Ade, Du schöne Kindergartenzeit

Ade, du schöne Kindergartenzeit

Da sitze ich, in diesem kleinen, winzigen Räumchen und heule vor mich hin. Auf dem Handy ertönt das Lied „Ade, Du schöne Kindergartenzeit“. Das vorgespielte Lied sollen wir Eltern mit unseren Vorschulkindern üben, damit sie es als Überraschung zum Abschied ihren Erzieherinnen vorsingen können. Beim Gedanken daran, wie die Erzieherinnen darauf reagieren werden, erscheint pünktlich der erste Kloß im Hals.

Es sind zwei so tolle Erzieherinnen. Beide für sich sehr verschieden, aber beide sehr herzlich. Sie haben ihr Bestes gegeben, die letzten viereinhalb Jahre. So lange begleiten sie bereits mein Kind und sind irgendwie ein Teil ihres Lebens geworden. Der Teil, der nun mehr oder weniger radikal einfach wegrationalisiert wird. Erst aus dem Leben und dann – vielleicht – Stück für Stück aus der Erinnerung. Bis nur noch solche Fetzen übrig bleiben, wie ich sie an meine Kindergartenzeit besitze.

Wieder läuft eine Träne über meine Wange. Das Lied neigt sich dem Ende.

Ich bin nicht allein

12 Augenpaare sind auf mich gerichtet.

Ja ich bin nicht allein in diesem winzigen Raum. Ich teile mir das Schicksal mit 12 weiteren Eltern, die um mich herum versammelt am schmalen Tisch sitzen und ebenfalls diesem Lied lauschen. Wir bereiten die Abschlussfeier des Kindergartens vor. Sie weinen nicht. Stattdessen schauen sie mich an und wundern sich angesichts meiner Emotionalität. Ich lache in die Runde, während ich mir die Tränen wegwische und seufze: „Das ist doch furchtbar, dieses Lied“. Ich finde es schön, aber es ist einfach so ehrlich und direkt, dass es schon wieder heftig ist. Wie soll ich das zum Abschied mit den Kindern singen? Ich werde keinen Ton herausbekommen. Das weiß ich jetzt schon.

Das Singen, das Basteln,
das Spielen und Erzählen,
der Morgenkreis, der wird uns fehlen.

Das gemeinsame Frühstück,
das mochten alle sehr,
das war wunderschön,
das gibts nicht mehr.

Ade, du schöne Kindergartenzeit
wir werden nun gehen,
denn wir müssen weiterzieh`n.
Ade, du schöne Kindergartenzeit
wir sagen jetzt auf Wiedersehen.

Noch eine Träne läuft über meine Wange. Dann habe ich mich wieder gefasst.

Warum diese Sentimentalität?

Warum bin ich so sentimental? Eigentlich freue ich mich darüber, dass Wirbelwind bereits so groß und reif ist, um in die Schule zu gehen. Wie habe ich jeden Entwicklungsschritt gefeiert. Den Abschluss der Babyzeit, die zunehmende Selbstständigkeit, das ist das, was ich immer herbeigesehnt habe. Und nun bekomme ich immer wieder ein mulmiges Gefühl, wenn ich an die Einschulung denke. In einem früheren Beitrag schrieb ich bereits darüber.

Der Gedanke mein Kind in die Schule zu schicken, flößt mir Respekt ein. Vieles wird sich ändern. Und tausende von Fragen machen sich in mir breit: Wird sie die Freundschaften zu ihren liebsten Kindergartenfreunden aufrecht erhalten können? Wird sie neue Freunde finden? Wie wird die Klasse sein? Wie wird sie sich in die Klasse einfinden? Wie wird der Klassenlehrer bzw. die Lehrerin? Wie wird sie mit der Umstellung klar kommen? Wir sie gut mitkommen? Wie werden wir ein Kindergarten- und ein Schulkind unter einen Hut bekommen? Wie werden wir die Fahrerei meistern, wenn die Kinder in zwei verschiedenen Einrichtungen sind?

Die Liste der Fragen könnte wahrscheinlich so unendlich weiter fortgeführt werden. Nur jetzt beim Aufschreiben habe ich das Gefühl, dass es das gar nicht ist. Ja, diese Fragen schwirren mir durch den Kopf und beschäftigen mich. Aber das Emotionale, das ich mit der Einschulung verbinde, ist wohl etwas anders.

Denn nicht nur die Rahmenbedingungen werden sich ändern, sondern auch mein Kind selbst. So viele haben bereits berichtet, dass die Kinder schon nach kurzer Zeit enorme Sprünge gemacht haben, vielleicht auch weniger „Kind“ sind. Sie verlieren ihre Naivität. Ich habe keine Kontrolle mehr darüber, was ich von meinem Kind fern halte, und was es mitbekommt. Das unterlag zwar im Kindergarten auch nicht meinem Einfluss. Doch dieser flauschige Wattebausch, der dort irgendwie noch um die Kinder gelegt wird, wird verschwinden. Wirbelwind wird die Ecken und Kanten der Welt kennen lernen, mit all ihrer Schönheit, aber auch all ihrem Schmerz. Sie wird Dinge verstehen und begreifen, vor denen ich sie am Liebsten ihr gesamtes Leben beschützen möchte. Sie wird Fragen stellen, deren Antworten mir schwer fallen werden auszusprechen. Schule ist für mich ein riesiger Schritt in Richtung Realität, raus aus der rosaroten Wolke, in die ich mich selbst so gerne manchmal verkriechen würde.

Ja, ich freue mich darauf, dass mein Kind in die Schule kommt. Aber ich habe auch einen Heidenrespekt davor. Und bis es so weit ist, werde ich wohl noch ein paar Tränchen vergießen. Tränen des Abschieds und der Vorfreude.

Eure Wiebke

Für die ganz Neugierigen: hier geht es zum Youtube-Video „Ade, du schöne Kindergartenzeit„.

 

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Ade, du schöne Kindergartenzeit - Abschied von der Kita

2 Comments

  1. 10 April 2018 at 10:04 pm

    Ach Du Liebe, ich kann Dich so gut verstehen, mir ging es letztes Jahr genauso. Ich konnte die letzten Kita-Monate überhaupt nicht genießen, so zerrissen war ich vor lauter Gefühlen und Gedanken. Es ist schon tatsächlich ein großer Schritt und eine große Veränderung, für die ganze Familie. Ich wünsche euch eine wunderbare restliche Kitazeit und einen tollen Sommer! Liebe Grüße!

    • 16 April 2018 at 9:35 pm

      Vielen Dank, meine Liebe. Ja, ich werde die Zeit noch besonders genießen und hoffen, dass die Umstellung gut klappt. LG Wiebke

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