Das Geheimnis einer entspannten Elternschaft?

Entspannte Elternschaft

Früher war alles irgendwie einfacher. Diesen Eindruck bekommt man von allen Ecken und Enden vermittelt. Die Kinder waren entweder pflegeleichter oder man konnte durch eine strenge Erziehung die Kinder besser in Schach halten. Was auch immer davon zutrifft, die Kinder von damals waren lieb und gefolgsam. Und die Eltern hatten deutlich weniger Stress als heute. Denn heute, ja da tanzen die jungen Hüpfer uns ordentlich auf der Nase herum.

Dem einen oder anderen mögen diese einleitenden Worte sicherlich bekannt vorkommen. Vielleicht weniger, weil derjenige sie selber denkt, sondern weil man sie bereits irgendwo einmal gehört hat, vielleicht, ja wahrscheinlich sogar, von den eigenen (Schwieger-)Eltern. So auch bei uns.

Wenn die Mutter zu Besuch ist

Meine Mutter war am Wochenende zu Besuch. In einem unbedachten Moment rutschten ihr diese Worte aus dem Mund:

„Ihr seid auch groß geworden, ohne dass wir viel darüber nachgedacht haben.“

Meine Mutter ist weder manipulativ noch kritisierend, was mich und meine Erziehung angeht. Überhaupt nicht. Daher maß ich dem Satz zunächst keine große Bedeutung bei. Doch je länger ich darüber nachdachte, desto mehr wunderte es mich doch, was da aus ihrem Munde kam. Nachdem ich den Satz auf Twitter postete, folgten ein paar Reaktionen, in denen sich darüber aufgeregt wurde, dass das Großwerden schon von alleine klappt, und eher das WIE entscheidend ist. Da gehe ich vollkommen mit. Das WIE hat meine Mutter sogar gleich im Nebensatz mitgeliefert. Sie hat die Kinder (also mich und meine Schwester) groß werden lassen, ohne viel darüber nachzudenken.

„Die macht es sich aber einfach“, mögen jetzt die einen denken. Wer nicht viel darüber grübelt, wie, wann, wo und ob er seine Kinder erziehen möchte, lebt doch deutlich unbeschwerter, oder? Ist das das Geheimnis einer entspannten Elternschaft? Einfach die Kinder machen lassen?

Wenig nachdenken = Kind glücklich?

Meine Mutter „hatte nicht viel darüber nachgedacht“ und kam damit sehr gut durch ihre Mutterschaft. Wir sind groß geworden. Wir sind erwachsen, haben Mann, Kinder und Jobs. Was will man mehr? Sie nahm es gelassen und hoffte darauf, dass sich alles fügen würde und irgendwie tat es das auch. Also ist der entspannte Weg der Richtige?

Vielleicht schauen wir einmal, was es mit dem Kind (moi) macht. Ich bin in meiner Kindheit viel herumgestromert, habe meine Erfahrungen gemacht und manchmal auch einstecken müssen. Ich habe gelernt, indem ich es selber erfahren habe. Denn meine Mutter ließ mich diese Selbsterfahrung machen. Ich bekam in der Schule wenig Druck, und war dennoch (meist) ganz gut. Sie machte uns keine Vorwürfe, wenn etwas nicht so klappte. Ich durfte Kind sein. Und dafür bin ich meiner Mutter dankbar.

Was mir an dieser Erziehungsweise nicht gefällt ist, dass ich meine Mutter wenig zu Gesicht bekam. Ich war oft auf mich alleine gestellt (zusammen mit meiner Schwester), auch in Zeiten, in denen ich einer Aufsichtsperson bedurft hätte. Manchmal hätte ich mir mehr gewünscht. Mehr Aufmerksamkeit, mehr Zuneigung, mehr Anteilnahme an meinem Leben, ja und mehr Lob und Kritik, um zu lernen damit umzugehen. Vielleicht ist das ein Punkt, den ein Laissez-faire Erziehungsstil, in welchen ich den meiner Mutter einsortieren würde, dem Kind nicht geben kann. Anderorts ist zu lesen, dass ein laissez-faire Erziehungsstil ein geringes Selbstwertgefühl herausbildet. Das ist nun nicht gerade erstrebenswert in der Erziehung, oder?

