Regeln, Routinen und Rituale bei Kindern – Was bringt das?

Regeln und Rituale bei Kindern

Eine Leserin hatte mich gebeten einmal von unseren Routinen zu erzählen, die wir im verflixten Alltag haben. Das mache ich sehr gerne. Zunächst werde ich Euch erzählen, welche Regeln und Routinen es bei uns gibt, dann werde ich noch etwas allgemeiner auf das Thema schauen.

Welche Regeln gibt es bei uns?

Eigentlich habe ich mir vorgenommen, an dieser Stelle unsere spärlichen Regeln aufzulisten. Doch dann wurde die Aufzählung immer länger und länger. Tja, da haben wir wohl doch mehr Regeln, als ich dachte. Regeln, die wir unseren Kindern immer wieder einbleuen, damit sie darauf hören. In erster Linie sind das Regeln, die die Sicherheit betreffen, aber auch das Zusammenleben erleichtern sollen. Dazu gehören:

Regeln im Straßenverkehr

  • Auf der Straße nie so weit weg laufen, dass ich sie nicht mehr sehen kann
  • An der Straße anhalten und nur mit uns gemeinsam hinüber gehen
  • An der Straße NICHT um die Ampelstange herumkreisen (das macht Wirbelwind mit Vorliebe und ich bekomme jedes Mal einen Herzkasper, weil sie vor meinem inneren Auge den Halt verliert und auf die Straße purzelt)
  • Beim Überqueren der Straße (auch bei grüner Ampel) IMMER nach links und rehts gucken und nach Autos Ausschau halten

Natürlich sind diese Regeln nicht in Stein gemeißelt. Wenn Wirbelwind älter wird, werden – gerade die Straßenregeln – etwas gelockert werden. Irgendwann, spätestens wenn sie in die Schule geht, wird sie alleine über die Straße gehen müssen. Doch noch halte ich sie nicht für reif genug dafür.

Regeln beim Essen

  • Nicht das ganze Glas VOR dem Essen austrinken (Ich weiß, dass diese Regel etwas übertrieben klingt. Aber Wirbelwind ist ein schlechter Esser, wie man so schön sagt. Wenn sie vor dem Essen bereits ihr Glas Apfelshorle leer trinkt, dann kann ich sicher sein, dass von dem eigentlichen Essen nicht mehr viel im Magen landet.)
  • Nicht mit dem Essen spielen. (Ja, hier war ich früher einmal anderer Meinung. Aber seitdem ich sehe, dass Wölkchen jeden Quatsch von Wirbelwind nachahmt, wird am Tisch nur noch gegessen, nicht mehr herumgealbert – zumindest ist das unser Plan :-P)
  • Nicht auf dem Löffel oder der Gabel herumknabbern, wenn nichts drauf ist (Wirbelwind hat die Angewohntheit genau dies zu tun und dabei träumerisch in der Gegend herum zu schauen.)
  • Nicht das Messer in den Mund nehmen.

Hygiene-Regeln

  • Vor und nach dem Essen Hände waschen
  • Nach dem Frühstück und vor dem Schlafengehen Zähneputzen
  • Die Zähne werden vor dem Spiegel im Bad geputzt (Wirbelwind macht sonst alles andere, aber putzt nicht ihre Zähne, wenn sie mit der Bürste in der Gegend herum läuft.)
  • Einmal in der Woche, vornehmlich Sonntags oder am Dienstag nach dem Sport wird gebadet und Haare gewaschen.

Regeln im Umgang miteinander

  • Dem Anderen keine Spielsachen wegnehmen, wenn er es nicht hergeben möchte
  • Nicht den anderen ärgern (Haha, ich lache gerade selber über diese Regel. Es ist zwar eine schöne Regel, aber einfach nicht realistisch!)

Welche Routinen und Rituale gibt es bei uns?

Routinen der Kinder

Kinder lieben Wiederholungen. Da verwundert es nicht, wenn sie sich auch ihre eigenen Routinen schaffen, indem sie bestimmte Verhaltensweisen immer wieder wiederholen und irgendwann nicht mehr hinterfragen.

