinem Bett schlafen und hat eben diesen Satz von seinen Eltern gehört. Ich weiß es nicht, hier kann ich nur mutmaßen. Ihn zu fragen wird wohl nicht viel bringen, weil diese Erinnerungen zumeist verdrängt sind.

Die Autorinnen vom Blog „das gewünschteste Wunschkind“ haben beispielsweise in diesem Artikel und – sehr ausführlich – in ihrem Buch „der entspannte Weg durch Trotzphasen“ (S. 64ff) über das Phänomen berichtet. Sie beschreiben, dass Situationen, in denen unser Selbstwertgefühl in der Kindheit verletzt wurde, verdrängt werden. Diese alten Gefühle werden jedoch im Aggressionsgedächtnis fest gespeichert und treten nun durch die ähnliche Situation mit dem eigenen Kind wieder zu Tage. Eltern, die in ihrer kinderlosen Zeit noch erfolgreich ihre Gefühle verdrängen konnte, werden nun als Eltern von diesen Heimgesucht. Wut steigt auf, ohne dass sie zuordnen können, woher diese kommt.

Vielleicht steckt auch in meinem Mann eine schmerzliche Erinnerung an seine Kindheit, vielleicht sind aber auch andere Gründe hierfür ursächlich. Aber in jedem Fall scheint ihn etwas zu triggern, wenn eines seiner Kinder nicht so handelt, wie er es sich zuvor ausgedacht hat. Bei mir ist es übrigens ganz ähnlich: auch ich verfalle immer wieder in die Denkweise: wenn ich es lange genug erkläre, dann müssen sie es doch verstehen. Auch ich werde dann wütend und erwarte Dinge von meinen Kindern, die sie nicht wollen oder sogar gar nicht können. Was heißt das nun für meine eigene Kindheit?

Aus der Erfahrung lernen

Ihr seht, es ist ein weites Feld und in einem Blogpost, noch dazu ohne psychologischen Beistand nicht zu beantworten. Aber eines habe ich aus dem Buch mitgenommen: Seitdem ich das weiß, reagiere ich selber anders auf die Wutausbrüche – auf meine eigenen, und auf die meines Mannes. Anstatt selber wütend zu werden, weil er so wütend ist, versuche ich nun ihm ruhig zuzureden und zu erklären, warum ich es für sinnvoll finde, etwas so oder so zu machen. Oder wenn ich merke, dass sich etwas in mir aufstaut, versuche ich dreimal tief durchzuatmen und meine geplanten Wortwahl nochmal zu überdenken. Klappt nicht immer. Aber ich arbeite an mir.

In jener Nacht, in welcher der ominöse Satz fiel, legte sich mein Mann schließlich zu Wirbelwind und ich kuschelte mich mit Wölkchen ins Elternbett. Sie schlief die gesamte Nacht sehr unruhig, aber jedesmal, wenn sie aufschrie oder den Arm nach mir ausstreckte, war ich da. Sie spürte meine Nähe und wurde augenblicklich wieder ruhig. Was kann so verkehrt daran sein?

Eure Wiebke

7 Comments

  1. 21 November 2016 at 8:07 pm

    Gar nicht ist daran verkehrt! Genau richtig hast Du es gemacht. Ich habe auch schon ein paar mal über das Thema auf meinem Blog geschrieben. Von außen bekommt man ständig suggeriert wie und wo ein Kind zu schlafen hat. Die lieben Erwachsenen nehmen sich halt die Frechheit heraus zu bestimmen wie und wo die Kinder zu schlafen haben, beschweren sich aber im Gegenzug wenn sie selbst mal alleine schlafen sollen und Jammern wo der Partner ist. Ziemlich daneben also genau dies von seinen Kindern zu verlangen. Lass Dich nicht verunsichern und handle nach Deinem Gefühl. Vielleicht war Dein Mann auch einfach nur gestresst an diesem Tag und ihm rutschte dieser Satz raus.
    Liebe Grüße, Nicole.

    • 22 November 2016 at 8:56 pm

      Also ich schlafe sehr gerne alleine, weil ich einen echt leichten Schlaf habe 😉 Aber ich verstehe, was Du meinst.
      Ja, es war wohl nicht sein Tag (bzw. seine Nacht). Eine ähnliche Situation hatten wir letzte Nacht wieder. Da hat er sich sehr liebevoll um sie gekümmert und mit in sein Bett genommen. <3
      LG Wiebke

  2. 21 November 2016 at 11:14 pm

    Genau so muss das doch – oder? Lotte ist zwar schon 1,5 Jahre alt, aber sie schläft immer noch im Beistellbett. Von außen bekommen wir auch viele Kommentare, aber… so what? Was mich allerdings oft wundert ist, dass solche Sachen auch von Freunden in meinem Alter kommen und das macht dann stutzig. Andererseits haben sie teils auch noch keine Kinder, da ändert sich die Sicht (hoffentlich!) auch nochmal…
    Wir haben jetzt auch drüber geredet, Lotte in ihr Zimmer „umzuquartieren“, grad mit No3 dann… aber: daraus wird nichts. Sie wird nur das Beistellbett „räumen“ müssen und bekommt ein eigenes Bett im Schlafzimmer. Ich hätte kein gutes Gefühl sie eine Etage höher schlafen zu lassen…

    Habt Ihr denn nochmal reden können? War das nur eine „Affekt-Aussage“?

