Wölkchens Schlaf-Krimi

Schweiß rinnt mir von der Stirn. Ich versuche so lautlos wie möglich zu atmen und mich nicht zu bewegen. Jedes Geräusch könnte verheerend sein. Mein Körper ist angesichts dieser Anstrengung und Herausforderung von Adrenalin durchflutet.

Man könnte meinen ich verstecke mich vor fiesen Verfolgern hinter einem verschmutzten, müffelnden Container. Es ist dämmrig und unheimliche Tiere wuseln um meine Beine herum… Wenn da nicht meine Hand unaufhörlich an etwas rütteln würde. Ja, der Schauplatz ist ein ganz anderer. Statt hinter einem riesigen Mülltone, sitze ich auf dem Sofa und meine Hand rüttelt an der Babyschale.

Der Tagesschlaf

Gerade hatten wir die große Schwester, Wirbelwind, im Kindergarten geparkt. Auf dem Weg dorthin war Wölkchen dank der motorisierten Babywippe auf vier Rädern eingeschlafen. Wieder zu Hause angekommen wurde sie, in Anbetracht der fehlenden einlullenden Bewegung, sofort wach. 15 Minuten Schlaf hatte sie bislang hinter sich gebracht. Sie ist wie die berühmten Sprinter: Kurzstrecken meistert sie mit Bravour, doch auf langen (Schlaf-)Strecken geht ihr viel zu schnell die Puste aus. Obwohl, Puste hat unser Wölkchen ja genug. Das beweist sie jedes Mal, wenn sie einsam irgendwo ihr Tagesschläfchen halten soll. So wie jetzt. Also rüttele ich sie wieder in den Schlaf.
Ich rüttele, sie schläft. Aber der Schlaf ist oberflächlich. So ganz ohne Halt, ohne Körperkontakt kann sie sich nicht in die Tiefen der Traumwelt fallen lassen. Ein typisches Ü-Baby eben. Und so schreckt sie bei jedem Geräusch hoch. Mein Fuß knackt, sie zuckt zusammen. Das Sofa knarrt, die Arme öffnen sich zum Moro-Schreckreflex. Ich unterlasse kurzzeitig das Rütteln, um egoistischerweise mein Handy hervorzukramen, schon dreht sich der Kopf unruhig hin und her. Nach weiteren 10 Minuten hat der Spuk ein Ende. Jedes noch so energische Ruckeln ist zwecklos. Sie wacht auf und präsentiert ihre – nach dem absolvierten Sprint – weiterhin vorhandene Puste.
Augenscheinlich noch müde, trage ich sie eng an mich gekuschelt durch die Gegend. Schon nach kurzer Zeit schläft sie wieder ein. Nun kann ich mich geräuschvoll auf das Sofa setzen, in die Tasten des PCs hauen (soweit das mit einer Hand möglich ist) und Musik hören. Sie stört es nicht. Es ist, als wenn der Körperkontakt ihr Gehör außer Gefecht setzt. Denn nun weiß sie sich sicher. Sie braucht nicht mehr auf mögliche Feinde lauschen. Sie kann sich fallen lassen und schlafen.
Eine ähnliche Wirkung zeigt sich beim Stillen. Sobald das hippelige Wölkchen mit ihren Lippen die Brust berührt, legt sich bei ihr ein Schalter um und sie fährt in den Standbymodus herunter. Selbst das neben ihr penetrant klingelnde Telefon bekommt sie nicht mehr mit. Dieser Effekt lässt sich im Nu umkehren, wenn man die Brust wieder entfernt. Das noch so fest zu schlafen geglaubte Kind öffnet umgehend seine Augen und fordert seinen Stöpsel zur Traumwelt ein. Natürlich klappt das nur mit dem Original, nicht mit den käuflich erwerbbaren Exemplaren der Drogerie.
Jaja, aus dem Schlaf erwachen, das kann Wölkchen sehr gut. Da trägt man sie eine gefühlte Ewigkeit von A nach B, schunkelt fleißig, singt Gute-Nacht-Liedchen und versucht den steigenden Schmerz im steifen Arm zu ignorieren, um endlich die ersehnten geschlossenen Augen zu erblicken. Wenn sie dann tief und fest zu träumen scheint, versucht man sie hinzulegen. Und hierbei tritt ein erstaunlicher Effekt auf. Denn Wirbelwind reagiert wie eine falsch konstruierte Puppe mit Schlafaugen. Je weiter man das schlafende Geschöpf in die Waagerechte senkt, desto mehr öffnen sich seine Augen. Nimmt man Wirbelwind umgehend hoch, schließen sie sich wieder. Also lässt man sie besser gleich auf dem Arm.
Auf diese Art und Weise streicht der Tag so dahin. Es wird viel gekuschelt, genuckelt, etwas getrunken und, inzwischen, viel gebrabbelt und gegackert. Ihr Bettchen sieht sie nur, um mit Spieluhrgedudel im Hintergrund ihr farbenfrohes Mobile anzulachen. Es ist ein erfüllter Tag für das kleine Wölkchen. Sie erfährt viel Nähe und Liebe.

