Das Mädchen im grünen Bollerwagen

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Von Weitem ist es bereits zu hören. Die inzwischen vertraute Melodie seiner Stimme ist immer lauter und deutlicher zu vernehmen. Eine kräftige, klare und reine Stimme. Wie die Stimme einer Elfe aus einem anderen, fernen Land, in einer Sprache, die nur Ihresgleichen verstehen.

Jetzt taucht das Mädchen nicht nur in meinem Hör- sondern auch Sichtfeld auf. Wie auch die letzten Tage sitzt es in einem grünen Bollerwagen, die langen, dünnen Beine angehockt und zwei Tiptoi-Stifte in der Hand. Sie spielen in einer Endlosschleife „Die Vogelhochzeit“, annähernd zeitgleich. Das Mädchen lauscht gespannt und stimmt immer wieder mit ein. Es ist glücklich.

Die Mutter des Kindes im Bollerwagen

Der grüne Bollerwagen wird gezogen von ihrer Mutter, so nehme ich es an. Völlig selbstverständlich zieht sie ihn über Stock und Stein, Erde und Sand, Tannennadeln und Ameisenhügel, bis hin zu der Wiese vor dem kleinen Badesee, an dem wir es uns bereits gemütlich gemacht haben. Die Frau wirkt so stark, so sicher, so in sich ruhend.

Meine Kinder schauen verwundert auf die Szenerie. Mit offenen Mündern und neugierigen Augen starren sie, wie nur Kinder Unbekanntes fixieren können, hinüber, während wir Erwachsenen versuchen unser Interesse zu verbergen, um kein Unbehagen auf der anderen Seite hervorzurufen, und damit wahrscheinlich genau das Gegenteil erreichen.

Was der Mutter wohl lieber ist? Die offene Neugierde der Kinder, oder die (scheinbar) ignorante Gleichgültigkeit der Erwachsenen? Ich werde es nicht erfahren, denn ich habe mit ihr kein einziges Wort gewechselt. Denn ich bin nicht so stark, wie es die Mutter zu sein scheint. Ein tiefer Respekt macht sich in mir breit. Respekt, Bewunderung, Erfurcht und ein wenig Mitleid. Ganz ohne zu wissen, welchen Hintergrund ihre Geschichte hat und ganz ohne zu erahnen, mit welchen Gedanken sich die Mutter selbst tagtäglich herumschlägt.

Wie hat sie erfahren, dass ihr Kind anders wird bzw. ist? Wie hat sie es aufgenommen und verarbeitet? Wie geht sie im Freundeskreis damit um? Was hat sich für sie geändert? Und wohl ganz wichtig: ist sie glücklich?

Eine tiefe Dankbarkeit macht sich in mir breit. Ich hasse mich ein wenig für diese Gedanken in dem Moment. Aber ich danke ganz inbrünstig dafür, dass ich zwei gesunde Kinder zu Welt gebracht habe. Nicht, weil ich denke, dass Kinder mit einer geistigen Behinderung weniger wert sind, sondern weil ich selber wahrscheinlich damit nur schwer klar kommen würde. Die aktuelle Neurodermitis von Wirbelwind macht mich bereits so fertig. Dabei ist das nun wahrlich eine Lappalie, gegenüber den Fragen, mit denen sich diese Mutter konfrontiert sieht.

Wäre ich stark genug?

Wie würde ich in Ihrer Situation sein? Wäre ich auch so stark? Wäre ich so geduldig, das Gesinge und Gedudel den ganzen Tag zu ertragen? Wäre ich so stark, die Zukunft so weit auszublenden, dass ich das Hier und Jetzt genießen kann? Wäre ich stark genug, den verwunderten Blicken der Kinder und der Erwachsenen Stand zu halten?

Ich glaube nicht.

Und genau mit dieser Erkenntnis steigt meine Bewunderung für diese Frau. Diese Mutter, die ihr Leben einmal komplett umkrempeln musste, als ihr Kind heranwuchs. Eine Mutter, die sich irgendwann entschloss, einen gründen Bollerwagen zu kaufen. Eine Mutter, die die Stärke besitzt, dieses Kind so anzunehmen, wie es ist.

Und mit dieser Erkenntnis steigt die Irritation vor mir selbst. „Ich könnte das nicht“, denke ich. Ich würde innerlich zerreißen, in Anbetracht der ständigen Angst vor den Blicken der Anderen. Ich bin kaum stark genug, mich selber in der Gesellschaft aufrecht zu bewegen. Wie könnte ich dann stark genug für ein Kind sein, das mich vielleicht ein Leben lang braucht? Ich weiß schon. „Da wächst man rein“, bekommt man immer gesagt. Man arrangiert sich damit. Man hätte vorher nie gedacht, dass man mit der Situation umzugehen lernen kann, usw. Sicherlich. Man wächst an seinen Aufgaben, wie es immer so schön heißt. Doch nicht jeder wächst gleichermaßen. Manche werden stärker, wie die Mutter mit dem grünen Bollerwagen. Manche nicht. Ich bin froh, dass ich nicht herausfinden muss, zu welcher Sorte Mensch ich gehöre.

Ich werde es hoffentlich nie herausfinden. Aber vielleicht kann ich dennoch etwas lernen. Von den starken Frauen, die grüne Bollerwägen durch ihr Leben schieben.

