„Mama, das ist anstrengend mit Dir, Papa und dem Baby!“

anstrengend mit Baby Geschwisterkind

Da steht sie in der Tür und spricht diesen Satz aus. Knallt ihn mit voller Wucht gegen mich und lässt mich taumeln. Wenn ich nicht schon sitzen würde, würde ich mich jetzt setzen.

Was mich so trifft? Sie hat recht. Es ist anstrengend, für mich. Doch ich hatte noch nie darüber nachgedacht, dass es auch für sie anstrengend sein würde. Dass es anders ist, das war mir klar. Dass sie mich nun teilen muss, darüber haben wir bereits geredet. Dass sie auch mal warten muss, damit ich mich um das Baby kümmern kann, habe ich ihr versucht zu erklären. Und nun sagt sie es sei anstrengend.

Was genau ist anstrengend?

Ich denke daran, wie Wirbelwind ihre kleine Schwester knuddeln und liebkosen möchte und von mir gestoppt wird. Wie ich Wirbelwind immer wieder darum bitte Wölkchen nicht ins Gesicht oder an die Hand zu küssen, da sie krank ist und nicht das Baby anstecken soll. Wie ich sie ermahne nicht zu fest auf ihren kleinen Körper zu drücken

Ich denke daran, wie wir nach dem Kindergarten mit dem Kinderwagen nach Hause laufen und ich Wirbelwind immer wieder bitte nicht so laut zu sein, damit Wölkchen nicht aufwacht.

Ich denke an gestern, an den Moment, wo wir gerade fünf Minuten auf dem Spielplatz waren und Wölkchen im Kinderwagen erwachte. Es war das erste Mal, dass ich auf Grund der Kälte nicht vor Ort stillen, sondern nach oben gehen wollte. Während Wölkchen schrie versuchte ich Wirbelwind zu erklären, dass wir jetzt leider hoch müssten, wir es uns aber oben schön gemütlich machen können. Sie protestierte, lenkte dann aber irgendwann sehr unglücklich ein.

Ich denke an heute morgen. Wirbelwind war von den Badgeräuschen des Papas wach geworden. Ich schlummerte noch mit Wölkchen im Bett. Als der Papa sich auf Arbeit machte, bat er Wirbelwind im Wohnzimmer zu warten, bis wir wach werden würden. Kaum schloss der Papa die Tür, heulte Wirbelwind los, weil sie ganz einsam im Halbdunkeln saß. Niemand war bei ihr. Und ich kuschelte mit Wölkchen. Ohne sie.

Das waren Beispiele der letzten zwei Tage. Für jeden weiteren Tag lassen sich Situationen ausmachen, in denen Wirbelwind sich unterordnen musste, in denen sie Dinge tun musste, die ihr vor der Geburt von Wölkchen nicht abverlangt wurden.

Was ihr dazu sagt

Ich postete das Zitat auf Twitter und erhielt viele Rückmeldungen.
Sahnelinchen antwortete beispielsweise:
Eigentlich brauchen „die Großen“ mit der Geburt des Geschwisters viel mehr Zuwendung als die Kleinen (im Verhältnis). Für sie ändert sich _alles_! Die Kleinen hingegen kennen es gar nicht anders. Je mehr ich unsere Große auch mal einfach wieder Baby sein lasse, desto harmonischer läuft alles.
Das bestätigte auch K. Rotten von 2Kindchaos:
War auch bei uns ne gute Option. Wurde auch von Monat zu Monat besser.
Und auch Kerstin von Chaoshoch2 schrieb:
Erwische mich auch manchmal, dass meine Babys plötzlich in meinem Kopf die Großen sind. Sie sind 2. Nicht groß.
Ja es stimmt. Manchmal vergesse ich, dass sie erst drei Jahre alt ist, verlange Dinge von ihr, die andere Dreijährige vielleicht noch nicht machen müssen. Und dann, manchmal, so wie jetzt, wird mir klar, wie klein und verwundbar dieses Wesen doch eigentlich ist.
Da bin ich rund um die Uhr für das Baby da, höre auf seine Bedürfnisse und ordne mich ihnen unter, und Wirbelwind schaut zu und steckt zurück. Klar, dass auch sie nicht nur Mama-Zeit einfordert, sondern auch so umsorgt werden möchte, wie das Baby, oder zumindest so wie früher. Das wird mir jetzt erst klar. Zuvor hatte ich ihr nur zu verstehen gegeben, dass es gerade eine schwierige Zeit ist, in der sie etwas zurückstecken muss. Aber es wird besser, wenn das Baby größer ist, und dann hat sie einen tollen Spielkameraden. Aber das ist wohl zu wenig für sie.

Und nun?

Nur gut, dass sie bereits in der Lage ist ihre Gefühle so klar zu äußern. Zumindest bewirkt sie damit, dass ich über die Situation neu nachdenke und ihre „Kooperationsbereitschaft“ nicht für selbstverständlich halte. Doch wie nun weiter? Woher weiß ich, was ich meinem Kind zumuten kann und was ich ihr noch abnehmen muss? Muss ich sie nun jeden Morgen anziehen und jeden Abend ausziehen, weil sie es möchte, obwohl sie es schon selber kann? Darf sie nun essen, was sie will? Bekommt sie nun die „Narrenfreiheit“? Ist das wirklich erstrebenswert? Wo soll ich die Grenze ziehen? Mir schwirrt der Kopf, ich bin wirklich überfragt.

