Mein Kind ist ein Angsthase

Ich liebe meinen Wirbelwind, so wie sie ist – ja gerade deshalb, weil sie so ist, wie sie ist. Keck, verschmitzt, begeisterungsfähig, neugierig, sportlich, naiv und eben auch ängstlich. Es ist nicht so, dass sie ständig von Ängsten geplagt wird und nervös zuckend durch den Tag wandelt. Aber es sind immer wieder kleine Situationen und auch der Vergleich mit anderen Gleichaltigen, die mir zeigen, dass sie deutlich ängstlicher an bestimmte Situationen oder Gegenstände herangeht.

Was ist Angst?

Stöbert man etwas im Internet, erfährt man, dass Angst ein angeborenes Grundgefühl ist, das einen überlebenswichtigen Schutzmechanismus darstellt. In Situationen, die als bedrohlich empfunden werden, können Ängste entstehen. Sie beziehen sich auf eine erwartete Bedrohungen der körperlichen Unversehrtheit, der Selbstachtung oder auch des Selbstbildes.

Wann ist Wirbelwind ängstlich?

Von Kleinauf trat Wirbelwind unbekannten oder lauten Dingen sehr skeptisch gegenüber. Fremde Situationen, fremde Leute, Hunde, Fön, Staubsauger. Viele verschiedene Auslöser konnten dazu führen, dass sie sich heulend an mich kuschelte. Fön und Staubsauger legte sich mit der Zeit, als ihr die Geräusche vertrauter wurden, andere Dinge blieben, wie die folgenden Szenen verdeutlichen sollen:
Szene 1: Wirbelwind ist ca 1 1/2 Jahre alt. Ich habe ein aufziehbares Ei gekauft, das lustig durch die Gegend hüpft, wenn man es anschließend auf den Fußboden setzt. Wirbelwind springt jedes Mal vor Schreck davon und beäugt das Spektakel aus sicherer Entfernung. Sobald das Ei stillsteht, läuft sie wieder hin und überreicht es mir mit den Worten „ma“ (nochmal). Neugier tritt Skepsis, kann man diese Situation wohl am Treffendsten bezeichnen.

Szene 2: Wirbelwind ist 2 Jahre alt. Auf dem Spielplatz läuft ein angeleinter Hund vorbei. Wirbelwind jammert und versteckt sich hinter meinen Beinen, bis der Hund außer Reichweite ist.
Auch heute noch hat sie diese Furcht vor Hunden. Durch den Kontakt mit dem Hund eines Kindergartenfreundes, ist diese aber deutlich weniger geworden. Sie hat ihn sogar schon gestreichelt, wie sie uns letztens stolz berichtete.

Szene 3: Wirbelwind ist 2 3/4 Jahre alt. Immer, wenn sie einen LKW auf der Straße sieht, bleibt sie stehen und läuft keinen Schritt weiter. Die Hände legt sie auf ihre Ohren und wartet sie ab, bis der LKW vorbeigefahren ist.
Hier zeigt sich aus meiner Sicht keine Angst vor dem LKW, aber vor lauten Geräuschen, wie bei so vielen anderen Dingen (siehe auch Szene 4). Die Angst vor LKWs hat sie mit etwa 3 1/2 Jahren abgelegt. Inzwischen kann sie an der Straße stehen bleiben, wenn der LKW an ihr vorbei fährt.

Szene 4: Wirbelwind ist fast 3 Jahre alt. Die Wohnung über uns wird saniert und eine Wand versetzt. Es ist ein Höllenlärm. Als Wirbelwind diesen Krach das erste Mal hört, schreit sie entsetzt auf, presst die Hände auf die Ohren und ist nicht mehr zu beruhigen. Erst als ich mit ihr in ein Zimmer am anderen Ende der Wohnung gehe und ihr versuche zu erklären, WAS da so laut ist, wandelt sich ihr Schreien in ein Jammern. Ich schnappe die nötigsten Sachen und verlasse mit ihr die Wohnung. Den ganzen Tag verbringen wir im Freien oder im Einkaufszentrum, um nicht nach Hause zu müssen. Erst als die Handwerker Feierabend machen, gehen wir Heim. Und das Tag für Tag, bis der Lärm des Schlagbohrers verhallt ist.
Als die Handwerker später nochmal laut werden und Wirbelwind wieder losheulen möchte, geht der Papa mit ihr nach oben und zeigt ihr die Baustelle. Sie bestaunt Handwerker, Gerätschaften und Staub und ist hinterher deutlich ausgeglichener.

