Wie viel ist Bindung und wie viel ist Persönlichkeit?

schlafendes Kind hält Mamas Hand

Eine sichere Bindung zwischen dem Kind und seinen Eltern ist enorm wichtig. Da erzähle ich Euch wohl nichts Neues. Und – das möchte ich mal behaupten – habe auch viel versucht, eben eine starke Bindung zu meinen Kindern aufzubauen, im Rahmen meiner Möglichkeiten und in Anbetracht der Bedürfnisse meiner Kinder. Ich habe versucht für sie da zu sein, wenn sie mich brauchten und zu zeigen, dass sie bei mir sicher und geborgen sind. Doch die Art und Weise, wie ich das tat, war ganz verschieden.

Unterschiedliche Körpernähe im Babyalter

Verbrachte Wirbelwind  die meiste Zeit ihrer Tagesausflüge zu Babyzeiten im Kinderwagen, wurde Wölkchen sehr viel getragen. Auch nachts schlief Wirbelwind oft im eigenen Bettchen, Wölkchen hingegen kuschelte viel lieber mit mir. Obwohl wir unbedarft an das zweite Kind herangegangen sind, hat sich unsere Herangehensweise, mit dem Baby umzugehen, deutlich gewandelt, eben weil wir auf die Bedürfnisse von Wölkchen eingegangen sind. Damals bei Wirbelwind war es nicht viel anders. Immerhin haben wir versucht sie zu tragen, doch ihr schien es einfach nicht zu gefallen. Auch später war sie nie der große Kuschler. Sie scheint Körpernähe eben nicht so sehr zu brauchen, wie Wölkchen.

Bindung durch Kuscheln?

Doch was heißt das für die Bindung? Bedeutet das, dass Wirbelwind automatisch, allein durch ihre weniger nähebedürftige Art, eine geringere Bindung zu uns hat? Kann der tägliche Umgang, fernab des Kuschelns, den Bindungsaufbau ersetzen? Bislang habe ich mir diese Fragen nicht gestellt. Es war für mich selbstverständlich, dass ich eine gute Bindung zu meinem Kind haben würde. Schließlich bin ich die Mutter. Und was können mehr oder weniger Körpernähe dabei schon ausrichtigen. Aber seitdem Wölkchen auf der Welt ist und nun eben auch dem Babyalter entwachsen ist, habe ich immer mehr das Gefühl, dass sich die Bindung zu mir (und auch zum Papa) zwischen den beiden Kindern sehr stark unterscheidet. Liegt es daran, dass wir sie so unterschiedlich behandelt haben?

Bedeutet eine sichere Bindung eine schwerere Kita-Eingewöhnung?

Gerade aktuell durch die Kita-Eingewöhnung merke ich es. Wölkchen tat sich deutlich schwerer, was ein Zeichen für eine gute, sichere Bindung ist. Sie wich mir Anfangs kaum von der Seite, erkundete zwar auch den Raum, kehrte aber immer wieder zu mir als sichere Basis zurück. Als ich wiederholt den Raum verließ, klammerte sie sich noch stärker an mich, sobald ich sie Richtung Erzieherin lotste. Sie heulte los, wenn ich mich verabschiedete. Die Bindung war förmlich physisch spürbar. Sie klebte wie Sekundenkleber an mir.

Bei Wirbelwind damals war es viel einfacher. Die erste Zeit flitzte sie sofort durch den Raum und erkundete das Spielzeug. Wenn ich mich verabschiedete, dann nahm sie es zur Kenntnis, aber spielte unbeirrt weiter. Erst Mitte der zweiten Woche, als sie merkte, dass die Trennung nur Gewohnheit wurde, weinte sie vier Tage lang bei der Abgabe. Danach war alles gut. Eingewöhnt.

Heißt das nun, dass Wirbelwind eine schwächere Bindung zu mir hat? Allgemein ist man der Auffassung, dass eine sicherere Bindung dazu führt, dass die Eingewöhnung länger braucht. Sie klammern mehr, weinen bei der Abgabe und jammern, wenn sie mit den Erziehern alleine sind. Sie schauen immer wieder zur Tür und warten sehnsüchtig auf Mutter oder Vater.

