Bindung und Neurodermitis – meine Rolle als Mutter

Bindung und Neurodermitis

Wie Ihr ja vielleicht schon wisst, hat Wirbelwind Neurodermitis. Auf der Suche nach Heilung haben wir bereits sehr unterschiedliche Dinge ausprobiert. Wir haben Wirbelwinds Ernährung umgestellt und auf Milcheiweiß verzichtet, später auf Gluten und Laktose. Doch da sich keine Besserung zeigte, brachen wir das Ernährungsexperiment nach einigen Monaten wieder ab. Wir haben Allergietests durchgeführt, die jedoch keinen Hinweis auf eine Allergie zeigten. Und immer wieder versuchten wir verschiedene Cremes aus, die doch endlich mal helfen müssen, bei Wirbelwinds empfindlicher Haut. Diese Gedankengänge begleiteten mich die letzten Jahre, immer auf der Suche nach externen Ursachen für die Hautprobleme meines Wirbelwindes. Nur eines haben wir bislang noch nicht gemacht: statt auf die anderen auf uns zu schauen.

Neurodermitis als Zeichen einer traumatischen Erfahrung

Wie ich in einem früheren Beitrag bereits bemerkte, stieß ich letztens in einem anderen Zusammenhang auf ein Youtube-Video, das mich nachdenklich machte. In dem Video spricht Professor Ruppert über den Zusammenhang von Bindung, Stressempfinden und traumatischen Erlebnissen. Einen kurzen Abriss des Videos werde ich hier wiedergeben. Wer sich weiter dafür interessiert, kann gerne auf den Link klicken.

Zunächst möchte ich die Definition von Trauma nach Prof. Dr. Ruppert anbringen: Ein Trauma entsteht, wenn in einer lebensbedrohlichen Situation alle Stressprogramme versagen, ja sogar die Lebensgefahr erhöhen. In deren Folge wird eine Traumanotfallreaktion entwickelt, um der bedrohlichen Situation zu entkommen. Körper und Psyche werden getrennt.

“In Vielem, was uns im Körper schmerzt, steckt eine Lebenserfahrung dahinter, ein Trauma.”

Unser Körper zeigt uns, was unsere Psyche vielleicht die ganze Zeit verdrängt. Unser Körper macht uns darauf aufmerksam, dass tief im Inneren etwas nicht stimmt, was wir vielleicht selbst nicht mehr fähig sind zu begreifen. Welche Arten von Schmerz das sein könnten, das sagt Prof. Ruppert nicht. In mir begann mit diesen Worten jedoch ein Gedankenkarusell, das mich fragen ließ, ob auch die Neurodermitis genau das ist: eine Reaktion des Körpers auf ein traumatisches Erlebnis.

Mögliche Ursachen für Wirbelwinds Neurodermitis

Wie kommt es, dass Wirbelwind Neurodermitis entwickelt hat, ihre kleinere Schwester Wölkchen jedoch nicht? Wenn ich mir Wölkchen anschaue, dann sehe ich ein Kind, das sehr ähnliche Haut wie Wirbelwind hat. Etwas trocken, hell und empfindlich. Auch sie hatte typische Neurodermitis-Flecken an Armbeugen und Kniekehlen entwickelt, als wir in der Eingewöhnungsphase im Kindergarten steckten. Aber sie gingen irgendwann wieder weg. Sie zeigten sich also kurzzeitig in einer Zeit, in der die Bindung zu mir kurz ins Wanken geriet, in der sie erstmals von mir getrennt wurde, in der Wölkchen großem Stress ausgesetzt war. Doch sie hatte sich aufgerappelt, gefangen und wieder ein stabiles Hautbild entwickelt. Kein einziger roter Fleck ist nun bei ihr zu sehen. Was ist anders, als bei ihrer großen Schwester? Was könnte Wirbelwind als “lebensbedrohlich” ansehen, dass daraus in gewissem Sinne eine traumatische Erfahrung geworden ist, die über die Haut “verarbeitet” wird?