Szene 5: Wirbelwind ist 3 3/4 Jahre alt. Sie liebt es Fahrrad zu fahren. Sobald es jedoch etwas abwärts geht, schreit sie auf und versucht das Rad – völlig irrational – mit ihren Füßen zu stoppen. Dabei habe ich ihr vorher oft genug gezeigt, wie sie bremsen kann. Während eine Freundin mit ihrem Fahrrad in waghalsigem Tempo ihre Runden im Park dreht, schleicht Wirbelwind im Schneckentempo hinterher.
In diesen Situationen bin ich ganz dankbar dafür, dass sie so vorsichtig ist.

Szene 6: Wirbelwind ist 3 3/4 Jahre alt. Eine Fliege hat sich ins Wohnzimmer verirrt. Sie kreischt panisch auf und rennt heulend aus dem Raum. „Eine Biene, eine Biene“, ruft sie immer wieder. Auch als ich ihr erklärte, dass es sich nur um eine Fliege handelt, bleibt sie skeptisch. Sie betritt erst wieder den Raum, nachdem ich die Fliege aus dem Wohnzimmer verbannt habe.
Das Interessante dabei ist, dass sie Ameisen beispielsweise ganz faszinierend findet. Sie können aber auch nicht fliegen und sind damit deutlich berechenbarer in ihrer Bewegung.

Szene 7: Wirbelwind ist fast 4 Jahre alt. Auf einem Rummel hat sie einen Kletterparkour entdeckt und möchte ihn unbedingt machen. Wir gewähren. Zunächst sieht es ganz gut aus (hier ist auch das Titelbild entstanden). Nach fünf Metern jedoch jammert sie, dass sie runter möchte. Da der Parkour ringförmig angelegt ist und sich die Sicherungsseile nicht einfach so lösen lassen, muss sie den gesamten Parkour weiterlaufen. Es sind nervenaufreibende 10 Minuten, in denen ich versuche Wirbelwind auf einer Leiter aufzumuntern und Mut zuzusprechen, sie sich heulend von einem Trittbrett zum nächsten hangelt und hinter ihr ein Kinderauflauf deluxe entsteht.

Woher kommt die Angst?

Woher kommt diese Angst, frage ich mich in diesen Situationen jedes Mal. Ist es einfach in ihrer Persönlichkeitsstruktur verankert oder haben wir als Eltern diese Ängste hervorgerufen? Wahrscheinlich ist es beides: zum einen Veranlagung, zum anderen durch uns Eltern weiter verstärkt. Warum ich das denke?
Veranlagung sehe ich bei Wirbelwind aus zwei Gründen:

1. Kontinuität des Verhaltens: Bereits sehr früh zeigte Wirbelwind dieses ängstliche Verhalten. Der elterliche Einfluss ist zwar bereits früh möglich, aber meiner Meinung nach nicht in diesem Ausmaß.

2. Konsens des Verhaltens: Wölkchen, welche den selben elterlichen Einfluss genießt, ist zwar auch recht ängstlich, aber bei ganz anderen Dingen. Wenn sie beispielsweise einen Hund sieht, läuft sie auf ihn zu und versucht mit einem tiefen „bowowo“ sein Bellen zu imitieren. Von Angst keine Spur. Ebenso lacht sie mich an, wenn ich mir die Haare föhne und klettert auf den Staubsauger, wenn er in Gang gesetzt wird.

Andererseits ist auch Wölkchen in Dingen ängstlich, die ich bei anderen Kindern nicht so kenne. Bei manchen unbekannten Geräuschen oder Lichteffekten, brüllt sie auch mal vor angst los und klammert sich an mich. Das sind Ängste, die ich ihr definitiv nicht vorgelebt habe. Gut möglich, dass die Ängstlichkeit nicht nur bei Wirbelwind, sondern auch bei Wölkchen in den Genen liegt.