Eure Wiebke

7 Comments

  1. Alex
    Antworten
    11 August 2017 at 1:23 pm

    Wir brauchen mehr Eltern mit grünen Bollerwagen,

    ich finde es toll, dass du dich an diesen Betrag gemacht hast und deine Gefühle beschreibst. Damit bist du sicher nicht allein. Schuld daran ist unsere Gesellschaft, die den Inklusionsgedanken zwar anstrebt, aber einfach mal richtig hineinwachsen muss. Das geht nicht von heute auf morgen. Wir Menschen haben Angst vor fremden Dingen. Alles was ungewohnt ist wird entweder ängstlich, skeptisch oder neugierig beäugt. Wir Denken in Schubladen und was nicht passt macht uns Stress. Kinder sind uns weit voraus, denn sie beobachten und explorieren achtsam und wertfrei, darin besteht die Chance für eine gelebte wirkliche Inklusion. Zumeist sind die heutigen Eltern nicht mit außergewöhnlichen Menschen aufgewachsen, so war das bei mir natürlich auch. Und ja, es ist nur allzu verständlich sich ein gesundes Kind zu wünschen, was in die üblichen Schubladen passt, aber das Leben ist kein Wunschkonzert. Was wir brauchen sind Pioniere mit grünen Bollerwagen, Eltern die mit ihren außergewöhnlichen Kinder Dinge tun, die eben alle anderen auch tun, damit wir die Angst vor dem Unbekannten verlieren und unsere Kinder sich mit diesen moralischen Bedenken gar nicht erst herumschlagen müssen, weil sie sich einfach nicht die Frage stellen, darf ich fragen, soll ich diskret sein, soll ich Rücksicht nehmen. Nein sie nehmen die Menschen so wie sie sind. Die Eltern mit dem grünen Bollerwagen werden reagieren, wenn sie Lust haben, werden sie in einem Gespräch die Neugierde stillen und sich vielleicht über einen netten Kontakt freuen. Wenn sie keine Lust haben, dann werden sie sagen, dass sie das nicht wollen, vielleicht auch einen derben Spruch drücken. Das sollten wir respektieren. Diese Eltern sind auch keine Übermenschen, sie sind auch traurig, wütend, fröhlich oder ironisch und unterscheiden sich vermutlich in ihren Wünschen nicht von anderen Eltern, denn sie wollen, dass ihre Kinder in Liebe wachsen und so akzeptiert werden wie sie sind. Was wir alle brauchen ist Mitgefühl. Probleme sind immer relativ und damit brauchst du dir auch keine Schuldgefühle einreden, dass deine Sorgen im Vergleich zu anderen eher gering sind, denn in deinem System sind sie da und groß und haben ihre Berechtigung.

    • 11 August 2017 at 1:41 pm

      Liebe Alex, vielen Dank für Deinen wunderbaren Kommentar. Du hast so recht und ich hoffe, ich kann zukünftig stärker auf Frauen in grünen Bollerwagen zugehen, sie offen ansprechen und mit ihnen vielleicht überraschende Gespräche führen. :-* LG Wiebke

  2. Rita
    Antworten
    14 August 2017 at 7:27 am

    Hallo Wiebke,

    ich finde deinen Post sehr gut geschrieben. Bis vor 6 Monaten war ich eher auf deiner Seite des Lebens, seit 6 Monaten hat mein Kind eine Magensonde und ich bin auch mit Kind im Buggy unterwegs wenn es an der Nahrungspumpe hängt, also ein bisschen vergleichbar mit der Frau mit dem grünen Bollerwagen.

    Ich freue mich ehrlich gesagt wenn andere Menschen, auch Erwachsene fragen was mein Kind hat, weil ganz ehrlich die Blicke und ggf das Getuschel kann nach einem anstrengenden Tag echt nerven, dann lieber eine kurze Frage die ich beantworte und mich dadurch irgendwie „gesehen“ fühle.

    Aber ich kann alle verstehen die Angst davor haben, weil es macht natürlich greifbar dass auch dem eigenen Kind etwas passieren könnte.

  3. 18 August 2017 at 8:29 am

    Sehr schöner Artikel, ich hätte mir für dich gewünscht, dass du mit ihr gesprochen hättest. Meine Erfahrung in solchen Situationen waren bisher immer sehr positiv!

    Und wenn ich unserem Sohn damit nur zeigen will das es eine ganz „normale “ Situation ist und zum Leben dazu gehört.

    Aber wirklich tolle Gedanken, vor allem in einer Welt wo man das Gefühl hat das diese Gedanken aussterben.^^

    Viel Glück und Gesundheit wünsche ich euch!

    Bernd

  4. Larissa
    Antworten
    27 August 2017 at 7:44 pm

    Danke für deinen Lieben Artikel.
    Ich bin selbst Mama eines behinderten Kind und kenne die anderer Seite nur zu gut. Was ich mir (und den anderen Eltern mir Special need kindern) wünsche ist das wir angesprochen werden und den Kindern es, so gut es geht erklärt wird warum das Kind im Wagen nicht laufen oder mit ihnen spielen kann wie es andere Kinder tun. Offene Gespräche und nette Blicke (kein Mitleid!) Sind das was ich mir wünsche und was mir gut tut.

    Liebe Grüße

  5. Sophia M.
    Antworten
    27 August 2017 at 9:18 pm

    Hallo. Ich finde deinem Post such sehr gut und ehrlich.
    Mein Kind ist auch behindert, man merkt es zum Glück nicht (schwerer Herzfehler), aber es wurde bereits mit 8 Tagen am Herzen optiert und war dann lange im KH. Ich hab he auch oft gehört:’das könnte ich nicht!‘. Doch. Man kann. Auch nicht immer, aber man kann, weil man muss. Momentan gestaltet sich unser Alltag ganz normal wie bei gesunden Kindern auch (Bis auf Medis) und da bin ich auch unendlich dankbar für. Aber ich habe gelernt, dass man wirklich stark ist, weil man es sein muss. Und geht es irgendwann nicht mehr, gibt es tolle Menschen, die einen unterstützen (nicht nur Familie und Freunde, sondern auch von Seiten des KHs).

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