Bin ich eine schlechte Mutter, weil ich mein Kind alleine einschlafen lasse?

Bin ich eine schlechte Mutter, weil ich mein Kind alleine einschlafen lassen?

Kinder sind nähebedürftig. Das liegt in ihrer Natur, denn sie sind auf uns Eltern angewiesen, um zu überleben. Damals vor tausendenden von Jahren genauso wie heute. Wenn es nach der Meinung der Kinder geht, dann würden sie daher die ganze Zeit bei uns bzw. in einem sicheren Umfeld um uns herum verbringen. Dass das nicht immer geht und von Eltern auch nicht immer gewollt ist, steht diesem gegenüber.

Meine Nähebereitschaft

Nun bin ich eine Person, die gerne auch ihre Freiräume sucht, die auch mal an sich denkt und nicht die ganze Zeit zu 100 Prozent für ihre Kinder da ist. Ja, ich sage tatsächlich auch mal zu meinen Kindern „dazu habe ich jetzt keine Zeit bzw. Lust“, wenn sie mich um etwas bitten. Ich schaue auf meine eigenen Bedürfnisse, weil ich davon überzeugt bin, dass es auch meiner Umgebung gut geht, wenn es mir gut geht. Und ich erfülle nicht jeden Pups-Wunsch meiner Kinder, weil ich ebenso davon überzeugt bin, dass sie auch lernen müssen (ups, da war es schon wieder, das böse Wort), dass sich nicht die ganze Welt um sie dreht. Ich gebe meinen Kindern Nähe, Geborgenheit und Sicherheit. Sie wissen, dass sie sich auf mich verlassen können. Aber sie wissen auch (und lernen hier täglich dazu), dass ich eine Person mit eigenen Bedürfnissen bin. Wenn ich den Kindern meine Bedürfnisse erkläre, können sie auch lernen ihre eigenen Bedürfnisse zu artikulieren. Dessen bin ich überzeugt.

Aber ich bin nicht der Typ dafür, der seine eigenen Bedürfnisse übergeht, um sich anderen vollends aufzuopfern. Und ich halte das für eine sehr gesunde Einstellung von mir. Meinen Kindern die 100 Prozent Nähe zu geben, die sie vielleicht gerne hätten, KANN ich nicht.

Lernen = Schlaflernprogramm?

Nun hat mein letzter Artikel, in dem ich schreibe, dass Wölkchen nun alleine einschläft, für Irritation auf Facebook gesorgt. Das hat sicherlich auch damit zu tun, dass ich die Meta-Überschrift etwas unglücklich gewählt habe. Denn hier benutze ich das Wort „lernen“. Kindern können lernen alleine einzuschlafen. Dass hier gleich der Bezug zu Schlaflernprogramen gesetzt wird, war nicht meine Absicht. Und ich bin davon überzeugt, dass ich von der Praktizierung von Schlaflernprogrammen weit entfernt bin. Dass der Metatitel diese Verbindung herstellt, dessen nehme ich mich an (Ich habe das, um weitere Missverständnisse zu vermeiden, geändert). Das habe ich tatsächlich nicht bedacht. Daher möchte ich an dieser Stelle nochmal richtig stellen:

  • Wir haben unser Kind nicht einem „Programm“ unterzogen.
  • Wir haben unser Kind nicht schreien lassen.
  • Wir haben immer darauf geachtet, dass unser Kind mit der Situation nicht überfordert ist.
  • Wenn sie es nicht zugelassen hätte, hätten wir es nicht durchgezogen.

Ich glaube, dass man auf diese Art und Weise Änderungen in Routinen bewirken kann, zum Wohle aller, ohne dabei fundamentale Bedürfnisse zu umgehen. Denn wenn Wölkchen nicht bereit dazu gewesen wäre, alleine einschlafen zu können, dann hätte sie es nicht zugelassen.

Ist man eine schlechte Mutter, wenn man sein Kind alleine einschlafen lässt?

Aber das Problem ist noch ein anderes. Ich halte viel von der bedürfnisorientierten Herangehensweise. Ich selbst kenne mich in den Konzepten etwas aus, finde die Grundeinstellung, immer die Bedürfnisse der Familienmitglieder im Blick zu haben, eine sichere Bindung aufzubauen und Vertrauen zu schaffen enorm wichtig. Selbstverständlich. Und ich denke, dass ich in vielen Punkten bedürfnisorientiert handle.

Nun ist es aber so, dass jeder Mensch andere Bedürfnisse hat, jedes Kind und jede Mutter, jeder Vater. Das bedeutet auch, dass jeder die Bedürfnisorientierung in der Umsetzung anders gewichtet. Und das bedeutet für mich auch, dass es kein Allerheilmittel für die perfekte „Erziehung“ gibt.

Wenn jetzt bedürfnisorientierte Erziehung, Beziehung oder wie auch immer man es nun nennt, gleich gesetzt wird mit Einschlafbegleitung bis zur völligen Selbstaufgabe, finde ich dieses Konzept zu gut Deutsch kacke. Denn es suggeriert, dass alle Eltern, die ihre Kinder nicht einschlafbegleiten, etwas falsch machen. Sie handeln nicht bedürfnisorientiert genug, sie sind nicht genug für ihre Kinder da. Denn welches Kind möchte schon alleine einschlafen (siehe Anfangstext)?

[Edit: Aber ich denke nicht, dass das Konzept der Bedürfnisorientierten Erziehung die völlige Selbstaufgabe meint.]