Warum sind wir heute so unentspannt?

Irgendwie habe ich schon den Eindruck, dass wir heute in vielen Dingen unentspannter sind, als früher. Wir kontrollieren unsere Kinder heute (gefühlt) viel stärker als vor ein paar Jahrzehnten. Aber warum? Meine subjektive Antwort lautet wie folgt:

1. Weil wir es können.

Zu meiner Kindheit war es üblich, dass Kinder nach der Schule beispielsweise alleine nach Hause gegangen sind und gerne auf dem Weg etwas die Zeit verloren. Nicht selten saßen dann die Eltern zu Hause und warteten ungeduldig auf ihre Kinder. „Ich habe mir solche Sorgen gemacht!“, waren dann die ersten Sätze, die man hörte, wenn man endlich das Elternhaus wieder betrat. Heute ist es anders. Eltern haben fast immer die Kontrolle. Kinder im schulfähigen Altern besitzen inzwischen fast alle ein Smartphone, mit dem sie die besorgten Eltern auf dem Laufenden halten können … und müssen.

Die technischen Möglichkeiten erlauben es uns, unseren Kindern hinterherzuspionieren. Angefangen im Babybauch mit den zahlreichen Ultraschalluntersuchungen, über das Babyfone im Kinderzimmer bis hin zu den Handys in der Schule. Technische Geräte sollen uns Sicherheit geben und rauben uns gleichzeitig unserer Instinkte und unseres Urvertrauens. Und wenn wir Eltern kein Vertrauen in unsere Kinder haben, wie können sie dann Vertrauen in uns und unsere Welt aufbauen? Können wir unser Kind einfach den Park langlaufen lassen, auch außer Sichtweite, ohne dass wir panisch hinterherrennen müssen? Können wir unsere Kinder in die Schule schicken, ohne stündlich ein Update ihrer Befindlichkeiten zu verlangen? Welches Signal setzen wir Kindern, wenn wir sie ständig kontrollieren?

2. Weil es erwartet wird.

Ja, auch das ist eine Antwort, die ich auf die Frage gebe, warum wir unsere Kinder so derart kontrollieren. Weil es erwartet wird. Die Erwartungen an die Elternschaft haben sich verändert. An Mütter und Väter werden andere Erwartungen gestellt, als es früher der Fall war. Mit unseren Babys sollten wir UNBEDINGT an Babykursen teilnehmen. Kinder werden in regelmäßigen Abständen von verschiedenen Kontrollinstanzen wie Kindergarten und Ärzten auf ihre gesellschaftliche Norm hin eingestuft. Eltern werden gefordert sich zu informieren und Entscheidungen zu treffen, die ihnen früher einfach abgenommen wurden. Die Vielfalt an Informationen und Meinungen im Internet macht einen die Entscheidung zudem nicht gerade einfacher. Und so hetzen Eltern von einem Termin zum anderen, treffen diese und jene Entscheidung und werden zur Verantwortung gezogen, weil sie sich so oder eben doch nicht so entschieden haben. Entspannt zurücklehnen Fehlanzeige. Ja, da war es früher entspannter. Aber dafür können die Eltern nun wirklich nichts. Oder doch?

3. Weil wir denken, dass es erwartet wird.

Mit dem letzten Punkt möchte ich einen kleinen Denkanstoß geben. Denn die in Punkt zwei genannten Dinge, diese Anforderungen, die wir von gesellschaftlichen Akteuren herangetragen bekommen, sind aus meiner Sicht zum Teil hausgemacht. Hierzu habe ich ein paar Fragen an Euch:

Wer stellt die Erwartungen an Euch? Wer ist diese „Gesellschaft“, die hier diesen Druck auszuüben scheint?

