Kindliche Entscheidungen in der Autonomiephase

Entscheidungen treffen - Was Kinder wollen

Immer wieder lese und höre ich, dass Kinder, gerade in der Autonomiephase (also im Alter von ca. 2-3 Jahren) besonders viel Wert darauf legen, Dinge selber zu tun. Autonomiephase heißt sie deshalb, weil die Kinder in dieser Zeit lernen, dass sie ein eigenständiges Wesen mit eigenen Bedürfnissen und Wünschen sind. Und das wird den Eltern auch eindrucksvoll gezeigt. „Selber machen!“ ist hier scheinbar der Ausdruck, der am Häufigsten fällt. Die Kinder wollen ihre neu gewonnene Autonomie zelebrieren. Immer wieder stoßen Eltern an ihre Grenzen, wenn die Kinder scheinbar trotzig ihren Weg gehen wollen. Denn manchmal sind die Wünsche schwer zu verstehen, ja unterscheiden sich sogar von Tag zu Tag, Minute zu Minute. Und dann steht man als Eltern da und fragt sich, WARUM sie jetzt etwas wollen, was sie gerade nicht wollten, oder umgekehrt.

Auch bei uns gab und gibt es diese Situationen. Eine entscheidende Sache hat sich allerdings dabei herausgestellt, und das möchte ich Euch gleich erläutern. Denn vielleicht hilft es auch Euch, die scheinbar verwirrenden und sich widersprechenden Wünsche (und daraus resultierende Wutanfälle) Eurer Kinder zu verstehen.

Situationen aus dem Alltag

Schauen wir uns eingangs aber ein paar Situationen aus unserem Alltag an.

1. Ich bin im Badezimmer und rufe zum Wölkchen im Wohnzimmer herüber, dass sie bitte Zähneputzen kommen soll. Sie hat gerade nichts zu tun, ist also nicht in ein Spiel vertieft. Dennoch ruft sie „glahaaaich!“.

2. Ist sie dann im Badezimmer, gibt es großes Geheule, wenn die Zahnpasta bereits auf der Bürste ist. Seltsamerweise ist es allerdings in Ordnung, wenn man Wölkchen vorher fragt, ob man ihr die Zahnpasta auf die Zahnbürste machen darf. Dann sagt sie in den meisten Fällen „ja“.

3. Wirbelwind (drei Jahre alt) steht unschlüssig vor dem Kleiderschrank. Ich habe ihr Anziehsachen herausgelegt, die sie jedoch nicht anziehen möchte. Als sie später immer noch im Schlafanzug durch die Wohnung flitzt, wähle ich zwei Outfits und präsentiere sie ihr. Sie soll sich für eines davon entscheiden. Sie wählt das Outfit, dass sie eingangs nicht anziehen wollte.

4. Wirbelwind (damals zwei Jahre alt) steht in der Tür. Wir wollen raus gehen und sie soll sich die Schuhe anziehen. Ich möchte ihr helfen, aber sie lehnt weinend ab. „Selber machen!“, ruft sie und fummelt an ihren Schuhen herum. Und fummelt. Und fummelt. Irgendwann frage ich sie: „Wollen wir es zusammen machen?“ Sie nickt und lässt sich von mir die Schuhe anziehen.

So könnte ich unzählige Alltagssituationen aufzählen. Was diese alle gemeinsam haben? Zunächst einmal sind die Kinder in den Beispielen alle in der Autonomiephase. Jedoch spielt aus meiner Sicht das Alter gar keine so große Rolle. In der Autonomiephase sind diese „Diskrepanzen“ nur besonders deutlich zu spüren.

Was haben sie noch gemeinsam? Die Kinder blockieren unsere Vorschläge ab, um sie später dann doch irgendwie anzunehmen. Es scheint, dass die Kinder in den Situationen gar nicht so genau zu wissen scheinen, was sie eigentlich wollen. Es ist paradox, weil in der einen Situation sie genau das Gegenteil von dem zu wollen scheinen, was sie plötzlich in der anderen Situation fordern. Woran könnte das liegen?

Der Wunsch der Kinder, alles selber zu machen, was sonst gerne als Grund für die scheinbare Störrigkeit genannt wird, bietet keine ausreichende Erklärung.

Kinder wollen Entscheidungen treffen.