„Bedürfnisorientiert“ bedeutet für mich nicht, die Bedürfnisse der Kinder vor die der Eltern zu stellen, sondern dass alle Familienmitglieder gleichberechtigt sind. Wenn Bedürfnisse kollidieren, wie Wölkchens Bedürfnis nach Nähe (der sich als Wunsch nach stundenlangem Händchenhalten äußert) und mein Bedürfnis nach Selbstbestimmung, Sozialen Kontakten oder Befriedigung von Grundbedürfnissen (wie Schlafen), dann muss geschaut werden, welche Bedürfnisse in dieser Situation Vorrang haben bzw. ob diese auch anders erfüllt werden können. Vielleicht kann man das Händchenhalten austauschen gehen intensives Knuddeln und Buchlesen vor dem Schlafengehen?

Bedürfnisorientiert bedeutet für mich auch, dass Routinen solange gut sind, bis sich die Bedürfnisse ändern. Das heißt wenn Wölkchen krank wird beispielsweise, würde ich das Zubettgehritual nicht durchziehen, sondern mich den geänderten Bedürfnissen annehmen und sie in den Schlaf begleiten oder gleich mit ins Elternbett nehmen. Und wenn sie gesund ist, darf sie wieder in ihrem Bett schlafen 😉

Was sagt Ihr? Schließt sich das alleine einschlafen lassen mit einem bedürfnisorientierten Ansatz aus? Darf man als Eltern hier – unter Beachtung der genannten Punkte – versuchen, seine eigenen Interessen durchzusetzen und dem Kind das alleine Schlafen schmackhaft machen?

Eure Wiebke

5 Comments

  1. 11 Oktober 2017 at 3:15 pm

    Für mich klingt es so, als ob ihr einen guten Zeitpunkt getroffen habt, euer Einschlafritual zu verändern. Ich bin mir sicher, ihr hättet an Wölkchens Verhalten gemerkt, wenn das für sie nicht ok gewesen wäre. Sie ist ja nun auch schon in einem Alter, in dem sie sich sprachlich gut ausdrücken kann. Und wie du schon sagst, zu einem bedürfnisorientierten Zusammenleben gehört auch dazu, dass die Bedürfnisse der Eltern ihre Berücksichtigung finden. Die haben ja genauso ihre Berechtigung und dann gilt es eben zu schauen, wie man das umsetzen kann. Mich persönlich stört die Einschlafbegleitung aktuell noch nicht, weil ich diese Kuschelzeit gerne mag und es meistens auch relativ schnell klappt mit dem Einschlafen. Ich habe mir aber auch schon meine Gedanken gemacht, wann das wohl mal nicht mehr nötig sein wird. Euren Ansatz mit dem Rausgehen, um kurz was zu erledigen, werde ich mir auf jeden Fall merken.

    • 11 Oktober 2017 at 3:18 pm

      Meine Liebe, vielen Dank für Deinen Kommentar. Schön, dass bei Euch das Einschlafbegleiten so gut klappt. Für den weiteren Weg wünsche ich Euch alles Gute 😉 LG Wiebke

  2. 11 Oktober 2017 at 8:24 pm

    Liebe Wiebke,
    Ich habe beide Srtikel gelesen. Und Du machst das ganz toll. Wir sollen authentisch sein und keinen Dogmas folgen. Wenn Richtungen dogmatisch ausgelegt werden, sollen wir uns davon nicht verunsichern lassen. Ich bin Elterncoach, komme aus der Individualpsychologie und finde den bedürfnisorientierten Ansatz auch ganz toll und stimmig. Ich stelle auch fest, dass er von vielen Eltern jedoch dogmatisch umgesetzt wird. Das erachte ich sogar als ungesund. Bleib bei allen Bedürfnissen, so ist es ganz bestimmt im Ursprung gedacht. Herzliche Grüsse, Céline von Elternkind.ch

  3. Sonja
    Antworten
    12 Oktober 2017 at 8:20 am

    Hallo!

    Ich muss dir jetzt auch schreiben. Bin schon länger stille Leserin deines Blogs. Und ich muss dir ein Kompliment machen. Du schreibst authentisch und ehrlich. Das ist nicht immer und überall so. Eine „Schönrederei“ und „Ach lebe ich nicht ein perfektes Leben“ wird vorgespielt. Das finde ich lächerlich. Wir sind alle Menschen. Wir haben alle Bedürfnisse und sollten diese auch ernst nehmen.
    Bedürfnisorientiert sollte für alle gelten! Nicht nur für unsere Kinder. Wozu erziehen wir sie, wenn rund um die Uhr nur auf Ihre Bedürfnisse eingegangen wird?
    Du machst das schon richtig.
    Es ist doch eine Leistung alleine einzuschlafen. Toll!
    Wir sind leider noch nicht soweit. Meine Kleine ist bald 14 Monate alt. Sie schlief sogar schon eine Zeit alleine ein. Doch jetzt braucht sie wieder meine Nähe. Die gebe ich ihr natürlich. Aber gerade als Alleinerziehende von einer sehr aktiven und sensiblen Tochter ist es nicht immer leicht. Auch meine Energie Reserven sind irgendwann leer. Da vergisst man schnell auf seine Bedürfnisse. Doch jeden Tag nehme ich mir vor, wenigstens ein wenig auf mich zu achten. Ich wünsche euch alles Gute und freue mich auf neue Beiträge von dir. Lg Sonja

  4. Silke
    Antworten
    12 Oktober 2017 at 8:26 am

    Stimme Dir voll zu – wäre Wölkchen nicht bereit, würde sie weinen. Sie hat eine Chance, anders zu reagieren u sich nicht zu fügen (hier stimme ich Dani von Twitter nicht zu!) und dass Du bedürfnisorientiert mit Selbstaufgabe gleich setzt, finde ich auch nicht!

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