Soviel zur Veranlagung. Doch was ist mit uns Eltern? Ich selber versuche zwar in solchen Situationen ruhig zu bleiben, Verständnis zu zeigen und gleichzeitig Mut zu machen. Aber leider ist Wirbelwinds Papa selber ein recht ängstlicher Mensch und immer um das Wohl des Kindes besorgt. Sobald Wirbelwind losrennt, ruft er „Pass auf“ oder „mach langsam“. Wenn sie klettert, wirft er gerne ein „Du fällst!“ ein, selbst wenn alles in bester Ordnung ist. Sie darf in seinem Beisein keinen Purzelbaum machen, weil er da Angst hat, dass sie sich das Genick bricht und auf dem Spielplatz kopfüber hängend, die Beine im Netz verhakt, das kann er schon gar nicht sehen. Was ich zu unvorsichtig bin, das kompensiert er auf seine Art und Weise.

Die Frage ist nur, was kommt da bei Wirbelwind als Botschaft an? Wie soll Wirbelwind auf ihre eigenen Fähigkeiten vertrauen, wenn sie vom Papa ständig vermittelt bekommt, dass er eben nicht auf ihre Fähigkeiten vertraut? Ich möchte das Vorgehen meines Mannes nicht kritisieren. Er macht es mit guten Absichten. Dass von seiner Ängstlichkeit jedoch etwas auf Wirbelwind abgefärbt hat, davon gehe ich allerdings aus.

Angst überwinden

Ich brauche kein Kind, das sich furchtlos einen Abhang hinunterstürzt oder mit einem Rottweiler kuscheln möchte. Ein bisschen Respekt halte ich für ganz angebracht. Wenn die Ängste mein Kind jedoch hemmen und den Weg vor tollen Erlebnissen versperren, bzw. im Alltag problematisch werden, blutet mir das Mama-Herz. Ich möchte, dass mein Kind unbeschwert durchs Leben geht. Respekt vor Situationen, Gegenständen, Tieren und was auch immer, darf sie gerne haben. Aber hemmende Angst muss das kleine Kinderherz nicht beschweren. Ganz zu schweigen davon, dass diese Ängste auch gerne pathologisch werden können.

Was können wir also dagegen tun? Wahrscheinlich müssen wir als Eltern uns erst einmal selber an die Nase fassen. Wir leben unserem Wirbelwind vor, was im verflixten Alltag wichtig und bedeutsam ist. Wenn wir weniger ängstlich da herangehen, dann wird sich das doch auch auf Wirbelwind übertragen. Oder? Gleichzeitig müssen wir akzeptieren, dass sie in bestimmten Situationen vorsichtiger ist und dabei hinter ihr stehen. Wenn wir ihr den Halt geben, den sie braucht, dann schafft sie es vielleicht, sich irgendwann selber zu halten, beispielsweise auf einem Kletterparkour ;-).

Zeigen Eure Kinder Ängste? Wie geht Ihr damit um?
 

Eure Wiebke

3 Comments

  1. 4 August 2016 at 4:11 pm

    Bei uns haben gerade Staubsauger und Fön und auch alle möglichen blubbernden Geräusche eher einen beruhigenden Effekt ausgelöst. Das Thema Angst spielt eher eine Rolle, wenn es zu ruhig wird, da ist bis jetzt – fast schon 7 Jahre – nichts zu machen. Schwierig wird es für uns, wenn wir Faulheit oder Dickkopf und Angst nicht so recht unterscheiden können, da ist man – zumindest ich als Vater – dann etwas überfordert und wohl manchmal einen Nummer zu gutwillig.

    • 5 August 2016 at 7:52 am

      Das ist ja auch interessant: Angst vor der Ruhe. Da kann ich mir vorstellen, dass man das schwer von anderen Dingen unterscheiden kann.
      Viele Grüße, Wiebke

  2. Mara
    Antworten
    2 Februar 2020 at 8:33 pm

    Hallo Wiebke,
    ich bin zufällig auf Deinen Blog gestoßen und bei diesem älteren Beitrag hängengeblieben. Ich war in meiner Kindheit wie Wirbelwind. Das ist z.T. noch heute so, auch wenn ich es mir als erwachsener Mensch nicht anmerken lasse. Vor einiger Zeit wies mich eine befreundete Erzieherin darauf hin, dass es auch hochsensible Kinder gibt die einfach anders Reize verarbeiten und länger in ungewöhnlichen Situationen brauchen. Ich konnte mich in den Beschreibungen über (extrovertierte)Hochsensiblen sehr wiederfinden.
    Vielleicht sind deine Kinder ebenfalls hochsensibel?
    Liebe Grüße
    Mara

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