    • 22 November 2016 at 9:08 pm

      Wie gesagt: ich hatte auch ganz andere Vorstellungen, als ich noch kinderlos war. Darum verurteile ich niemanden mehr, der darüber anders denkt. Ich habe ja auch dazu gehört. Nur wenn man dann kritisiert wird, weil man etwas anders macht, dann ist es echt traurig.
      Mehr darüber geredet, als in jener Nacht, haben wir nicht noch einmal darüber. Aber in einer ähnlichen Situation letzte Nacht war er tausendmal verständnisvoller. Sicherlich war er nicht er selbst. Nachdenklich hat mich die Situation dennoch gemacht…
      LG Wiebke

  3. 22 November 2016 at 8:56 am

    Ich habe den Satz auch sehr oft gehört.

    Die Lütte hat 19 Monate lang im Beistellbett direkt neben mir geschlafen. Ich habe sie fast 18 Monate gestillt, (zuletzt nur nachts), da war das am einfachsten und ich fand es auch sehr schön! Sie war nei eine gute Schläferin und so konnte ich sie immer schnell beruhigen.

    Dann hat sie immer schlechter geschlafen (noch schlechter!) und wir haben uns gegenseitig nachts immer wachgemacht… nach einer fast schlaflosen Nacht habe ich ein zweites Bett gekauft und es in ihr Kinderzimmer gestellt (direkt nebenan). Seitdem schläft sie dort. Die erste Nacht habe ich auf einer Matratze neben ihrem neuen Bett geschlafen, die zweite Nacht nur, bis sie eingeschlafen ist, die dritte Nacht hat sie durchgeschlafen… Ich konnte es kaum glauben, da sie vorher immer nur 2 bis höchstens mal 4 Stunden am Stück geschlafen hat!
    Mein Mutterherz blutet, ich fühle mich etwas einsam im Bett ohne mein schlafendes Kind neben mir, aber sie schläft definitiv (inzwischen) besser ohne jemanden daneben.
    Wenn sie nachts wach wird, gehe ich immer zu ihr rüber. Ich lasse sie nie schreien! Beruhigt sie sich nicht, darf sie neben mir schlafen. Das kam in den 3 Wochen bisher einmal vor.
    Vielleicht hätte sie auch schon früher im eigenen Zimmer besser geschlafen?
    Beim zweiten Kind würde ich es trotzdem wieder genauso machen und viel Nähe bieten.

    Jedes Kind ist anders und jeder sollte das so machen dürfen, wie er möchte. Manchmal muss man einfach etwas „riskieren“ und wird dann positiv überrascht.

    LG
    Kaya

    • 22 November 2016 at 9:12 pm

      Liebe Kaya, ja, das stimmt. Jeder sollte es so machen dürfen, wie er möchte (solange das Kindswohl berücksichtigt wird). Schreien lassen wir Wölkchen auch nie. Wir gehen immer hin, wenn sie wach wird, und nehmen sie schließlich mit zu uns, wenn sie sich nicht wieder beruhigen lässt. Das ist inzwischen fast jede Nacht so. Und eigentlich auch in all den Nächten kein Thema… Ich bin mir auch sicher, dass sie die Nähe momentan einfach braucht und irgendwann, ja irgendwann wir sie in ihrem Bett durchschlafen und wir wundern uns, warum sie nicht nach uns ruft. Irgendwann 😉
      LG Wiebke

  4. 23 November 2016 at 12:54 pm

    Ich hab das Buch auch gelesen. Wahnsinn. Irgendwie war das Kapitel über die Elterliche Wut zugleich ein Augenöffner und quasi Schlag ins Gesicht. Die arme Maus musste schon oft meine Wut ausbaden, für die sie wohl gar nichts konnte, weil ich heftiger reagierte als angemessen. Ich versuche nun auch wie du erst mal durchzuatmen und zu spüren ob ich „wegen mir“ rasend vor Wut bin oder tatsächlich wegen der aktuellen Situation. In 85% kam die Wut von Innen. Allein die Erkenntnis lässt die Wut dann schon etwas abflauen und ich bemühe mich nur auf das hier und jetzt zu reagieren und nicht auf diese seltsame Wut. Schwer. Aber ich hoffe ich bekomme das immer besser hin, für die Maus.

    Wir haben ein Familienbett. Zum Glück ist da der Papa auch eine maßgeblich treibende Kraft. Ich muss ihn eher zurück halten dass er ihr nicht verbietet dich in ihrem Bett zu schlafen wenn sie zufällig möchte xD
    Aber vom Umfeld und Familie kommen immer blöde Kommentare. Nervig.

    LG
    Katja

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