Liebesbrief an meine Tochter

Liebesbrief Tochter

Mein lieber Wirbelwind. Ja, du bringst mich schon mal zur Weisglut. Zum Beispiel wenn du den dritten Tag in Folge morgens dein Müsli herunterpfefferst. Natürlich nicht mit Absicht, aber weil du einfach nicht so brav am Tisch sitzt, wie ich es dir sage. Oder wenn du zum wiederholten Male mit deiner Zahnbürste lieber am Spiegel herum malst, anstatt sie dir in den Mund zu stecken. Doch diese Momente sind nicht wichtig. Ich rege mich zwar darüber auf, sie sind aber auch schnell wieder vergessen, weil sie nicht der Grund dafür sind, warum ich dich so abgöttisch liebe.

Nein, der Grund, warum ich dich so liebe sind die kleinen Augenblicke, die manchmal einfach wieder verschwinden, ohne dass man sie genug gewürdigt hat. Und genau das versuche ich, zwischen Zahnpasta und Müsli… Ich möchte Dir gerne sagen, warum ich dich so sehr liebe. Und es wird dich vielleicht überraschen. Zum Beispiel gestern, da hast du sehr lange geschlafen. Der dunkle, verregnete Morgen wollte dich einfach nicht aus dem Bett locken. Ich machte mich ein wenig zurecht und nutzte die ruhige Zeit. Dann schlich ich in dein Zimmer, machte die Jalousien hoch und sah, wie du langsam zum Leben erwachtest: du hast dich gestreckt, hast deine Augen gerieben, zu mir hinüber geschielt und noch ehe ich mich zu dir an das Bett setzen konnte standest du darin, zwar völlig benebelt aber kerzengerade, um anschließend hinauszuklettern. Völlig orientierungslos gucktest du mich an und fragtest: „Gehen hin?“ Ich lachte, sagte, dass wir in den Kindergarten gehen und musste dich erst einmal herzlich drücken. Dann murmeltest du „Toilette gehen“ und torkeltest durch den Flur Richtung Bad. Ich wäre in deiner Verfassung sicherlich dreimal gegen die Wand gelaufen, aber du schafftest es ohne größere Blessuren zum Töpfchen. In solchen Momenten könnte ich dich einfach nur knuddeln und drücken.

Ähnlich ist es abends, wenn du zum Sandmann auf dem Sofa sitzt und völlig fasziniert in das flimmernde Licht schaust. Der Mund ist halb geöffnet, die Augen zwar müde, versuchen aber der Handlung zu folgen. Keine Regung auch nur eines Gesichtsmuskels, geschweige denn eines anderen Körperteils. Und der krönende Abschluss ist der Moment, in dem du dir nach dem Schlafsand die Augen reibst. Ganz routiniert. Und du hinterfragst nicht, was du da tust. Du machst es einfach. Vertraust uns blind, wenn wir sagen, dass man das so macht. Die ganze Zeit starre ich völlig entzückt auf dich. Für mich bist du der spannenste Fernsehkanal. Eine Reality Show, die bitte niemals enden soll. Aber es sind auch andere Momente, wie die, in denen du versuchst dir selbst den Ball hoch zu werfen und am Ende von einer Seite des Raumes zur anderen hetzt. Oder wenn du vom Sofa aufstehst und deine Hose mit deinen süßen kleinen Händen zurecht zieht, weil sie nach oben verrutscht ist. Oder aber wenn du meine frisch gewaschenen Haare berührt und jedes Mal völlig überrascht anmerkst, dass sie nass sind. Es sind Kleinigkeiten, die aber eben dich zu dem machen, der du bist. Und Kleinigkeiten, die mich zum Schmunzeln oder sogar herzhaften Lachen bringen. Sie lassen die Liebe zu dir so unermesslich steigen und das mit jedem Tag ein bisschen mehr. Ja, ich gebe es zu, ich bin vernarrt in dich. Aber so richtig! 😉

Deine Mama

4 Comments

  1. 23 Oktober 2014 at 10:10 pm

    Das hast du wunder, wunder, wunder schön geschrieben und spricht mir absolut aus dem Herzen ♥♥♥ Unsere Kleinen sind wirklich das beste, was man haben kann und du hast es toll beschrieben♥

    Viele liebe Grüße
    Sina

    • 24 Oktober 2014 at 7:34 am

      Vielen lieben Dank, Sina! Es ist zumindest ein Versuch es in Worte zu fassen. Aber es ist eben schwer beschreibbar, dieses Band zum eigenen Kind!
      LG Wiebke

  2. 24 Oktober 2014 at 8:11 am

    Das hast Du wunderschön geschrieben – auch wenn es für die vielen kleinen Dinge, die wir täglich an unseren Kinder bestaunen kaum Wort gibt, oder? Jetzt schäme ich mich noch mehr dafür, dass ich heute den Artikel darüber veröffentlich habe, dass ich manchmal keine Kraft mehr für die Trotzanfälle habe…aber das alles gehört wohl zum Leben dazu. Und ich gehe jetzt und lese Deinen zauberhaften Artikel noch mal 🙂 Liebe Grüße, Anna

  3. 24 Oktober 2014 at 8:27 am

    Ach Wiebke <3

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