6 Gründe, warum High-Need-Kinder ein Geschenk sind

High-Need-Kinder als Geschenk

Immer wieder hört man Stimmen, die den Begriff „High-Need-Baby“ oder „High-Need-Kind“ kritisch gegenüber stehen. Sie haben Bedenken, dass die Kinder auf diese Weise in eine Schublade gesteckt werden, die noch dazu nicht sonderlich gewünscht ist. Denn mit „High-Need“ wird in erster Linie ein forderndes, anstregendes Kind bzw. Baby bezeichnet, das in dessen Folge die Eltern, besonders in der Anfangszeit, an ihre Grenzen bringt. Und so stehen oftmals die Belastungen, die ein forderndes Kind mit sich bringt, im Vordergrund.

Doch genau diesen Blick finde ich zu einseitig. Bereits in meinem letzten Artikel zu High-Need-Kindern habe ich es angesprochen: High-Need-Kinder können ein so wundervolles Geschenk für die Eltern sein. Ein Aspekt, der viel zu selten thematisiert wird. Höchste Zeit also, den Gedanken weiter zu spinnen und zu überlegen, was High-Need-Kinder uns zurückgeben. Eine für manche vielleicht überraschende Sichtweise.

Ich beziehe mich hier ganz bewusst auf Kinder, nicht auf Babys, denn zumindest aus meiner eigenen Erfahrung heraus nehmen die positiven Aspekte mit dem Alter des Kindes zu. Und hier folgen sie, meine persönlichen sechs Gründe, warum High-Need-Kinder ein Geschenk sein können.

1. Gefühle und Wünsche deutlich äußern

High-Need-Kinder verstehen es, ihre Gefühle ungefiltert zu äußern. Sie sind ein offenes Buch und teilen uns jederzeit mit, wie sie sich gerade fühlen. Das heißt man wird sofort darüber in Kenntnis gesetzt, wenn dem Kind etwas nicht gefällt, oder aber besonders gut gefällt. Wenn sie dann noch sprechen können, ist man bestens über ihre Wünsche und Gefühle informiert. Und das kann ein wahres Geschenk sein.

2. Beste Unterhaltung

Die sehr extrovertierte Art, die ich den meisten High-Need-Kindern zuschreiben würde, bringt mit sich, dass wir Eltern an allen Gefühlsregungen teilhaben. Das kann bei schlechten Tagen anstrengend, aber eben bei schönen Tagen äußerst unterhaltsam werden. Wenn ihnen etwas gefällt, dann lächeln sie nicht nur, sondern dann lassen sie die gesamte Welt daran teilhaben. Und das ist ansteckend. Dann rennen sie in den höchsten Tönen quietschend auf Katzen zu, dass diese verstört das Weite suchen. Oder sie spielen auf dem elterlichen Schoß „Hoppe-Hoppe-Reiter“, bis sich alle vor Lachen auf dem Sofa kugeln. In jedem Fall läuft bei einem High-Need-Kind immer bestes Unterhaltungsprogramm. Umschalten unmöglich.

3. Emotionen leben, nicht unterdrücken

Diese Gefühlsäußerungen, welche High-Need-Kindern eigen sind, sind Fähigkeiten, von der wir Erwachsene uns eine Scheibe abschneiden können. Zwar könnten die Kinder ab und an ihre Gefühle etwas „sozial-verträglicher“ äußern, dass sie diese jedoch überhaupt äußern, ist enorm wichtig für das eigene Seelenheil. Erwachsenen ist diese Eigenschaft häufig abhanden gekommen. Da werden schlechte Emotionen, Wut und Angst einfach hinuntergeschluckt, um Stärke auszustrahlen und keine Schwäche zu zeigen. Doch das ist fatal. Unser Körper braucht ein Ventil für unsere Emotionen. Kindern, und im Speziellen High-Need-Kindern, gelingt das sehr gut. Wir Erwachsene hingegen wundern uns, wenn uns die Gefühle dann plötzlich übermannen, weil wir die vorherigen Anzeichen nicht gesehen bzw. verdrängt haben.

Tja vielleicht sind Kinder ein wunderbarer Spiegel unserer eigenen (unterdrückten) Gefühle. Und vielleicht können wir auch etwas über uns selber lernen, wenn wir einmal ganz genau hinschauen.

