„Mama, da ist ein Mann im Busch und der nimmt Drogen!“

Pusteblume

Wir sind auf dem Spielplatz. Die Kinder haben sich, wie immer, im Park verteilt und erkunden die Botanik. Bestimmt eine halbe Stunde habe ich Wirbelwind und ihre Freundin nicht gesehen, als sie nun den Berg wieder hinauf gelaufen kommen. Aufgeregt sprudelt aus ihnen heraus:

„Mama, da ist ein Mann im Busch und der nimmt Drogen!“

Irritiert schaue ich nach unten. Dort steht ein Junge, der planlos an einem Busch auf- und abläuft und zwischen die Blätter illert.

„Wie kommt Ihr darauf?“, frage ich die beiden. Wirbelwind und ihre Freundin zeigen auf den Jungen. Er habe es erzählt.

Ich bleibe skeptisch. Die Kinder laufen wieder hinunter zum Jungen. Ich schließe mich mit der Mutter von Wirbelwinds Freundin kurz. Sie soll auf Wölkchen aufpassen, während ich den größeren Kindern nach unten folge. Diese sind inzwischen wieder bei dem Jungen angekommen. Ich sehe, wie Wirbelwind von ihm eine Spielzeugpistole in die Hand gedrückt bekommt. In diesem Moment glaube ich eher, dass der Junge seiner Phantasie etwas zu viel Raum gelassen hat. Auf dem Berg hat sich eine Gruppe von Mädchen versammelt, die aufgeregt zum Jungen hinunter schauen und wild durcheinander reden. Es hat sich bereits herumgesprochen.

Während ich die Wiese hinunterlaufe, sehe ich, wie Wirbelwind und ihre Freundin sich vom Jungen abkoppeln und  in eine andere Ecke des Parks gehen. Ich folge Wirbelwind. Dort finde ich zwei andere Mütter mit ihren jungen Kindern vor. Sie sind irritiert, weil auch sie von der Geschichte des Jungen gehört haben. Ich bitte die Kinder dort zu bleiben, wo sie sind und steuere auf den Jungen am Busch zu. Ich lasse ihn auch mir die Geschichte erzählen und er klingt sehr glaubwürdig. Er habe gesehen, wie ein Mann mit Bierdose hinter den Büschen verschwunden ist. Dann hatte er noch eine Spritze dabei und fummelte sich am Arm herum. Ganz schön genaue Beschreibung für eine phantasierte Geschichte.

Ich frage ihn, ob der Mann noch dort sei, und der Junge antwortet mit einem unsicheren „Ja“. Ich versuche jemanden im Gebüsch zu erspähen und kann tatsächlich einen Arm erkennen. Ich rufe:

„Hallo? Ist da jemand?“

Eine lallende Männerstimme meldet sich.

„Sie machen den Kindern Angst. Gehen Sie nach Hause!“

Der Mann scheint meine Aussage nicht gleich zu verstehen, daher wiederhole ich meine Bitte. Er scheint überrascht und willigt ein. Er packt sein Zeug zusammen und verschwindet aus dem Park. Ich gehe zu meinem Wirbelwind zurück und erzähle den anderen wartenden Müttern, was vorgefallen ist. Sie waren überrascht zu hören, dass da tatsächlich ein Mann gewesen ist. Ich beschließe zusammen mit einer der Mütter zum Busch zu schauen und zu prüfen, dass nichts mehr herumliegt, was in Kinderhände gelangen könnte. Leider finden wir so Einiges vor: eine halbe Bierdose, eine Spritze und eine Holzkette. Die Mutter zaubert eine Packung Taschentücher, Desinfektionstücher und eine Tüte aus ihrer Handtasche. So gewappnet kehren wir zum Busch zurück und beseitigen den Müll.