Das leuchtet ein. Doch im gleichen Zug bin ich der Meinung, dass – wenn sie akzeptiert haben, dass sie für einige Zeit von anderen Personen betreut werden – sie es durchaus leichter haben können, als unsicher gebundene Kinder. Denn Bindung bringt Vertrauen. Und Vertrauen ist das, was sie in einer Fremdbetreuung brauchen. Vertrauen darin, dass die Eltern wieder kommen werden und sie jetzt erst einmal in Ruhe spielen können. Aber ich schweife ab. Ich wollte doch herausfinden, ob Wirbelwind und Wölkchen eine unterschiedlich starke Bindung zu mir haben.

Nach den ersten Tagen der Eingewöhnung war ich mir sicher: Wölkchen ist viel stärker gebunden, als Wirbelwind.

Zeigt sich auch im Alltag die unterschiedliche Bindungsstärke?

Und jetzt, wo ich so der Überzeugung bin, sehe ich auch im Alltag immer wieder Anzeichen dafür, dass Wirbelwinds Kleber zu mir eben kein Sekundenkleber ist, sondern eher so ein Kinder-Bastelkleber. Ja, es klebt. Aber so bombensicher hält es irgendwie nicht. Ein paar Beispiele.

1. Das Beispiel Kindergarten habe ich ja bereits beschrieben. Auch insgesamt hatte Wirbelwind schon früh weniger Probleme von mir in einem fremden Raum zurückgelassen zu werden, beispielsweise in der Krabbelgruppe oder beim Besuch der Großeltern. Wichtig war jedoch immer, dass ich klar sagte, was ich mache.

2. Entferne ich mich hingegen von Wirbelwind ohne Kommentar, wird sie panisch. Gehe ich beispielsweise im Treppenhaus zwei Stufen voraus, ruft sie sofort verzweifelt „Maaamaaa, waaaarte!“, als ob sie denkt, dass ich gleich in den nächsten Helikopter steige und mich in den Süden absetze. Auch wenn sie auf dem Weg noch Kastanien sammelt und ich schon mal ein paar Schritte weiter gehe, verhält sie sich so. Es ist, als ob ihr das Vertrauen fehlt, dass ich sie nicht alleine lassen würde.

3. Gleichzeitig war sie letzte Woche fünf Tage mit den Großeltern im Urlaub, ohne dass sie Heimweh bekommen hatte. Das würde mit Wölkchen in drei Jahren sicherlich nicht so sein. Aber was mich am meisten irritierte, ja schockierte, war die Tatsache, dass ich Wirbelwind auch nicht vermisst habe. Klar wollte ich immer wissen wie es ihr geht und was sie macht. Gleichzeitig habe ich als Interims-Einlingsmama die ruhige Zeit sehr genossen. Ja, das brachte mich Ende der Woche echt ins Grübeln.

Ist das ein Zeichen einer unsichereren Bindung zu mir? Oder ist es vielleicht doch einfach nur Ausdruck Ihrer Persönlichkeit? Hätte mich Wirbelwind mehr vermisst, wenn ich sie als Baby mehr getragen hätte? Würde sie nicht jammernd hinter mir her rennen, wenn sie nachts in unserem Bett geschlafen hätte? Und würde ich sie mehr vermissen, wenn ich mehr mit ihr gekuschelt hätte?

Habe ich nicht genug getan, mein Kind an mich zu binden?

Kleine Versöhnung

Als Wirbelwind Freitagabend vom Urlaub der Großeltern wieder kam, war ich beim Chor. Der Papa legte sie zu uns ins Bett. Später legte ich mich zu ihr. Sie schlief so tief und fest, dass sie mich nicht bemerkte. Ich schaute sie staunend an: die langen Arme, die schönen, gleichmäßigen Gesichtszüge, die entspannten Atemgeräusche. Mein Kind!
Morgens bin ich vor ihr aufgewacht und schaute sie erneut an. Als würde sie es spüren, öffnete sie die Augen, erblickte mich und lächelte. Sie schlang ihre langen Arme um mich und dann blubberte es im Halbschlaf aus ihr heraus: „Ich habe Steine und Muscheln mitgebracht. Und ich bin alleine im großen Becken geschwommen. Und hinein gesprungen!“
Ich lächelte sie an und drückte sie noch etwas fester an mich. Dann schloss sie die Augen, mich weiterhin fest im Griff, und döste noch etwas weiter.