Der Nachtschlaf

Interessanterweise verhält sich Wölkchen nachts ganz anders. Gegen sieben Uhr wird sie quengelig und lässt sich kaum noch ablegen. Gegen halb Acht singe ich der großen Schwester noch ihr Nachtlied, dann trennen sich die Wege von mir mit Wölkchen und dem Papa mit Wirbelwind. Ich verschwinde in das Schlafzimmer. Hier ist es dank Verblendungsrollo dunkel. Ich stecke das Nachtlicht an, es herrscht Schlafathmosphäre. Augenblicklich beginne ich an zu gähnen. Ich lege Wölkchen ins Elternbett. Bevor sie anfangen kann zu protestieren, singe ich ihr Gute-Nacht-Lied, während ich ihr ihren Schlafsack überstülpe. Wölkchen beginnt in diesem Moment erstaunlicherweise an zu Lachen, als wolle sie mir sagen „Mama, na endlich. Ich hab Dir doch vorhin schon gesagt, dass ich müde bin. Jippiehh, Brustnuckeln!“ Dann dreht sie sich zur Seite und leckt das Bettlaken ab, als würde mein Stöpsel aus dem Boden schießen.Endlich angedockt eröffnen sich nun zwei Szenarien:

1. Wenn ich Glück habe, schläft sie nach kurzem oder auch etwas längerem Nuckeln ein. Das Problem daran ist nur, dass ich meinem Schlafwölkchen gleich mitfolge, eine ganz neue Interpretation des Einschlafstillens.

2. Wenn ich Pech habe, nuckelt sie eine ganze Weile, ehe sie doch wieder die Augen öffnet. Geistig ist sie dann jedoch schon ins Traumland abgetaucht, nur der Körper will nicht so recht folgen. Der Stöpsel hilft nichts mehr, nur die Zeit schließt ihre Augen.
Während ich mich auf das Sofa zum Papa kuschele, hört man ein sporadisches Rufen aus dem Schafgemach. Sie wirft ihren Kopf hin und her, als wolle sie den Headbangern Konkurrenz machen, um Sekunden später die Augen zu schließen. Diese Prozedur wiederhohlt sie einige Minuten lang, bis sie tatsächlich einschäft.

Gegen vier Uhr nachts taucht sie kurz aus dem Wunderland auf, füllt ihren Tank auf und verabschiedet sich wieder bis zum Morgen. Es ist, als wolle sie den tagsüber verlorenen Schlaf nachholen, oder bereits für ihren „Kurzstreckenmarathon“ am nächsten Tag gewappnet sein. Gegen sieben Uhr öffnet sie gut gelaunt die Augen, fit für den Tag.Na dann, auf ein Neues! 

Wie schlafen Eure Mäuse so?