Drei (sicherlich nicht erschöpfende) mögliche Antworten habe ich gefunden, die in mir als Mutter liegen.

1. Mangelnde mütterliche Bindung

Prof. Dr. Ruppert sagt in dem Video, dass die Entwicklung des Kindes und seiner Psyche im Spiegel der mütterlichen Psyche erfolgt. Durch die mütterliche Bindung werden elementare Muster dahingehend geprägt, wie es auf seine Umwelt reagiert. Inwieweit ein Kind Geborgenheit, Wärme, Liebe, Schutz und Halt erhält, prägt demnach maßgeblich, wie Kinder später beispielsweise in Stresssituationen reagieren.

Wenn nun Neurodermitis gerade in Stresssituationen an die Oberfläche kommt, ist die Frage, ob und warum Neurodermitis-Betroffene sich viel schneller in Stresssituationen sehen. Empfinden sie Stress anders, weil sie vielleicht eine schlechtere mütterliche Bindung aufweisen?

Wie ist das mit meinen Kindern? Wie würde ich die Bindung zu meinen Kindern einordnen? Wirbelwind wurde fast ausschließlich im Kinderwagen ausgeführt, Wölkchen fast nur im Tragetuch. Wirbelwind schlief bereits früh in ihrem eigenen Bett, Wölkchen hingegen forderte lange die Nähe auch nachts. Wirbelwind stand schon früh auf eigenen Beinen, lief mit zwei Jahren die Strecke zum Kindergarten beispielsweise alleine. Wölkchen würde am liebsten auch heute noch den ganzen Tag von uns getragen werden. Wenn Wirbelwind “kuscheln” möchte, dann ist das ein kurzes Drücken, dass dann in ein Kitzeln oder Rangeln ausartet. Wenn Wölkchen kuscheln möchte, dann ist das eine intensive Umarmung, ein Küssen und Knuddeln.

Wölkchen sucht deutlich mehr körperlichen Kontakt zu uns, was zwangsläufig die Bindung festigt. Wirbelwind hingegen sucht eher die ungeteilte Aufmerksamkeit, die ich ihr mit dem fordernden Wölkchen einfach viel zu selten geben kann. Wie soll da eine stabile Bindung entstehen? Ja, ich behaupte hier an dieser Stelle, dass Wölkchen eine deutlich sichere Bindung zu mir hat, als Wirbelwind. Und ich sehe, dass sie sich in ihrer Haut im wahrsten Sinne des Wortes deutlich wohler fühlt als Wirbelwind. Meine Annahme ist daher, dass eine mangelnde Bindung das Kind hilfloser macht. Bindung ist DAS Mittel für kleine Kinder, um das Überleben zu sichern. Eine unsichere Bindung wird daher von Kindern, auch in unseren modernen Zeiten, als etwas Lebensbedrohliches wahrgenommen.

Was hat das zur Folge? Das Kind ist viel stärker immer wieder auf der Suche nach einer Bestätigung der Zuneigung, die es durch die geringere Bindung von selbst nicht spürt. Die damit einhergehende Unsicherheit kann dazu führen, dass Alltagssituationen viel schneller als Stresssituationen wahrgenommen werden und sich dieser wiederum im Hautbild zeigt.

2. Mangelnde Aufmerksamkeit

Ich habe es im vorherigen Abschnitt bereits angedeutet. Immer wieder musste Wirbelwind die letzten drei Jahre zurückstecken. Immer wieder baten wir sie, bitte Verständnis zu haben, dass die kleinere Schwester den Vorrang hat. Und immer wieder und wieder schauten wir auf unser Wölkchen, viel zu selten auf unseren Wirbelwind.

Ist die körperliche Reaktion von Wirbelwind, eben die Neurodermitis, ein Hilfeschrei des Körpers, mich auf die fehlende Aufmerksamkeit hinzuweisen? Ist die Neurodermitis DAS Kommunikationsmittel zu mir, weil ich auf ihre anderen Signale nicht höre und sie noch nicht fähig ist, es mir mit Worten zu erklären? Es ist, als ob sie ruft:

Mama, schau mich an!