4. Auf Gefühle reagieren lernen

Eltern von High-Need-Kindern sind besonders gefordert auf die Gefühle ihrer Kinder zu achten. Da die Stimmung schnell kippen kann und dies wohl alle Eltern tunlichst vermeiden wollen, achten sie sehr auf die Gefühle ihrer Kinder. Sie wissen genau, wie lange sie noch in der Menschenmasse mit ihnen herumlaufen können, ehe sie sich zurückziehen müssen, um das Kind vor zu viel „Input“ zu schützen. Sie wissen außerdem, welche Orte, Bedingungen oder Reaktionen vermieden werden sollten. Und sie haben gelernt ihr Kind vor den Dingen zu schützen, die sie überfordern, einengen, belasten oder einfach ängstigen. Die Sinne der Eltern sind durch das Miteinander geschärft worden. Und wenn dann doch ein „Overload“ eintrifft, dann haben die Eltern gelernt, wie sie darauf reagieren können. Eltern lernen im Idealfall im Laufe der Zeit mitzudenken, mitzufühlen und adäquat auf Gefühle zu reagieren. Das kann auch zukünftig von Vorteil sein, wenn die High-Need-Kinder die Autonomiephase ansteuern. Hier frühzeitig die Signale des Kindes zu verstehen kann so manchen Wutanfall vermeiden.

Zumindest ist das eine Vermutung, die hier nahe liegt. Und ich möchte an dieser Stelle betonen, dass es nicht ausschließt, dass Eltern von weniger fordernden Kindern ebenso empathisch und rücksichtsvoll handeln!!!

5. Neue Wege kennen lernen

Mit ihrem starken Willen zeigen uns High-Need-Kinder, dass unser „erwachsener“ Weg nicht immer der richtige ist. Denn sie lassen uns wissen, dass sie nun eigentlich etwas anders machen wollen. Vielleicht wollen sie nicht den Berg mit dem Schlitten hinunter rodeln, sondern mit dem Bobby Car. Das bringt überraschte und amüsierte Blicke von Anderen mit sich und zeigt doch eines so deutlich: nicht immer ist das, was wir uns für unsere Kinder vorstellen auch das, was sich unsere Kinder wünschen. Und meistens ist es sogar gar nicht so schlimm, wenn wir uns auch einmal von unseren Kindern leiten lassen. Denn wer sagt, dass man nur mit dem Schlitten rodeln darf?

6. Eigenes Handeln reflektieren lernen

Aber nicht nur die Gefühle der Kinder sind wichtig, sondern auch die Gefühle der Eltern. Man lernt sein eigenes Handeln zu reflektieren und zu hinterfragen. Ist es jetzt wirklich eine Stimmung, die ich meinem Kind genau so weitergeben muss? Oder sollte ich beispielsweise etwas weniger wütend auf Dinge reagieren, die ich sowieso nicht ändern kann? Denn viele High-Need-Kinder haben äußerst sensible Antennen und nehmen die Emotionen der Eltern sehran. Bei negativen, traurigen oder gar aggressiven Äußerungen könnte dies das Kind belasten und eine Kette von ungewünschten Reaktionen verursachen. Oftmals lohnt es sich dann, als Eltern inne zu halten und zu überlegen, wie man sein eigenes Verhalten an das Kind weitergibt. Und diese Fähigkeit ist auch im ganz normalen Alltagswahnsinn und im Umgang mit anderen Menschen eine sehr nützliche Eigenschaft.

Das waren sie, meine persönlichen sechs Geschenke, die ich in High-Need-Kindern sehe. Und ich hoffe, dass auch andere Eltern mit High-Need-Kindern diese Sicht mit mir teilen. Und vielleicht kann ich mit diesem Beitrag sogar den Eltern Mut machen, die gerade zu später Stunde ein kleines, aufgelöstes Baby mit sich herumtragen und auf bessere Zeiten hoffen. Es wird sie geben. Und irgendwann, vielleicht bereits jetzt gerade, werdet Ihr auf dieses wunderbare Wesen schauen und denken: so und nicht anders soll es sein! <3

Wie ist es bei Euch? Was nehmt Ihr von Euren Kindern mit? Welche tollen Eigenschaften haben sie, die vielleicht zunächst im Verborgenen lagen oder erst beim zweiten Hinschauen offensichtlich wurden?

