Einen Moment innehalten

Einen Moment innehalten

Ganz vorsichtig drücke ich die Klinke der Tür hinunter. Es ist dunkel. Nur die Lichterkette, die derzeit als Nachtlicht fungiert, erhellt den Raum. Sie scheint auf deinen zarten Körper. Leise schleiche ich zum Bettchen. Ich möchte dich nicht wecken. Noch nicht.

Dort liegst du. Die Decke weit über den Kopf gezogen. Die Füßchen schauen unten heraus. Ganz ruhig und still liegen die kleinen Füßchen dort. So ungewohnt, wo sie doch am Tage wie wild hin und her hüpfen, an mir hochklettern, der großen Schwester hinterher oder vornweg flitzen. Immer in Bewegung sind. Doch nicht jetzt. Gerade jetzt liegen sie einfach nur da. Erholen sich vom Tag zuvor. Schöpfen Kraft für die Aufgaben des neuen Tages.

Langsam komme ich näher. Ich kann dich atmen sehen. Und hören. Ganz gleichmäßig hebt und senkt sich die Decke. Wovon du wohl gerade träumst? Wie du auf einem Einhorn über den Regenbogen fliegst? Wie du dir als Prinzessin deine langen Haare flechtest? Wie du mit riesigen Bällen spielst? Oder doch lieber ganz viel Eis verdrückst? Gleich kann ich dich fragen. Gleich. Doch noch möchte ich dich etwas betrachten.

Sanft ziehe ich die Decke von deinem Gesicht. Du reckst dich, grummelst etwas und drehst dich zur Seite. Du weißt, dass ich neben deinem Bettchen knie. Du weißt, dass du gleich aufstehen muss. Aber noch nicht. Noch hältst du die Augen fest verschlossen. Ich beuge mich zu dir vor und rieche deinen unverwechselbaren Duft, der dich umgibt. Meine Nase berührt deine Wange. Ich gebe dir einen sanften Kuss und lege meinen Kopf auf deine Brust. Ich höre Dein kleines Herz klopfen, höre, wie es wacher wird.

Du stößt einen Seufzer aus, hebst Deinen Arm und umklammerst mich. Die erste Umarmung des Tages. Eine von Vielen. Ich verharre in meiner Position und genieße. Ach, ich genieße es so sehr. Die Zeit bleibt für einen Moment stehen. Ich denke an nichts. Nur ein wohlig warmes Gefühl macht sich in mir breit. Es ist wie eine Auszeit aus dem morgendlichen Alltagsstress, der mich die letzte halbe Stunde bereits eingeholt hat. Kurz durchatmen. Verschnaufen. Kraft tanken für den Tag.

Ich könnte noch ewig bei Dir bleiben. Doch es wird Zeit. Ich gebe Dir einen zweiten Kuss und flüstere Dir ins Ohr, dass Du noch etwas liegen bleiben darfst, ich aber nun gehen muss. Ich höre dich zustimmend seufzen. Langsam verlasse ich den Raum. Die Tür bleibt geöffnet. Noch einmal schaue ich zurück, ehe ich mir die Jacke überstreife. Schon ein paar Minuten später wirst Du verschlafen durch diese Tür hindurchstapfen. Bereit für die Welt.

 

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