Es gibt so tolle Bücher für Kinder, die sie auf ihr Geschwisterchen vorbereiten. Warum gibt es so etwas nicht für Erwachsene. Ein kleines, buntes, übersichtliches Büchlein, in dem geschrieben steht: mache dies und das, und ihr werdet eine glückliche Familie.

Beim googeln bin ich auf „Das Familienhaus“ von Jesper Juul gestoßen. Kennt Ihr das? Ich habe es mir gleich mal bestellt und hoffe auf Erleuchtung. Zwar muss ich ein paar mehr Seiten lesen, aber das Thema ist auch einfach zu komplex, als dass man es in auf ein paar bunten Seiten festhalten könnte. Leider.
Welche Erfahrungen habt Ihr gemacht? Wie behandelt Ihr das große Kind? Welche Freiheiten erfährt es? Was muss es zurückstecken können?

Eure Wiebke

Nachtrag: Auf der Seite des Das gewünscheste Wunschkind aller Zeiten gibt es einen passenden Artikel, der für Euch Leser sicherlich auch interessant sein könnte.

8 Comments

  1. 15 Oktober 2015 at 1:17 pm

    Da kommen mir fast die Tränen denn, das gleiche Frage ich mich auch gerade. Mein Sohn ist 2 und .. er kann sich noch garnicht so äußern wie z.B es ist anstrengend :(. Wenn ich das hier so lese, wird einem leider klar.. wie viel das größere Geschwisterchen "zurück" stecken muss. Aber wie soll man es anders machen. Ich weiß manchmal nicht, wie ich es anderst machen soll. Ich denke mir oft – mensch Simon, sei doch ein kleines bisschen ruhiger – bitte sei ruhig! Dabei ist er doch erst 2 und irgendwie auch noch ein Baby.
    Ich denke mir auch immer.. wie wird es sein, wenn er älter ist. Nimmt er mir das übel?
    hachje..
    Bevor unsere Emmi da war, hatte mein Simon wirklich Narrenfreiheit. Alles durfte er machen, bei Oma darf er das heute noch aber.. Zuhause geht das einfach nicht mehr. Wenn er dann da steht nachdem ich gesagt habe: NEIN! und beinahe weint dann muss ich echt schlucken aber.. was soll ich machen. Weiß mir da auch nicht zu helfen.

    Wenn das Buch gut ist, geb mir mal bescheid, dann werde ich mir das auch bestellen! 🙂
    Liebs Grüßle an dich
    Anna

    • 16 Oktober 2015 at 7:35 am

      Ich gebe Dir Bescheid 🙂 Aber bis dahin kann ich auf den Artikel verweisen, den ich unten im Beitrag noch ergänzt habe. Sehr hilfreich! LG

    • 16 Oktober 2015 at 12:09 pm

      Habe ihn gerade gelesen! super! hat mir sehr geholfen.. danke für die Verlinkung 🙂

  2. Anonym
    Antworten
    15 Oktober 2015 at 1:58 pm

    Vielleicht geht es hier weder um Narrenfreiheit noch um Grenzen ziehen sondern viel mehr um Zeit und Aufmerksamkeit schenken…?!

    Ich drück die Daumen und bin sicher, Ihr findet einen guten Weg!

    • 16 Oktober 2015 at 7:33 am

      Danke fürs Daumendrücken 😉
      Aufmerksamkeit schenken, das ist schon klar. Das bekommt sie auch. Es geht aber eben auch darum, welche Art von Aufmerksamkeit sie erhalten soll. Aber der Artikel vom gewünschesten Wunschkind, den ich noch im Post ergänzt habe, gibt mir schon viele Antworten.
      LG Wiebke

  3. 15 Oktober 2015 at 9:50 pm

    Ich finde das auch gut, dass sie es so klar ausdrücken kann. Drauf kann man reagieren. Alles andere wär doch viel schwieriger. Es wird tatsächlich mit der Zeit besser. Bei uns wars auf jeden Fall so.

    • 16 Oktober 2015 at 7:34 am

      Das ist gut zu hören! Irgendwie ist es doch traurig, wenn ein Kind seine Kindheit als anstrengend beschreibt, wo es doch die unbeschwerteste Zeit im Leben sein sollte!
      Viele Grüße, Wiebke

  4. 16 Oktober 2015 at 5:21 pm

    Wir haben ja bisher erst ein Kind. Aber da ich schon 8 Jahre alt war, als meine Schwester damals zur Welt kam, kann ich mich noch ganz gut daran erinnern, wie das war. Ich hab meinen Kummer da aber eher in mich rein gefressen, es ist schön wie dein Schatz das schon in dem Alter so deutlich kommuniziert! Vor allem mit einem kleinen Baby + Geschwisterkind ist es wohl ein täglicher Balanceakt. Vielleicht ist es ja schön mal Zeit nur mit dem älteren Kind zu verbringen während Papa oder vielleicht auch Oma mal aufpassen 🙂

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