Genau genommen, zeigt mir Wirbelwind die ganze Zeit bereits , dass sie mehr gesehen werden möchte, ich schaue nur viel zu selten hin:

  • Da gibt es zum Beispiel die Momente, wenn ich mit dem verschmusten Wölkchen kuschele und Wirbelwind, die sich eigentlich gar nichts aus Kuscheln macht, plötzlich mitkuscheln möchte.
  • Und es gibt Momente, an denen sie wild durch den Raum turn, springt und tanzt. Immer auf der Suche nach meinen Blicken. Ihr Körper ist immer in Bewegung, denn wer sich bewegt, wird gesehen.

Es muss so ein unglaublicher Kraftakt sein, immer in Bewegung zu sein, immer den inneren Wunsch zu besitzen, mehr gesehen zu werden. Und alles, was man erhält ist ein kurzes Lächeln, bevor der Blick wieder auf Wölkchen fällt. Zusammen mit der geringen Bindung, die das Kind schneller in Stresssituationen bringt, führt mein Missachten der Rufe nach Aufmerksamkeit ein gewisses traumatisches Erlebnis mit sich: denn ich reagiere nicht auf ihre Stressbewältigungsstrategien. Ich gebe ihr nicht die Aufmerksamkeit, die sie so vehement einfordert. Und was macht man, wenn man mit Worten, Mimiken und Gestiken nicht weiter kommt? Der Körper findet seinen Weg, seinen Schmerz nach Außen darzustellen.

3. Grenzüberschreitungen

Während ich diesen Beitrag verfasste, stieß ich auf einen weiteren sehr interessanten Artikel der Heilpraktikerin Andrea Hofmann. Darin wird erläutert, dass Neurodermitis häufig bei den Menschen vorzufinden ist, die sich in der Gesellschaft zurücknehmen, auf die Erfüllung ihrer eigenen Bedürfnisse zu Gunsten von anderen Bedürfnissen verzichten, ja sich sogar die Bedürfnisse anderer zu Eigen machen. Und auch da finde ich Wirbelwind wieder.

  • Ich denke an den Moment, in der Wirbelwind ihrer heulenden Schwester ein Spielzeug überlässt und in der nächsten Sekunde selber traurig ist, dass sie das Spielzeug nun nicht mehr hat.
  • Ich erinnere mich, wie Wirbelwind, wenn wir sie um etwas bitten, zwar kurz “menno” ruft, es dann aber macht.
  • Und da sind die Situationen, in denen sie auf Dinge, die sie nachweislich nicht gerne macht, mit überschwänglicher Euphorie antwortet. “Yeaah, Brot essen!” “Jippie, Haare waschen!”

Immer wieder finden sich Situationen, in denen Wirbelwind ihre eigenen Bedürfnisse hinter die von anderen stellt. Und genau genommen ist das nicht verwunderlich, wenn wir sie immer wieder beten, sich zurückzunehmen, gerade in Bezug auf ihre kleine Schwester. “Ich bin ja schon groß”, sagt sie dann manchmal und versucht Stolz auszustrahlen. Und wir loben sie dann dafür, dass sie sich so schön unterordnet. Und genau damit überschreiten wir eine Grenze. Wir missachten Wirbelwinds Bedürfnisse zu Gunsten ihrer Schwester. Immer und immer wieder. Die Folge ist eine Entfremdung zur Situation. Wirbelwind steht nicht zu ihren eigenen Bedürfnissen, sondern orientiert sich an fremden Werten und Wünschen. Die Grenzüberschreitungen unsererseits gegenüber Wirbelwind führen zu Verletzungen in ihrer Person.

“Die Haut, ihr ureigenster Schutz wird durch das kontinuierliche Missachten, Übertreten und Niedertreten der Grenze immer wieder verletzt”, heißt es bei Andrea Hofmann.

Indem wir ihre Bedürfnisse missachten, verletzten wir nicht nur sie als Person, sondern auch ihr Schutzschild, ihre Haut. Neurodermitis wäre in dieser Annahme die Folge von Grenzüberschreitungen und unterdrückten Bedürfnissen.

