Die Mittagskind-Verschwörung im Kindergarten

Die Mittagskind-Verschwörung

Vorsicht: dieser Beitrag ist in Teilen ironisch zu verstehen! Augenzwinkern und so. Wer das nicht versteht, bitte einfach wieder wegklicken. Danke.

„Ich bin heute Mittagskind!“, verkündet Wirbelwind freudestrahlend ihrer Erzieherin, als sie den Gruppenraum betritt. „Wie schön“, antwortet diese. Auch ich als Mutter lächele, angesichts der vorherrschenden Freude. Nur die anderen Kinder im Raum schauen etwas traurig und neidisch herüber.

MITTAGSKIND

Woher kommt das? Warum ist das so etwas Tolles, so etwas Besonderes? Warum geht mein Kind lieber einen halben Tag in den Kindergarten, um dann von mir mittags abgeholt zu werden, als gar nicht erst in den Kindergarten zu gehen? Was macht diesen Reiz „Mittagskind“ aus?

Im Westen Deutschlands ist dieses Phänomen vielleicht gar nicht so verbreitet, weil dort die Mehrheit der Kinder Mittagskinder sind. Dort ist es Gang und Gäbe seine Kinder vor dem Mittagsschlaf abzuholen und ab dann von zu Hause weiter zu betreuen. Teilzeitlösungen in den Familien machen es möglich. Im Osten Deutschlands ist das anders. Die noch aus DDR-Zeiten verbreitete Vorstellung, Kinder gehören den ganzen Tag in den Kindergarten, damit die Eltern arbeiten gehen können, führt dazu, dass Mittagskinder eher eine Ausnahme, als eine Regel sind. Zumindest in meinem Umfeld.

Was hat das mit einer Verschwörung zu tun, werdet Ihr jetzt fragen? Tja, jetzt kommt`s!

Also die Sache mit dem Betreuungsschlüssel, die kennt Ihr ja sicherlich alle. In Ostdeutschland sind die Verhältnisse ungleich prekärer, das heißt hier fallen im Schnitt auf einen Betreuer deutlich mehr zu betreuende Kinder, als in Westdeutschland. Auf 12 Kinder (über drei Jahren) soll ein Erzieher in der Regel aufpassen, laut offiziellem Schlüssel. Wie ist das zu schaffen? Wie kann man bei dieser Quote eine Qualität gewährleisten, die unsere Kinder verdient haben?

Die Antwort: man muss tricksen. Ab jetzt wird es etwas spekulativ, ich gebe es zu. Aber so muss es sich zutragen, hinter den Kulissen.

Die Mittagskind-Verschwörungstheorie in 7 Schritten:

1. Zunächst werden Eltern angehalten, ihre Kinder mit einem Vollzeitbetreuungsplatz anzumelden, auch wenn sie den eigentlich gar nicht bräuchten. Das erreichen sie, indem sie beispielsweise sagen, dass man zwischen 8 Uhr und 8:30 nur die Kinder abgeben darf, die einen Vollzeitplatz haben. Denn je mehr Teilzeitkinder (statt Vollzeitkinder) in der Gruppe sind, desto mehr Kinder müssen in der Gruppe aufgenommen werden. Das soll ja tunlichst vermieden werden.

2. Dann setzen sich ausgewählte „Influencer“ der Erziehungsbranche zusammen und beschließen, dass ab sofort das „Mittagskind“ die strategisch sinnvollste Lösung ist, um die Betreuungsquote zu senken.

3. Die Neuigkeit wird nun den ErzieherInnen des Landes verkündet.

4. Diese flößen den Kindern ab sofort ein, dass es das Tollste ist, ein Mittagskind zu sein. Früher gehende Kinder werden bejubelt und den zurückbleibenden Kindern wird tröstend der Kopf getätschelt.

5. Während des Mittagsschlafes huschen die ErzieherInnen von Kind zu Kind und flüstern eindringlich in ihr Ohr: „Du möchtest Mittagskind sein! Du möchtest Mittagskind sein!“ Es lebe die Macht der Suggestion.

6. Damit das Vorhaben durchschlagenden Erfolg hat, müssen die ErzieherInnen selbstverständlich auch die Eltern bearbeiten. So bietet es sich an, den Hard-Core Vollzeit betreuenden Eltern ab und an ein schlechtes Gewissen einzureden.

„Das können Sie Ihrem Kind doch nicht antun!“

„Es war schon so lange kein Mittagskind mehr!“

7. Und wenn die Eltern dann doch endlich mal ihr Kind als Mittagskind abholen, dann erhalten sie von der Erzieher-Front einen stolzen und anerkennenden Blick. Hier werden eben nicht nur die Kinder erzogen.