Ein paar sehr süße Routinen haben sich bei Wölkchen eingeschlichen. Beim Zähneputzen zum Beispiel hat sich Wirbelwind einmal in die Ecke des Bades gesetzt. Seitdem (und das ist bereits ein halbes Jahr her), dirigiert Wölkchen ihre große Schwester immer mal wieder in die Ecke. „rei rei“, ruft sie dann und deutet mit einer Handbewegung, dass sich Wirbelwind doch jetzt mit der Zahnbürste in die Ecke setzen muss. Das ist für unsere „Vor-dem-Spiegel-Zähneputzen-Regel“ natürlich nicht sehr förderlich, aber äußerst niedlich anzusehen.

Morgens nach dem Zähneputzen flitzt Wölkchen zur Ankleide und verlangt ihre Jacke. Auch wenn es Wochenende ist und wir überhaupt nicht das Haus verlassen müssen, hat sich diese Routine eingeschlichen. Irgendwie süß. Nur ihr dann erklären zu müssen, dass wir jetzt noch nicht rausgehen, ist dann weniger süß.

Auch Wirbelwind hat sich eine Routine ausgedacht. Nach dem Frühstück möchte sie eine Kleinigkeit naschen. Die Naschbox haben wir erst einmal wieder abgeschlafft, und so fragt uns Wirbelwind täglich, ob sie denn nun etwas naschen könne. Diese Routine hat sich bei ihr eingeschlichen, obwohl es nicht jedes Mal etwas Süßes gibt. Das mache ich auch davon abhängig, wie süß sie gefrühstückt hat und ob sie die Zähne bereits geputzt hat, wenn sie die Frage stellt 😉

Routinen der Eltern

Aber auch wir Eltern haben ganz bewusst Routinen eingeführt, insbesondere um den Tagesablauf zu erleichtern und Prozesse zu legalisieren. Hört sich jetzt erst einmal merkwürdig an. Aber wenn wir eine bestimmte Routine erst einmal durchgesetzt haben, dann fällt es auch den Kindern leichter, sie zu befolgen bzw. wir können dies eben als eine Art Regel durchsetzen. Bevor hier jemand aufschreit, dass wir die Bedürfnisse unserer Kinder missachten, möchte ich Euch einmal zeigen, um welche Routinen es sich handelt. In erster Linie beziehen sie sich auf die Abendstunden.

Das Abendritual inklusive Zubettbringen

Nach dem Abendessen, das gegen 18 Uhr statt findet, kann noch etwas gespielt werden. Irgendwann zwischen 18:30 Uhr und 18:50 Uhr wird dann der Fernseher angemacht. Wirbelwind (und inzwischen auch mit Begeisterung Wölkchen) schaut dann den Sandmann an. Es werden die Augen gerieben und Wirbelwind freut sich auf die nachfolgende Kindersendung. Jetzt ist der Zeitpunkt, an dem der Papa Wölkchen fertig macht, ihr einen Schlafanzug anzieht, den Schlafsack überstülpt und sie noch einmal zu Wirbelwind setzt. Manchmal setzt sich Wölkchen nochmal auf Wirbelwinds Schoß, manchmal auf meinen. Früher gab es jetzt die Milchflasche. Die haben wir aber inzwischen abgeschafft. Ja auch unsere Rituale ändern sich. Irgendwann, so gegen 19:15 Uhr geht der Papa dann mit Wölkchen Zähneputzen und bringt sie anschließend ins Bett. Nach ca. 20 Minuten ist er dann wieder bei uns. Wirbelwind hat derweil ihre Kindersendung fertig geschaut, den Fernseher ausgeschaltet und ich habe ihr die Schlafsachen angezogen. Dann spielen wir noch ein Spiel oder ich lese ihr etwas vor. Oder wir machen einfach ein bisschen Quatsch, spielen „ich sehe was, was Du nicht siehst“. Unser Ritual ist hierbei also nicht durch eine ganz bestimmte Aktion festgelegt, sondern definiert sich durch die Zeit, die wir, Wirbelwind und ich, gemeinsam haben. Dann gegen 20 Uhr werden die Zähne geputzt und ich bringe auch Wirbelwind ins Bett. Noch etwas Rückenkraulen im Bett und das Ritual ist beendet.

Wie sinnvoll sind diese Regeln und Routinen?