Wieder schaute ich sie an, wie ein verliebter Teenager. Sie war wieder da! Ich habe sie wieder, und der Rest ist sowas von egal. Ich liebe sie so sehr. Was hatte ich mir nur für Gedanken gemacht? Unwichtig. Sie war wieder da. Und genau in diesem Moment spürte ich sie, die Bindung. Und es ist definitiv kein Bastelkleber.
Ihr habt jetzt sicher von mir eine Antwort erwartet, aber die gibt es nicht. Ich weiß immer noch nicht, was diese Bindung zu Wölkchen und Wirbelwind bedeutet und ob die unterschiedlichen Verhaltensweisen Ausdruck ihres Charakters oder eben der Bindung zu mir sind. Aber eines weiß ich mit Sicherheit: ich liebe sie beide über alle Maßen. Und das ist das Wichtigste. Und jetzt entschuldigt mich, ich muss meine Kinder kuscheln.
Eure Wiebke

4 Comments

  1. 23 Oktober 2016 at 6:23 pm

    Dein Wirbelwind erinnert mich total an meine Mausi. Genauso verhält sie sich auch (sogar die Kindergarten-Eingewöhnung hört sich identisch an). Auch ich habe mir Gedanken um die Bindung gemacht und bin zu keiner Antwort gekommen. Ich glaube aber nicht das die Beiden nicht sicher an uns gebunden sind. Man könnte den Spieß ja auch gedanklich mal umdrehen und sagen, dass Kinder die sicher gebunden sind und vertrauen in die Mutter haben, wissen das sie wiederkommt, viel leichter loslassen können. Immer heißt es das Kinder die weinen, wenn sie im Kindergarten allein gelassen werden, oder die ständig um einen rum sein wollen sicher gebunden sind. Aber könnte es nicht auch sein, das sie gerade deshalb so sind, weil sie eben NICHT sicher gebunden sind und Angst haben man komme nicht wieder? Ich weiß das sind Gedankenspielereien, aber wer weiß die Antwort schon 100%. Bestimmt auch kein Forscher, oder? Im Grunde finde ich aber das am Wichtigsten ist, dass die Kinder wissen, wie sehr wir sie lieben, egal wie sie sind. Und sicher gebunden hin oder her, wenn sonst alles passt, ist doch alles ok (war ein Kommentar einer lieben Leserin der mir sehr gut tat).
    Liebe Grüße,
    Nicole.

    • 24 Oktober 2016 at 5:11 pm

      Liebe Nicole,
      Ja, die Gedanken mit der Bindung und dem Vertrauen habe ich ja auch etwas angerissen. Das halte ich auch für gar nicht mal so abwegig. Aber verbreitete Ansicht ist eben, dass sicher gebundene Kinder anhänglicher sind, zumindest anfangs. Ich denke aber ach, dass sie später durchaus besser klar kommen können, als andere Kinder, weil sie eben wissen, dass ihre Mutter/ihr Vater wieder kommt.
      Ganz lieben Gruß,
      Wiebke

  2. 24 Oktober 2016 at 8:43 pm

    Stimmt, meistens heißt es, dass nicht so anhängliche Kinder auch gleichzeitig nicht so sicher gebunden sind. Nur wenn ich mal mit mir selbst vergleichen würde (was natürlich etwas weit her gegriffen ist, da ich ja schon erwachsen bin, aber auch nicht ganz abwegig ist), ich kann auch eher loslassen wenn ich vertrauen habe. Sprich wenn ich weiß ich kann jemandem vertrauen, dann ist es völlig ok wenn er sagt er geht. Würde ich aber nicht sicher sein das er wirklich wieder kommt, dann würde ich wahrscheinlich versuchen ihn am Weggehen zu hindern. Daher meine Gedankenspiele mit dem Umdrehen der Sichtweise :-D.

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