Eure Wiebke

6 Comments

  1. 20 August 2015 at 8:04 pm

    Oje, das klingt echt anstrengend und sehr bekannt für mich. So ähnlich war es beim Großen tagsüber auch, nur hinsetzen konnte man sich leider nicht, bei der geringsten Abwärtsbewegung gingen die Äuglein sofort auf. Leider war sein Nachtschlaf grauenhaft, mit mehrstündigen Wachphasen, ewig langem Einschlafstillen, gescheiterten Ablegeversuchen und Gebrüll, Gebrüll, Gebrüll. Also insofern genieße das nächtliche unkomplizierte Wölkchen. Dadurch kommt sie wahrscheinlich tatsächlich auf ihre benötigte Schlafmenge.
    Hast Du schon mal probiert, Dich mit ihr seitlich hinzulegen, wenn sie im Tuch schläft, dann ganz behutsam lösen und sie ganz ganz vorsichtig von Dir weg zu schieben? Vielleicht klappt das?
    Liebe Grüße!

    • 20 August 2015 at 8:16 pm

      Meine Liebe Frühlingskindermama 🙂
      Immer wieder schön, von Dir zu hören! Obwohl es natürlich nicht so schön zu erfahren ist, dass Dein Großer ein ebenfalls so unruhiger Schläfer war. Ich bin ja froh und dankbar, dass ich nachts so gut dabei wegkomme! Ich hoffe das bleibt auch so.
      Den Tipp mit dem Tragetuch kann ich mal probieren. Bislang habe ich sie einfach so lange im Tuch gelassen, bis sie wieder aufgewacht ist. Allerdings merke ich das schnell im Rücken 🙁
      Ganz lieben Gruß, Wiebke

  2. 21 August 2015 at 1:43 pm

    Kenn ich nur zu gut. Die Große schlief immer wie ein Stein, bei der Kleinen reicht bis heute die kleinste Bewegung zum Aufwachen. Hauptsache die Nächte sind ok.
    Ich hab dann einfach die Große in den Kindergarten gebracht und mich rigoros mit der Kleinen ins Bett gelegt. Jeden Tag. Und mit so nem halben Jahr wurde es merklich besser. Bis dahin trägt man halt. Hauptsache das Kind bekommt genug Schlaf und ist nicht den ganzen Tag motzig. Ansonsten hab ich viel gelesen in der Zeit. Ich hab praktisch sonst nix gemacht. Keinen Haushalt, keine Wäsche, nur mittags ein Brot. War eigentlich sehr gemütlich. Kann ich nur empfehlen.

    • 22 August 2015 at 8:32 pm

      Ist schon erstaunlich, wie unterschiedlich es selbst unter Geschwistern sein kann! Unsere Große war ja leider auch ein unruhiger Schläfer. Aber gut, dass bei Dir zumindest die Große fester schlief.
      Aber um ehrlich zu sein: den ganzen Tag im Bett liegen kann ich nicht. Das hatte ich die ersten drei Tage nach der Geburt gemacht und dann einen "Lagerkoller" bekommen. Die Schlafmenge geht ja zum Glück bei uns, sie holt es nachts eben nach. Hatte in einem früheren Beitrag mal nachgezählt und kam auf etwa 15 Stunden. Zwischen 12 und 19 ist es ja angeblich normal.
      LG Wiebke

  3. 21 August 2015 at 3:07 pm

    Solche Schlafkrimis kommen bestimmt vielen bekannt vor 😀 Bei uns ist das Problem, dass unser Sohn einfach nur in unserem Bett richtig durchschlafen kann. Dabei dreht er sich aber immer wie wild hin und her wodurch unser Schlaf natürlich nicht der Beste ist 😀 Jetzt wollen wir ihn Schritt für Schritt an sein eigenes Bett und Zimmer gewöhnen =)

    • 22 August 2015 at 8:34 pm

      Oje. Ich merke das auch. Wenn das Baby in unserem Bett schläft, schrecke ich immer wieder auf. Aber nicht weil das Baby so wild schläft, sondern weil ich angst habe es zu erdrücken. Zum Glück schläft sie in ihrem Bett genauso gut.
      Viel Erfolg Euch beim Umgewöhnen ans eigene Bett und Zimmer!!!
      LG

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