Sind es wirklich andere, die die Anforderungen an Euch stellen, oder seid ihr es vielleicht sogar selber? Setzt Ihr Euch selber unter Druck, weil Ihr denkt, dass das Verhalten von anderen erwartet wird? Sind unsere eigenen Ansprüche zu hoch, um entspannt die Elternschaft zu genießen?

Und was passiert, wenn man diese (vermeintlichen) Erwartungen nicht erfüllt? Was passiert, wenn man sich selbst den Druck herausnimmt und gestellte Erwartungen ignoriert? Lässt es sich so vielleicht auch ganz gut leben? Eventuell sogar besser?

Mit diesen Frage möchte ich den Beitrag schließen. Denn eine Antwort habe ich nicht, die könnt Ihr Euch nur selber geben. Jeder für sich. Ich kann nur mutmaßen, warum die eine oder andere Mutter bzw. der eine oder andere Vater heute so unentspannt ist. Vielleicht trifft es auf Euch auch gar nicht zu. Aber wenn es so ist, dann liegt es vielleicht in Eurer eigenen Hand, es zu ändern. Wenn Ihr wollt.

Eure Wiebke

4 Comments

  1. 28 Juni 2017 at 9:42 pm

    Es gehören immer zwei dazu: Jemand der Anforderungen stellt und jemand der sie dann letztlich annimmt – ob bewusst oder unbewusst. Klar, um sich von Ansprüchen frei zu machen gehören auch stabile Rahmenbedingungen dazu. Manchmal gibt es Situationen, da sind die Anforderungen erdrückend. Kenne konkrete Fälle aus meiner Arbeit bei der AWO. Wenn jemand zwei Jobs hat um seine Kinder durchzubringen, dann sind (gesellschaftliche) Erwartungen wie „Zeit für Familie“ oder „Gesundes Essen für Kinder“ Luxusprobleme.

    Ich werde eher meinen eigenen Ansprüchen oft nicht gerecht. Manchmal weil ich zu müde bin oder weil ich gerade absolut keine Lust habe zum hundertsten Mal ein Buch zu lesen. Aber auch das gehört dazu. Ohne all das gäbe es kein Wachstum von uns Eltern. Wir alle wachsen an unseren Aufgaben und dazu gehört das Verlassen der Komfortzone. No pain, no gain. Wichtig ist nur, dass wir Eltern das erkennen und – sofern es uns eben auf den Zeiger geht oder wir merken, dass es das Kind belastet – daran arbeiten.

    In sofern finde die Einstellung deiner Mutter sehr gesund und erstrebenswert für mich. Ich werde hoffentlich ruhig genug sein zu akzeptieren, wenn meine Tochter statt um 20 Uhr um 22 Uhr auftaucht. Dann wird sie einen Anpfiff kassieren, beleidigt ins Bett gehen. Und ich, ich werde mich hoffentlich zurückerinnern, dass auch ich früher einfach länger geblieben bin, weil ich Spaß hatte. Und daran, dass Spaß als Teenie ein verdammt guter Grund ist 2 Stunden länger zu bleiben. Ganz ohne einen Masterplan im Kopf. Ganz ohne die Aufgabe des Vertrauensverhältnisses zu meiner Tochter mit Mitteln der technischen Überwachung. Einfach, weil ich ihr Papa bin und auch mal Kind war. Das und eine gesunde Portion Selbstreflexion, das reicht mir vollkommen aus.