Nach diesem 7-Punkte-Programm sinkt die Betreuungsquote von formalen 1:12 auf reale 1:5. Nun gut, vormittags haben die ErzieherInnen dennoch volles Programm, allerdings wird bereits nach dem Mittagessen radikal ausgesiebt. Wenn sie gut gearbeitet haben, stehen die Eltern und Großeltern nach der Raubtierfütterung Schlange, um ihre überglücklichen Lieblinge abzuholen.

Also für mich klingt das total logisch. Was denkt Ihr?

Eure Wiebke

 

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Die Mittagskind-Verschwörung im Kindergarten

7 Comments

  1. Lisa
    Antworten
    13 März 2018 at 8:52 am

    Ich glaube, dass „im Westen“ alles besser ist, ist auch nur etwas was „die im Osten“ sich erzählen. Auch hier gibt es hoffnungslos überbelegte Kindergärten und Krippen und berufstätige Eltern die trotz Rechtsanspruch ihr Kind selbst betreuen müssen. Umgekehrt kenne ich auch aus „dem Osten“ Fälle, in denen sehr viel Geld in z.B. Schulbildung gesteckt wurd, so dass dort in Grundschulen traumhafte Betreuungsverhältnisse herschen. Hier wie dort ist das glaube ich sehr regional unterschiedlich, vom Träger abhängig und vermutlich auch immer wieder von der Größe der Jahrgänge. Dort künstlich Missgunst zu schüren finde ich nicht besonders förderlich.
    Unser Kind geht in eine Kinderkrippe, in der alle Eltern berufstätig sind. Demensprechend gibt es auch keine Mittagskinddiskussion – jeder holt sein Kind eben so früh ab wie er kann, böse Kommentare der Erzieher ändern ja auch nicht die Arbeitszeiten.
    Viele Grüße,
    Lisa (die sich sowohl „im Osten“ als auch „im Westen“ zuhause fühlt)

    • 13 März 2018 at 3:13 pm

      Liebe Lisa,
      es war nicht meine Absicht Missgunst zu schüren. Ich stellte lediglich fest, dass der Betreuungsschlüssel im Osten Deutschland höher ist, als im Westen. (siehe auch zur Übersicht den Artikel im Spiegel: http://www.spiegel.de/lebenundlernen/job/bundesweiter-kita-vergleich-wo-die-betreuung-besonders-gut-ist-a-1164528.html). Dass es für manche Familien schwer ist, überhaupt einen Kita-Platz zu erhalten, steht außer Frage, war aber nicht Thema dieses Beitrages. Dass das Thema dennoch so viel Unmut aufwühlt, zeigt aus meiner Sicht, dass hier viel Frust bei den Eltern mit der aktuellen Situation liegt. Da wirkt mein überspitzter Beitrag wahrscheinlich recht provokativ, was jedoch NICHT beabsichtigt war.
      VG Wiebke

  2. 18 März 2018 at 4:17 pm

    Sehr interessanter Artikel. Toller Schreibstil. 😄Vielen Dank auch für den Hinweis auf den Spiegelartikel! Die Studie kannte ich noch nicht.

  3. Curly
    Antworten
    18 März 2018 at 8:16 pm

    Tut mir ja echt leid, sowas lesen zu müssen.
    Ich bin US dem „Osten“, lebe im „Westen“ und bin hier als Erzieherin tätig. Meine Kids gehen auch lange in die Kita.
    Aber man bequatscht die Kinder nicht, dass es toll ist Mittagskind zu sein. Klar wir freuen uns auch für die Kinder, wenn sie mal mittags abgeholt werden (da viele einen langen Tag haben), aber dennoch wird ihnen nicht eingetrichtert das sie Mittagskinder sein sollen/wollen. Das find ich schon ne dreiste Unterstellung den Erzieherinnen gegenüber.

    • 18 März 2018 at 9:40 pm

      Ich habe schon gemerkt, dass mein Humor nicht bei allen ankommt. Wahrscheinlich ist er so trocken, dass er einfach nicht erkannt wird. Natürlich unterstelle ich den Erzieherinnen nicht, dass sie Kindern eintrichtern, Mittagskinder sein zu wollen. Das schlechte Gewissen, das mir persönlich jedoch gemacht wurde, weil ich mein Kind so selten als Mittagskind abhole, war real. Die Mischung dieser Realität und des überspitzten Humors war deshalb sicherlich verwirrend. LG Wiebke

      • Curly
        18 März 2018 at 11:47 pm

        Mir ist schon klar, dass es überspitzt geschrieben ist. Dennoch wirkt es sehr negativ.

      • 19 März 2018 at 8:05 am

        Ok vielen Dank für die Rückmeldung. Ich werde das nächste Mal besser überdenken, welches stilistische Mittel ich verwende. Viele Grüße, Wiebke

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