Warum es so wichtig ist, Kinder als Individuen zu behandeln

Klein Wiebke auf der Suche nach sich selbst...

Letztens las ich diesen Artikel von „Familieberlin“ über die Unterschiede von zwei Kindern. In mir kamen Erinnerungen hoch, die ich die Woche zuvor in einem Gespräch mit einem lieben Menschen ans Tageslicht befördert hatte. Eigentlich ist es nichts Dramatisches, und doch hat es mich als Menschen enorm geprägt. Ein Mühlwerk setzte sich in meinem Kopf in Gang und Fragen zur Individualität machten sich breit.

Rückblick

Was wohl noch nicht jeder Leser von Euch weiß ist, dass ich eine Zwillingsschwester habe. „Oh cool“, werden jetzt manche sagen. Ich denke das im Prinzip auch. Aber ein Zwilling zu sein birgt eben auch so seine Tücken.

Schauen wir einmal zurück. Ich bin ca. 12 Jahre alt. Zusammen mit Mutter und Schwester sind wir in einem Kiosk-Laden. Wir dürfen uns eine Zeitschrift aussuchen, ein Mickey Mouse Heft. Das Problem ist jedoch, dass es für uns zwei nur eine Heft gibt. Wie bei so vielen anderen Dingen auch, heißt es auch diesmal: das müsst ihr euch teilen. Ich kann es nicht mehr hören. Frustriert denke ich an all die Einzelkinder, die ihre Mickey Mouse Hefte für sich alleine haben. Ich komme mir minderwertig vor. Bin ich es nicht wert, ein eigenes Heft zu bekommen?

Auch in anderen Situationen werde ich nicht als Einzelperson, sondern immer nur als Zwilling wahrgenommen. Wenn wir neue Leute kennen lernen, interessiert sich niemand für mich als Person, sondern nur für mich als Zwilling, als ein Teil von jemand anderem. Individualität Fehlanzeige. Ich werde mit Fragen gelöchert: „Ist es nicht toll, ein Zwilling zu sein?“, „Verarscht Ihr immer Eure Lehrer?“, „Habt Ihr die gleichen Interessen?“, „Werdet Ihr oft verwechselt?“ Oftmals werde ich nicht mit meinem Namen angeredet, sondern mit einem Mischmasch aus dem Namen meiner Schwester und mir, oder sie nehmen gleich den Nachnamen in einer verniedlichten Version.

Keine Frage, es ist schön ein Zwilling zu sein, eine Schwester zu haben, die genauso alt ist wie ich und gleiche Interessen hat. Wir gingen den selben Hobbys nach und hatten einen identischen Freundeskreis. Ich hatte als Kind quasi die beste Freundin als Dauergast bei mir wohnen. Ist doch prima. Nie alleine sein. Nie.

Und dennoch war da eben genau das, was mich am Zwillingsein so gestört hat: ich wurde nicht als Individuum wahrgenommen, definierte mich selbst nur über meinen Zwillingsstatus.

Seine Individualität finden

Wie sehr hätte ich mir gewünscht einmal als eine einzelne Person mit eigenen Wünschen und Bedürfnissen wahrgenommen zu werden. Besser wurde es erst, als ich auf Grund meines mangelnden Selbstbewusstseins in eine Kinder-Gruppentherapie gesteckt wurde. Die Therapie selber hat mir jetzt nicht so viel gebracht, es gab jedoch ein Schlüsselerlebnis: Meine Mutter und meine Schwester holten mich ab und wir gingen, zusammen mit einem anderen Kind aus der Therapie, die Straße entlang. Das andere Kind war sichtlich bemüht, nicht auf der Seite meiner Schwester, sondern neben mir zu laufen. Jemand mochte mich mehr als meine Schwester! Ich war es wert, dass man die Seite des Fußwegs wechselte, um in meiner Nähe zu sein!

Dieser kleine und scheinbar so unbedeutende Moment öffnete mir die Augen und zeigte mir, dass ich nicht nur ein Schatten meiner Schwester war.

Ein weiterer Schritt eröffnete sich, als ich in die Kursstufe kam und andere Kurse als meine Schwester wählte. Und nochmal einen Sprung in Richtung Identitäsfindung erreichte ich mit Eintritt in das Studentenleben. Ja, meine Schwester und ich wählten NICHT das selbe Studium 😉 Nun war ich zunächst ein Einzelkind, bis ich dem überraschtem Gegenüber offenbarte eine Zwillingsschwester zu haben. Für mein Selbstbewusstsein war es allerdings etwas zu spät. Das hatte bereits sehr gelitten. Dafür prägt die Kindheit viel zu sehr.

Nicht nur bei Zwillingskindern…

Was ich daraus gelernt habe? Ich selbst habe keine Zwillinge geboren, sondern zwei wunderbare Einzelkinder, die nun gerade dabei sind sich als Geschwister zu finden. Wirbelwind, die Große, sucht ihren Ort im Gefüge einer vierköpfigen Familie mit kleiner Schwester, die ihrerseits immer mobiler und konkurrenzfähiger wird. Wirbelwind verlangt derzeit viel Aufmerksamkeit, gerade weil sie sieht, dass unser Wölkchen zu einem ernst zu nehmenden Rivalen geworden ist. Ein Rivale im Kampf um die Gunst nach Aufmerksamkeit und nach Zugeständnis ihrer Individualität.