Was habt Ihr von Euren (High-Need-)Kindern gelernt?

Eure Wiebke

 

Bildgrundlage: Pixaby.com

8 Comments

  1. 28 Januar 2017 at 9:03 pm

    Ich habe zwar kein High Need Kind, aber ich finde deine positive Art wie du diesem „Phänomen“ gegenüber stehst, toll. Kinder sind ja grundsätzlich schon toll, aber ich finde deine Sichtweise auf High Need Kinder super. Man kann von Kindern einfach so viel lernen, man muss es nur zulassen 🙂
    Viele liebe Grüße,
    Caro

  2. Renate
    Antworten
    17 Februar 2017 at 6:33 pm

    Ich habe deinen Blog zufällig entdeckt, toll, wie du erzählst. Mein HN Kind ist mittlerweile fast 17 Jahre, ein toller, charmanter, fürsorglicher und beliebter Junge ( muß ich jetzt sagen , ist mein Sohn😉)wir haben vieles von dem, was du schreibst, erlebt. Er war bis in die Gymnasialzeit hinein sehr anhänglich, erster Schultag , alle freuen sich, unser Sohn heult und braucht hinterher viel Aufmerksamkeit und Lob. 3 Jahre später mußte er umzugsbedingt die Schule wechseln, ich hatte die größten Befürchtungen……was geschah? Originalton: ich geh da jetzt hin und reiß die Klassenschönste auf! Also….Geduld, alles wird gut

  3. Sally
    Antworten
    22 März 2017 at 11:54 pm

    Dein Blog ist wirklich super! Ich lese zu gern deine Artikel über High-Need-Kinder. Ich selbst habe so einen kleinen Mann zuhause , er wird jetzt bald ein Jahr und trotzdem kann ich in diesem Artikel schon sehr viel wiedererkennen. Du gibst eine völlig andere und für mich auch logische Sichtweise auf das Verhalten von diesen kleinen Schätzen. Dank dir sehe ich vieles mit anderen Augen und auch viel lockerer. Danke dafür .

    • 23 März 2017 at 9:35 am

      Liebe Sally,
      vielen Dank für Deine wunderschöne Rückmeldung! Es freut mich, wenn ich mit meinen Beiträgen jemanden erreiche <3
      LG Wiebke

  4. Denise
    Antworten
    23 März 2017 at 1:47 pm

    Ich habe deinen Blog auch durch Zufall entdeckt und hätte nie gedacht, dass es sogar einen Namen für Kinder wie unseres gibt. Ich dachte immer nur, unsere Tochter wäre einfach besonders anstrengend im Vergleich zu anderen Babys oder wir würden durch unsere Unsicherheit und Überfürsorglichkeit einfach zu viel falsch machen. Dann habe ich unsere Tochter in den High-Need-Beschreibungen wiedergefunden und wusste, dass wir nicht allein sind 😉 Emily ist jetzt 21 Monate und ich kann nur bestätigen, dass die schönen Momente mit dem Alter zunehmen, da sie sich auch immer besser ausdrücken können und das auch sekundengenau tun. Da muss man bei allem sehr flexibel sein, wenn unsere Tochter nicht das will, wie wir es geplant hatten. Ich versuche auch entspannter damit umzugehen aber leider ist sie erst recht mehr als fordernd, wenn sie krank ist und dann ist sie doppelt krank und nach teilweise schlaflosen Nächten sieht man nichts mehr entspannt und würde am liebsten auf der Stelle abhauen. Ich hoffe, dass sich die vielen Krankheitsphasen bald bessern.

  5. Quickwing
    Antworten
    20 Februar 2018 at 11:02 pm

    Einfach nur ‚Danke‘ für diese schönen Gedanken!

  6. Sonne
    Antworten
    31 Juli 2019 at 1:17 pm

    Hallo, ich habe den Artikel mit großem Interesse gelesen.
    Er ist sehr zutreffend geschrieben. Meine Tochter hat 2 dieser Exemplare, das Mädchen 6 Jahre, der Junge 3.
    Sie ist Momentan nervlich ziemlich angegriffen, da es sehr anstrengend ist.
    Ich hoffe, das es bald besser wird.

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