    Ich glaube all dieses Bedürfnis, dieses Streben nach der perfekten Erziehung und DEM Masterplan mit dem alle Probleme irgendwie gelöst werden können, entspringt schon der Annahme von unbeschreiblich vielen externen Anforderungen. Die Instagram-Generation schlägt da zu. Alles ´scheint so perfekt, chic, makellos und wunderbar. Rote Lippen, goldener Sand, türkisfarbenes Meer und davor glücklich spielende Kinder ohne einen Hauch von Sonnenbrand. Und wir nehmen das an, stellen uns vor, dass das erstrebenswert wäre. All diese Bilder, da kommen keine heulenden Babys vor. Keine Kleinkinder, die nur Erbsen liegen lassen und nach Pommes mit Ketchup schreien. Es gibt da auch keine überforderten Eltern, die nach einem Streit weinend im Bett liegen. Nur eben die gelbe, ja perfekte Sonne am wunderbaren Tropenstrand.

    Perfektion ist, meiner Meinung nach, der absolute Horror für Kinder und der Tod für jegliche Beziehung zu ihnen. Wenn Scheitern nie vorkommt wird es zum Tabu. Und das kann im Falle des eigenen Scheiterns dann bitterböse nach hinten losgehen. Ich wünsche jedem Elternteil Selbstvertrauen in eigene Fähigkeiten zu haben, wunderbar viele Fehler machen und sich damit stetig weiterentwickeln. Ein besseres Vorbild gibt es glaube ich nicht. Plus, es ist ehrlich und die Kinder sehen uns. Uns, mit all unseren Fehlern, Dämlichkeiten und Dummheiten. Aber auch uns, die Felsen in der Brandung, die zwar vielleicht auch nicht immer alles wissen oder richtig machen, aber da sind und über sich hinauswachsen.

    • 28 Juni 2017 at 10:13 pm

      Lieber Chris, das ist mal ein Kommentar 😉 Vielen Dank!!! Viele Dinge sehe ich wie Du. Schwierig finde ich es nur, „Perfektion“ zu definieren. Woran machen wir das fest? Ja sicher, das eine ist die „Instagram-Generation“, wie Du es nennst. Aber Perfektion kann auch gesehen werden in bestimmten Erziehungsbildern, die wir von anderen vorgelebt bekommen. Es ist also immer subjektiv, was als Ziel angestrebt wird. Für die einen ist etwas perfekt, wenn das Kind glücklich ist, egal, auf welchem Wege man dies erreichen möchte. Für die anderen ist es perfekt, wenn die Umwelt glücklich ist, egal, wie es im Kind aussieht. Natürlich wäre ersteres deutlich erstrebenswerter. Aber wir sind eben auch nur Menschen. Und dann ist es wichtig, wie Du sagst, dass man zu seinen Fehlern stehen und daraus lernen sollte. Und mehr auf sich selber hören, anstatt auf andere. LG Wiebke

  2. 30 Juni 2017 at 1:01 pm

    Liebe Wiebke,
    vielen Dank für den schönen Artikel, der zum Nachdenken anregt 😉.
    Wie so oft in der Elternschaft gilt es wahrscheinlich auch hier mal wieder den goldenen Mittelweg zu finden. Zu viel Nachdenken und Streben nach Perfektion macht unentspannt. Wenn man aber gar nicht darüber nachdenkt, besteht die Gefahr, dass man ungewollt in ungünstige Muster hineinfällt bzw. ungefragt Dinge aus dem Umfeld oder der eigenen Kindheit übernimmt…
    Liebe Grüße
    Anne

  3. 3 Juli 2017 at 2:43 pm

    Liebe Wiebke,
    ich hatte diesen Satz auf Twitter auch gelesen und erst mal sprach er mich an, weil ich genau das herauslas, was Du hier als Frage aufstellst: Erwarten wir zu viel und denken wir zu viel nach? Eine Antwort habe ich dazu spontan nicht. Aber mir gefällt Dein Beitrag sehr, der diesen Satz (und was dahinter steht) von so vielen Seiten beleuchtet und ich werde jetzt wohl noch ein bisschen genauer darüber nachdenken. Danke und viele Grüße, Svenja

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