Meine Antwort lautet: die Kindern wollen in den meisten Fällen gar nicht den Inhalt (also die Handlung selber) bestimmen, sondern sie wollen in den Entscheidunsprozess einbezogen werden. Denn den Kindern geht es in den wenigsten Fällen darum, dass sie UNBEDINGT genau diese Schuhe selbstständig anziehen müssen. Und ihnen geht es auch nicht darum, dass sie UNBEDINGT die Zahnpasta alleine auf die Zahnbürste machen wollen. Nein ihnen geht es darum, dass sie einbezogen werden. Kinder wollen Entscheidungen treffen. Und dabei ist es manchmal egal, was als Ergebnis herauskommt. Sie wollen dieses Ergebnis nur selbst bestimmt haben.

Schauen wir zur Veranschaulichung auf unsere eingangs beschriebenen Situationen zurück.

1. Wölkchen hört mich aus dem Badezimmer rufen, dass sie Zähneputzen kommen soll. Es ist eine Aufforderung, ohne Entscheidungsmöglichkeit, denn Zähne müssen geputzt werden. Das einzige, was Wölkchen noch beeinflussen kann, ist der Zeitpunkt der Durchführung. Also zögert sie das Zähneputzen so weit hinaus, bis sie behaupten kann diese Entscheidung selber getroffen zu haben. Das „Gleich“, das dann zu mir ins Badezimmer dringt, ist also ein Versuch aus der scheinbar determinierten Situation eine Gestaltungsoption zu generieren. Ein paar Sekunden später erscheint sie – selbstbestimmt – in der Badezimmertür und ist bereit die Zähne zu putzen.

2. Ist nun die Zahnpasta bereits auf der Bürste, konnte Wölkchen auch hier keine Entscheidung treffen. Sie wurde vor vollendete Tatsachen gestellt. Grundsätzlich hat sie also gar nichts dagegen, dass jemand die Zahnpasta auf ihre Bürste macht, sie möchte einfach vorher gefragt werden. „Darf ich Dir die Zahnpasta drauf machen?“ Ein einfacher Satz mit viel Wirkung.

3. Wirbelwind ist unschlüssig, was sie anziehen soll. Meinen Vorschlag lehnt sie ab, weil sie diesen nicht mitentschieden hat. Sie möchte selber bestimmen, was sie anzieht, ganz egal, ob das, was ich ihr herausgesucht habe, eigentlich gefällt. Als ich ihr später die Wahlmöglichkeit lasse, sich für eines der zwei Outfits zu entscheiden, ist sie zufrieden. Sie hat selbst entschieden, was sie anzieht. Und da ist es auch egal, dass es genau das Outfit ist, das ich ihr zuvor vorgeschlagen habe.

4. Wirbelwind bekommt die Schuhe nicht alleine an. Als ich ihr vorschlage zu helfen, lehnt sie ab. Denn meine Hilfe empfindet sie als übergriffig. Sie kann nicht selber entscheiden, ob sie meine Hilfe annimmt oder nicht. Sie ist einfach da. Folge ist großes Geschrei. Als ich sie später jedoch frage, ob wir es zusammen machen wollen, ist sie plötzlich bereit dazu. Denn nun hat sie, auf Grund meiner Frage, die Möglichkeit meine Hilfe abzulehnen oder anzunehmen.

Wir halten also fest

Wenn wir Kinder fragen, was sie wollen (und wenn es nur zwei banale Alternativen sind), dann haben Kinder die Möglichkeit eine Entscheidung selbstbestimmt zu treffen und sind zufrieden. Das Ergebnis ist zweitrangig. Wenn Kinder „gleich“ rufen und nicht sofort kommen, kann es daran liegen, dass sie den Zeitpunkt der Aktion selber bestimmen wollen. Geben wir Ihnen also diesen Freiraum, dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass sie kurze Zeit später das machen, was wir von ihnen wollen.

Und wenn ich mir das so recht überlege, geht es uns als Erwachsene doch ganz ähnlich. Auch wir wollen über uns selber entscheiden und nicht Zwängen unterworfen sein. Auch wir wollen nicht, dass uns jemand beispielsweise etwas wegnimmt, sind jedoch gerne bereit zu teilen, wenn wir vorher gefragt werden. Eigentlich ist das gar nicht so viel anders. Wir müssen nur verstehen, dass unsere Kinder uns Erwachsenen eigentlich gar nicht so unähnlich sind. 😉

Zumindest sind das meine Erfahrungen. Was konntet Ihr beobachten?

Eure Wiebke

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