Abschießend möchte ich einen etwas allgemeineren Blick wagen und überlegen, wie sinnvoll es aus meiner Sicht ist Regeln und Routinen für Kinder einzuführen. Ich möchte betonen, dass es sich hierbei um meine persönliche Sichtweise handelt und ich mir bewusst bin, dass es jede Familie anderes handhabt.

Warum Regeln und Rituale wichtig sind… nicht nur für Kinder

Dass es bei uns Regeln und Rituale gibt, zeigt ja bereits, dass ich diese für wichtig erachte. Warum? Aus meiner Sicht geben sie Ruhe und Sicherheit, Halt und Orientierung. Sie helfen den Kindern, aber auch den Eltern, den Tag zu strukturieren und Kontrolle zu gewinnen. Die Automatismen erleichtern das Leben.

Oder um es mit den Worten des berühmten Soziologen Niklas Luhman zu sagen: sie helfen die Komplexität zu reduzieren, unsere massige Anzahl an Handlungsalternativen zu verringern. Rituale sind für Kinder von noch größerer Bedeutung, als für uns Erwachsene, weil sie kognitiv noch weniger in der Lage sind Komplexität in ihrer Vollständigkeit zu erfassen, zu verarbeiten und zu bewerten. Sie sind schneller überreizt und können ihre Handlungsalternativen schwer abschätzen. Ohne Rituale würden sich unsere Kinder wohl den ganzen Tag laut brüllend im Kreis drehen. Oder so ähnlich.

Ja Rituale erleichtern das Zusammenleben. Denn wir wissen bereits, was als nächstes passiert und können eben auch erwarten, dass der andere als nächstes dies oder das tut, wie wir es gewohnt sind. Insbesondere Kinder klammern sich an diese Gewohnheiten. Das zeigen sie auch dadurch, dass sie eben Wiederholungen lieben (die ja durch Rituale bestens bedient werden). Sie wollen, dass wir immer das gleiche Buch vorlesen, immer die gleiche Straßenseite entlanglaufen, immer am gleichen Platz sitzen, immer die gleiche Sorte Eis essen. Kinder fordern die Gewohnheiten ein.

Genauso verhält es sich nach meiner Meinung auch beim Zubettbringen. Rituale erleichtern den Übergang in den Schlaf. Die Kinder erhalten durch den immer wiederkehrenden Ablauf die Signale, die sie für einen guten Start in die Nacht benötigen. Sie wissen nun, dass es Zeit ist schlafen zu gehen. Auch in fremden Situationen können Rituale Halt geben. Zum Beispiel wenn man mit den Kindern in ungewohnten Umgebungen übernachtet oder von einer fremden Person ins Bett gebracht wird. Wenn man die gewohnten Rituale beibehält (Vorlesen, Flasche, Kuscheln, Schlafenlegen), können sie helfen mögliche Ängste zu überwinden.

Und einen ganz wesentlichen Vorteil habe ich oben bereits genannt: Rituale werden von Kindern eher akzeptiert, als willkürliche Handlungen. Man muss nicht jedes Mal wieder neu ausdiskutieren, warum man nun gerade dies und das tut. Es ist eben so, weil es Routine ist.

Warum Regeln und Rituale auch hinderlich sein können…

Ja genau hier liegen natürlich auch die Gefahren von Routinen. Denn Rituale können den Blick für Ungewohntes und Neues verschleiern. Es besteht die Gefahr, dass man einen bestimmten Ablauf durchsetzt, ohne darauf zu achten, ob vielleicht gerade etwas anders ist, was eine andere Handlung zur Folge gehabt hätte. Vielleicht ist das Kind etwas quengelig und man setzt dennoch das Abendritual durch, putzt Zähne, bringt es ins Bett und übersieht dabei, dass es fiebrig und deshalb so quengelig ist.

Auch für die Bedürfnisse der Kinder kann man den Blick verlieren, wenn man sein Ritual als Eltern durchzieht. Vielleicht sind die Kinder heute noch nicht müde und wollen noch etwas wach bleiben? Doch wenn die Ritual-Maschinerie erst einmal in Gang gesetzt wurde, ist es schwer hier noch flexibel auf die Bedürfnisse zu reagieren.