Die Mutter hat also die volle Verantwortung?

Genau das habe ich sofort gedacht und es lähmte mich. Auch wenn es bestimmte genetische Veranlagungen der Haut gibt, bin ich als Mutter also scheinbar diejenige, die mit einer schlechten Bindung, einer zu geringen Aufmerksamkeitsgabe und grenzüberschreitender Erziehung diese ungeliebten Schübe verursachen kann? ICH bin die Ursache für die Neurodermitis meines Kindes?!

Das ist hart. Wenn es tatsächlich stimmt, ist das wirklich ein krasser Gedanke. Da ist die Zuschreibung zu irgendwelchen externen Quellen, wie das Kindergartenessen oder die falsche Creme so viel einfacher. Wenn andere Schuld sind, muss man das eigene Handeln nicht hinterfragen, sich nicht die Schuld geben, nicht die Last der Verantwortung tragen.

Andererseits gibt es mir eine Chance, nämlich die Chance etwas zu verändern. Auch wenn es sich nicht darin äußert, dass die Neurodermitis plötzlich verschwindet, so kann es doch nicht schaden, Wirbelwind endlich die Aufmerksamkeit zu geben, die sie die ganze Zeit so vehement, und doch von mir verkannt, einfordert. Und irgendwann, wenn sie sich innen drin stabil und sicher fühlt, dann zeigt sich das vielleicht auch nach Außen. Vielleicht.

Wie geht es nun weiter?

Wie soll es weiter gehen? Ich werde nun auf mich schauen. Was kann ich an meinem Verhalten ändern? Inwieweit kann ich das Band zu Wirbelwind stärken, ihr mehr Aufmerksamkeit schenken?

Ich werde mit offeneren Augen durch den Alltag mit meinen Kindern laufen. Ich werden in Momenten, in denen ich unbewusst Wölkchen den Vorzug gelassen habe, überdenken und auch Wirbelwind einbeziehen. Ich werde sie knuddeln und küssen, wenn sie es möchte, auch wenn ich weiß, dass sie das gerade nur deshalb fordert, weil auch Wirbelwind gerade einen Kuss bekommen hat. Ich werde mit ihr reden, darüber dass ich sie über alles liebe, dass sie genauso wichtig ist, wie ihre Schwester. Und ich werde mir Freizeiten mit ihr freischaufeln, in denen nur wir beide etwas unternehmen, um ihr mehr ungeteilte Aufmerksamkeit zu schenken. Schließlich werde ich sie versuchen darin zu stärken mehr auf ihre eigenen Bedürfnisse zu hören, sich selbst besser wahrzunehmen.

Und ich werde versuchen das Thema der Haut weniger stark in den Vordergrund zu stellen und meine Ängste und Bedenken nicht zu zeigen. Denn auch das löst bei meinem Wirbelwind Stress aus, was zu einer unaufhörlichen Abwärtsspirale führen kann. Denn je schlechter die Haut, desto verzweifelter werde ich. Was das Kind aber sehen möchte ist Zuversicht, Sicherheit, eine Mutter, die genau weiß, was sie tut. Nun denn.

Das ist alles, was ich tun kann. Ob ich es schaffe, ist eine andere Frage, denn auch ich kann nicht einfach über meinen Schatten springen, Gewohnheiten sind fest verankert und schwer zu ändern. Aber ich werde es versuchen, Tag für Tag. Ob sich diese Veränderungen auch im Hautbild zeigen, wage ich aktuell zu bezweifeln. Dafür ist der Zusammenhang wohl zu komplex und Wirbelwind vielleicht schon zu alt, um die Bindung so stark werden zu lassen, wie sie bei ihrer kleineren Schwester ist. Aber ich bin bereit mein Bestes zu geben.

Habt Ihr noch andere Ideen, wie ich Wirbelwinds Bindung zu mir stärken kann?

Eure Wiebke

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Bindung und Neurodermitis - die Relevanz mütterlicher Bindung

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