Die Mutter des Jungen informiert, ohne dass sie wusste, was bei uns gerade geschieht, die Polizei. Diese versichert, am nächsten Tag das Ordnungsamt vorbeizuschicken, um die Stelle zu reinigen. Bis dahin hätte das Zeug frei zugänglich für spielende Kinder herumgelegen, wenn wir es nicht bereits beseitigt hätten! Unglaublich. Was wäre, wenn die Kinder den Mann nicht bemerkt hätten? Was wäre, wenn der Mann irgendwann gegangen und Kinder genau in diesem Busch gespielt hätten? Nicht auszumalen, was alles hätte passieren können. Aber nur gut, dass das Ordnungsamt jemanden vorbeischickt. Einen Tag später! (Achtung, das war Ironie.)

Was mich schockt

Was mich an der ganzen Geschichte am meisten schockt? Mein Kind kennt nun mit ihren zarten fünf Jahren das Wort „Drogen“. Ich denke nicht, dass sie wirklich weiß, was es bedeutet, aber sie weiß, dass es nichts Gutes ist. Und ich frage mich als Mutter, wie weit ich mein fünfjähriges Kind darüber bereits aufklären muss – und möchte. FÜNF! Da hat man mit Puppen zu spielen, Pusteblumen zu pusten und Seifenblasen hinterherzuhaschen. Vielleicht denkt man sich noch, warum der Kindergartenfreund vorhin so doof war. Aber man denkt doch auf keinen Fall, was dort der Mann im Busch mit den Drogen macht. Es ist, als ob dieser Mann in das zarte, kindliche Territorium eingebrochen ist und ein Stückchen von der Naivität und der Pusteblumen-Zuckerwatte-Regenbogen-Blubberblase weggenommen hat, die unsere Kinder umgibt.

Und meine Gelassenheit hat er auch gleich noch mitgenommen. Wie kann ich meinem Kind nun den Freiraum geben, den es auf dem Spielplatz braucht, ohne jedes Mal vorneweg zu flitzen und alle Büsche nach fragwürdigen Personen abzuchecken? Wie kann ich mein Kind unbeschwerte Kindheit genießen lassen, wenn ich selber Angst haben muss, mein Kind in Ecken flitzen zu lassen, die ich nicht einsehen kann?

Diese Mann stielt nicht nur den Kindern die Naivität, sondern auch mir. Ich bin als Mutter bei Themen angekommen, die ich in diesem jungen Mama-Alter einfach nicht vermutet hätte. Ich bin überfordert und fühle mich schlichtweg überrumpelt. Ich bin noch nicht soweit, werde es wohl nie sein.

Wie geht Ihr mit solchen sensiblen Themen gegenüber Eurem Kind um? Was erklärt Ihr und wie?

Eure Wiebke

 

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Wenn ein Kind beobachtet, wie ein Mann Drogen nimmt...

1 Comment

  1. Claudia
    Antworten
    31 Mai 2018 at 1:55 pm

    Ich erkläre meinen Kindern das direkt, offen und ehrlich. Altersgerecht aber realistisch und ehrlich.
    Was nützt mir meine Bullerbü-Vorstellung von jauchzend auf der Wiese tollenden Kindern, wenn ich sie dadurch im Endeffekt gefährde?
    Natürlich male ich nicht schwarz, ich relativiere und vereinfache, ich will nicht das die Kinder Angst haben, aber ich will das sie nicht ahnungslos in Gefahren hineintappen.
    Ich erkläre, wenn das Thema aufkommt.
    Und ja, es ist ätzend wenn so etwas in das Leben hineinplatzt. Es ist ätzend das wir unsere Kinder nicht davor beschützen konnen, jedenfalls nicht für immer.
    Hier war der bisher schlimmste Moment als ich den Kindern sagen musste das der Papa von K2s bester Freundin gestorben ist. K2 und seine Freundin waren da gerade mal 3.
    Diese Wahrheit, das auch Eltern manchmal einfach sterben, das sie dann nicht wiederkommen, niemals …das tat so weh.
    Aber was hätte ich tun sollen? Lügen?
    Nein, dann lieber direkt sein, ehrlich und alle Fragen beantworten, für sie da sein und mit ihnen aushalten und sie damit hoffentlich stark machen für das Leben.

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