Rituale können uns für Veränderungen anfälliger machen. Kinder werden auf ein Ritual getrimmt. Wenn der übliche Ablauf einmal nicht innegehalten werden kann, kann das Chaos entstehen, weil Kinder und Eltern nicht gewohnt sind damit umzugehen. Beispielsweise werden bei uns Wirbelwind und Wölkchen getrennt ins Bett gebracht (sie schlafen aber im selben Zimmer). Einmal sind wir von diesem Ritual abgewichen und haben beide Kinder zeitgleich ins Bett gebracht. Was passierte? Wölkchen schrie los, weil sie die Veränderung nicht verstand. Sie war verstört angesichts dieser Abweichung von der gewohnten Routine. Sie verlor ihr Sicherheitsgefühl und ihre Ruhe.

Fazit

Welche Bedeutung Regeln und Rituale in einer Familie einnehmen, hängt nun eben davon ab, als wie wichtig man die genannten Vor- und Nachteile empfindet. Und – das ist meine Meinung – auch das Kind selber entscheidet, ob es besser mit oder ohne Routinen leben kann. Unser Wölkchen beispielsweise zeigt sehr deutlich, wie verstört sie ist, wenn sie auf Ungewohntes trifft. Daher sind Routinen in unserem Alltag sehr wichtig. Hier ist es für uns aber eben entscheidend, dass wir bei all der Routine die Bedürfnisse unserer Kinder nicht übersehen. Ich bin überzeugt, dass wir hier allerdings ein ganz gutes Mittelmaß gefunden haben. Für uns.

Wie ist es bei Euch? Seid Ihr ein Freund von Regeln und Routinen, oder eher nicht?

Eure Wiebke

4 Comments

  1. 22 April 2017 at 9:27 pm

    Ja das sind wir, denn es gibt den Kindern einfach Sicherheit. Liebe Grüße Nicole.

  2. Jana
    Antworten
    23 April 2017 at 12:24 am

    Wir sind definitiv Freunde von Tegeln und Ritualen. Grad bei meinem Großen (11) sind diese auch unbedingt nötig, er hat ADHS mit autistischen Zügen (kein „richtiger“ Autismus) und ein strukturierter, fester Tagesablauf hilft ihm, sich im Alltag zurecht zu finden. Wenn wir mal einen Tag eine Ausnahme machen, wie zum Beispiel wenn mal eine Feier ist, kann er auch damit umgehen, solange er weiß, dass danach wieder altbekannte Regeln gelten.
    Aber auch die Kleine (1,5 Jahre) besteht schon auf ihre Abläufe. Sie weiß, wenn Mama heia machen sagt, geht es Zähne putzen, dann sagt sie Papa gute Nacht, nimmt ihre schon vorbereitete Flasche und geht zur Treppe. Wenn wir oben sind, frische Windel und Schlafanzug angezogen haben trinkt sie ihre Flasche, Mama lüftet dabei nochmal schnell, dann kuscheln wir und dann dreht sie sich um und schläft. Abweichungen davon lassen sie wie dein Wölkchen reagieren.
    Lieben Gruß, Jana

  3. Lydia
    Antworten
    23 April 2017 at 8:08 am

    Hallo,
    Auch bei uns gibt es feste Rituale. Gerade weil ich abends noch ohne den Papa alles manage. Der kommt spät heim.
    Ebenso Regeln beim Essen & im Straßenverkehr. Wirklich bewusst, war mir das nicht. Ich hatte das immer unter der Rubrik Erziehung eingestuft.
    Grüße
    Lydia & die Jungs

  4. 27 April 2017 at 9:35 am

    Hallo,
    auch ich bin eine Freundin von gewissen Regeln. Sie geben den Kindern unheimlich viel Sicherheit, und damit stärkt man auch das Selbstbewußtsein und die soziale Kompetenz der Kinder. Vor meinen eigenen Kindern hab ich als Erzieherin im Kindergarten gearbeitet. Und ich habe leider oft beobachten müssen welche Schwierigkeiten Kinder hatten, denen jeglicher verläßlicher Rahmen von zu Hause aus gefehlt hat. Inzwischen haben wir drei eigene Kinder und ohne ein paar Regeln hätten wir bestimmt ne Menge Chaos zu Hause.

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