Beide Kinder werden es immer einfacher haben, sich als Individuen zu finden als Zwillinge, eben weil sie in vielen Dingen getrennte Wege gehen werden. Während Wölkchen noch in den Kindergarten geht, wird Wirbelwind in eineinhalb Jahren die Schule besuchen. Sie werden andere Freundeskreise haben und – auf Grund ihrer Unterschiedlichkeit – sicherlich auch verschiedene Hobbys. Sie werden verschiedene Sachen geschenkt bekommen, jeder für sich.

Dennoch denke ich, dass wir als Eltern auch bei unterschiedlich alten Geschwistern aufpassen müssen, wie wir mit ihnen umgehen und welche Botschaft wir ihnen senden. Sicherlich wird es uns schwer fallen, sie nicht miteinander zu vergleichen. Wie war es bei Wirbelwind damals, wie ist es bei Wölkchen heute? Ich mache das ständig und schreibe sogar ganze Blogposts dazu. 😉 Dennoch ist es etwas anderes, wie wir es schlussendlich unseren Kindern vermitteln. Sicher versuche ich, ihnen ihre Verschiedenartigkeit zuzugestehen. Aber dennoch ertappe ich mich selbst dabei, Vergleiche vor meinen Kindern laut auszusprechen und zum Teilen von Spielzeug zu bitten. Und jedes Mal stellt sich mir die Frage: Wie viel Individualität darf ich meinen Kindern zusprechen und wie viel darf ich ihnen im Sinne der Gemeinschaft aberkennen?

Eure Wiebke

5 Comments

  1. 27 Dezember 2016 at 8:10 am

    Liebe Wiebke, vielen Dank für deinen tollen Text. Auch ich habe eine Zwillingsschwester und hatte als Kind daran zu knabbern, obwohl meine Eltern immer unsere Individualität gefördert haben, was nicht immer leicht ist. Das merke ich jetzt bei meinen Töchtern 3 und 5. Wenn man die eine lobt, merkt man schon wie die andere aufmerkt und dann oftmals auch ein Lob einfordert. Oder man denkt sich: hm, das konnte die andere schon viel früher. Aber dann mach man sich einfach Sorgen, um das andere Kind, dass es vielleicht mal Probleme bekommt/auf der Strecke bleibt. Also niemals böse Gedanken in Richtung des Kindes, sondern eher das eigene Versagen in der Förderung betreffend. Denn ja klar, mit einem Kind hatte man mehr Zeit dieses Individuell zu fördern. Wobei beim Fördern halt auch wieder die Frage entsteht: Wieviel geht da vom Kind selbst aus? Möchte das Kind da gefördert werden? Oder möchten nur ich das als Mutter? Also viel wichtiger, den Kindern das Gefühl zu vermitteln, dass man für sie da ist und dass es auch okay ist, wenn sie etwas nicht können.

    • 30 Dezember 2016 at 8:04 pm

      Liebe Ella,
      oh wie spannend, dass Du auch ein Zwilling bist!
      Ich verstehe, was Du meinst. Ich habe mir auch bereits Gedanken dazu gemacht, ob Wölkchen in der Beachtung und somit auch „Förderung“ als Zweitgeborene etwas zurückstecken muss. :-/ Aber ich merke auch, dass sich die beiden einfach in vielen Dingen sehr unähnlich sind, und das beruhigt irgendwie.
      Ich versuche mir auch immer wieder in Erinnerung zu rufen, dass beide ihre Zeit auf der Bühne haben wollen, und ich auch mal applaudieren muss – für jeden einzeln.
      LG Wiebke

  2. 31 Dezember 2016 at 1:25 pm

    Liebe Wiebke,

    sehr schöner Beitrag! Ich kann dir wirklich nur zustimmen. Ich finde es sehr angenehm, wie du deinen Besuchern immer persönliche Einblicke in deine Lebensgeschichte lieferst. Diese verfolge ich schon seit einiger Zeit mit Spannung auf deinem Blog! Mach auf jeden Fall weiter so, ich freue mich schon auf die Beiträge vom neuen Jahr.

    Bis dahin wünsche ich dir einen ruhigen Jahresrutsch im Kreise deiner Liebsten.

    Liebe Grüße,
    Riccarda W.

  3. Kathrin
    Antworten
    2 Januar 2017 at 2:42 pm

    Vielen Dank für die andere Sichtweise auf Zwillinge. Ich bin mit dem Thema nie wirklich in Berührung gekommen und dachte auch immer „wie toll es sein muss, Zwilling zu sein“. Die andere Seite zu hören, fand ich sehr spannend und aufschlussreich.
    Umso schöner, dass du dich bemühst, deine Kinder immer als eigenständige Personen zu sehen – das Problem haben nämlich nicht nur Zwillingseltern 😉

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